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Hertha am Boden

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Ein Hertha-»Fan« fordert Lucas Tousart auf, das Trikot auszuziehen. © IMAGO

Die Pleite im Stadtderby mit der anschließenden Trikot-Demütigung ist ein neuerlicher Tiefpunkt für Hertha BSC Berlin. Nur wenig spricht für den Klassenerhalt.

Felix Magaths müde Augen hinter der Brille waren verräterisch. Die doppelte Derby-Demütigung durch Stadtrivale Union Berlin und die eigenen Fans brachte den Hertha-Trainer um den Schlaf. »Ich hatte schon schönere Morgen und war schon mal ausgeschlafener«, sagte der 68-Jährige am Sonntag bei Bild-TV. Er habe »fast die gesamte Nacht mit Grübeln« verbracht, verriet Magath, »über die Geschehnisse, darüber, was man vielleicht hätte anders machen sollen und was man jetzt tun muss.«

Viele Gedanken, viele Probleme. Die ebenso bittere wie verdiente 1:4 (0:1)-Pleite gegen den Stadtrivalen deklarierte einen neuerlichen Tiefpunkt in Herthas Horror-Saison. Aber zumindest eine erneute Konfrontation mit den eigenen Fans blieb dem Tabellenvorletzten erspart. Am Tag nach der Abreibung blieben die Ultras dem Trainingsgelände fern, Magath sprach von einer »Sonntagsruhe« - doch die trog gewaltig.

Die aufgebrachten Ultras hatten ihren Unmut schon nach dem Abpfiff im mit 74 667 Zuschauern ausverkauften Olympiastadion zum Ausdruck gebracht. Sie forderten die Spieler auf, die Trikots auszuziehen und vor der Ostkurve abzulegen. Die unmissverständliche Symbolik dahinter: Ihr seid das blau-weiße Trikot nicht wert! Manche wie Maximilian Mittelstädt (»Wollte einen Konflikt vermeiden«) und der starke Torhüter Marcel Lotka, der eine noch höhere Niederlage verhindert hatte, waren dem nachgekommen.

»Ich hätte es nicht gemacht«, gab Geschäftsführer Fredi Bobic zu. Er verstehe den Frust, sagte Bobic im Doppelpass bei Sport1, aber mit der Aktion sei »eine Linie überschritten« worden. Zumal sie kontraproduktiv gewesen sei: »Das macht was mit den Spielern - aber auf jeden Fall nichts Positives.«

Sportlich waren die Herthaner zuvor auf dem Platz auch gedemütigt worden. Die Unioner waren von Beginn an in allen Belangen überlegen und feierten vor brennenden Fackeln im Gästeblick ausgelassen das »Derby-Triple«. Nach dem Hinspiel (2:0) und dem Pokal-Achtelfinale (3:2) war dieser dritte Sieg vor der Mega-Kulisse das bisherige Saisonhighlight.

»Es gibt nichts Schöneres, als nach so einem Derby in der Kurve zu stehen und alle liegen sich in den Armen«, schwärmte Mittelfeldspieler Grischa Prömel. Sein Kopfballtor zum 2:1 (53.) sei »eine kleine Liebeserklärung an alle Unioner« gewesen, so der künftige Hoffenheimer, »ich wollte ein Stück zurückgeben«.

So viel Miteinander ist Hertha fremd. »Wie kriege ich die Spieler dazu, dass sie auf dem Platz zusammenarbeiten, zusammen sich wehren, zusammen kämpfen?«, fragte sich Magath. Er trainiere »ein Team, das leider keine Mannschaft ist«. Er beobachte fast ausschließlich »Einzelaktionen, nichts passiert richtig koordiniert«. Allerdings ist auch Kritik an seiner Aufstellung und Taktik erlaubt. Der 18 Jahre alte Debütant Julian Eitschberger war auf der linken Seite bis zu seiner Auswechslung zur Halbzeit überfordert, das Festhalten an der Vierer-Abwehrkette entpuppte sich ebenfalls als Fehler.

Trotzdem ist Magath weiterhin vom Klassenerhalt überzeugt. »Wir haben es selbst in der Hand«, sagte er mit Blick auf die kommenden drei Spiele gegen die direkten Konkurrenten FC Augsburg, VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld: »Wir dürfen uns nicht zu lange mit der natürlich schlimmen Niederlage beschäftigen. Wir müssen nach vorne schauen.« Auf die Frage, ob der Klassenerhalt mit Hertha eine größere Leistung wäre als das Double mit Bayern München (2005 und 2006), antworte Magath nach kurzem Zögern: »Stimmt.«

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