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Von der Trainerbank in die Grundschule

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Hat einen Draht zu Kindern: Der ehemalige Niddaer und Lindheimer Coach Daniel Steuernagel, auf diesem Bild als Trainer der Offenbach Kickers, ist wieder Grundschullehrer. © Red

Seit bald zwei Jahren ist Daniel Steuernagel ohne Job im bezahlten Fußball. Der 42-jährige Inheidener trainierte einst Kickers Offenbach und arbeitet seit Sommer wieder als Grundschullehrer.

Daniel Steuernagel sitzt im Arbeitszimmer seines neu gebauten Hauses in Ruttershausen, lehnt sich zurück und sagt: »Ich bin zufrieden. Ich bin als besserer Lehrer zurückgekommen.« Der 42-jährige gebürtige Laubacher zählt zu den absoluten Ausnahmen im mittelhessischen Fußballkreis, die es als Trainer in den Profibereich geschafft haben.

Nach Stationen als Cheftrainer des Viertligisten Kickers Offenbach und des Drittligisten KFC Uerdingen ist Daniel Steuernagel nun allerdings seit bald zwei Jahren ohne Job im bezahlten Fußball. Der Grundschullehrer ist im vergangenen Sommer zurückgekehrt in seinen ursprünglichen Beruf und reflektiert hier die Unterschiede zweier Welten: Dem »knallharten Geschäft« im professionellen Fußball auf der einen, und dem »berührenden Job« als Grundschullehrer auf der anderen Seite.

»Ja, da prallen zwei Welten aufeinander«, weiß Steuernagel. »Im Schul- bzw. Beamtendienst ist alles langfristig angelegt, im Fußball geht es sehr kurzfristig zu. Da bekommst du einen Anruf und wirst gefragt: Kannst du nächste Woche anfangen? Ich bin dem nicht abgeneigt. Aber es muss passen und mit dem Schulamt abgeklärt sein. Dadurch, dass ich mich hier in Mittelhessen sehr wohl fühle, muss ein neuer Verein ein gutes Team im Hintergrund und Nachhaltigkeit bieten können.«

Derzeit unterrichtet Daniel Steuernagel an drei verschiedenen Schulen: In Garbenheim, Philippstein und Rechtenbach. »Ich war immer gerne Lehrer und bin damals aus dem Schuldienst, weil ich eine Chance ergreifen wollte.«

Der Inheidener prägte mit dem damaligen SC Teutonia Watzenborn-Steinberg von 2014 bis 2016 und zwei Aufstiegen von der Verbands- in die Regionalliga eine Erfolgsära und durchlief danach die DFB-Ausbildung zum Fußballlehrer.

Es folgte das Angebot der Offenbacher Kickers. Dort wurde er nach 45 Partien mit einem Punkteschnitt von 1,69 Zählern pro Spiel entlassen, heuerte am 16. Oktober 2019 beim KFC Uerdingen unter dem Sportlichen Leiter Stefan Effenberg an. Dort wurde er nach rund fünf Monaten mit einem Punkteschnitt von 1,63 Zählern pro Partie beurlaubt.

Herr Steuernagel, Sie sind seit Anfang März 2022 zwei Jahre ohne Job im bezahlten Fußball - wie empfinden Sie das?

Mir geht es gut, ich habe viele Betätigungsfelder. Ich mache meinen Job als Grundschullehrer gerne. Und der Fußball ist ja nicht weg. Mein Fußballlehrer läuft nicht ab. Klar ist: Umso länger du raus bist aus dem Geschäft, desto schwieriger wird es. Aber ich genieße die Zeit, die ich habe. Jetzt ist Zeit für all die Dinge, die jahrelang nicht möglich waren: Zeit für mich. Skilanglauf, private Tennisduelle. Meine Frau freut sich total, dass ich öfter zuhause bin - und das nun schon eine ganze Weile.

Reizt es Sie noch, Fußballtrainer zu sein?

Selbstverständlich. Ich habe durch die Verbeamtung eben bloß eine gute Alternative. Im hessischen Raum wäre eine Anstellung als Trainer sicher kompatibel mit einem Teilzeitjob. Wenn ein Verein außerhalb von Hessen anfragt oder es ins Ausland gehen sollte, muss vieles passen. Ich bin nach wie vor heiß darauf, weiß aber, dass es eben auch andere Dinge im Leben gibt. Bei der JSG Lumdatal haben wir mit Jörg Kässmann und Thorsten Zimmerling eine Akademie ins Leben gerufen, in der wir Jugendliche individuell trainieren. Wenn ich sehe, mit welcher Begeisterung die Kinder da dabei sind, ist das erfüllend.

Inwiefern sind Sie durch Ihre Zeit in Offenbach und Uerdingen gewachsen?

Wenn du diesen täglichen Druck spürst, lernst du, damit umzugehen. Gerade die sozialen Kanäle haben ja eine enorme Fahrt in dieser Richtung aufgenommen. Ich konnte mich davon immer gut frei machen. Mich hat immer interssiert: Wie kann ich am Wochenende das nächste Spiel gewinnen? Wenn du da durchgegangen bist, wenn du mit einem russischen Oligarchen oder Stefan Effenberg zusammengearbeitet und diese Erfahrungen gemacht hast, gehst du anders mit der nächsten Elternbeschwerde um.

Sehen Sie die Zeit trotz der Entlassung bzw. Beurlaubung als Gewinn an?

Definitiv. Es ging mir nie um das Ego, sondern immer um die Sache. Ich bin jetzt nicht unglücklich. Klar reizt mich der Fußball. Und es kann etwas mit dir machen, wenn du einen Verein zweimal vorzeitig verlassen musst. Aber ich habe wieder einen Job, der mir Spaß macht. Menschen fragen mich gelegentlich: Warum willst du dir den Druck im Fußball antun? Wo ich doch überspitzt formuliert jeden Tag schöne Bilder von den Grundschülern gemalt bekomme. Aber ich sehe das nicht als negativ an. Ich habe keine Angst vor Veränderungen. Deshalb habe ich damals den Schritt gewagt. Im Fußball kannst du Begeisterung entfachen, wie damals in Watzenborn-Steinberg, als wir ein Ziel hatten. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch. Und ich definiere Leistung als etwas Positives. Es lohnt sich, sich anzustrengen. Das hat mich immer angetrieben - und vielleicht auch zufrieden gemacht.

Inwiefern können Sie Ihren Grundschülern vermitteln, dass sich Anstrengung lohnt?

Ich gebe ja viel Sportunterricht und sehe, mit welcher Freude die Kinder in die Turnhalle düsen. Menschen wollen sich bewegen - leider erziehen wir das unseren Kindern immer mehr ab. Der Mensch ist nicht dazu gemacht, träge zu sein.

Also kein sehnsüchtiger Blick zurück auf das Profifußballgeschäft?

Wenn ich damals, 2020, nicht gewusst hätte, dass ich wieder in den Beamtenstatus zurückkehren kann, hätte ich das Angebot eines österreichischen Zweitligisten aus Wien angenommen. Dort hast du auch eine tolle Lebensqualität. Es gab auch danach konkrete Anfragen. Aber wenn du erst einmal merkst, wie schön wir es hier in Mittelhessen haben, mit deiner Frau als Anker, überlegst du dir manches eben zweimal und prüfst: Passen alle Faktoren?

Inwiefern hat sich ihr Blick auf den Fußball gewandelt?

Das Geschäft ist knallhart, klar. Ich denke, dass sich vor allem mein Blick auf den Amateurfußball verändert hat: Ich wäre jetzt viel entspannter. Im Verhältnis zum Profibereich wollen die Jungs hier zwar auch gewinnen, aber es geht doch vor allem darum, eine geile Trainingseinheit und etwas Spaß zu haben. Früher war ich da viel verbissener. Du kannst auch ein zufriedener Trainer in der A-Liga sein. Es muss nicht Bayern München sein. Es liegt an dir selbst, wie glücklich du bist. Wenn ich jetzt nach einem Abendtraining mit den Jugendlichen aus dem Lumdatal heimkehre und weiß, dass die Jungs eine gute Zeit hatten, dann habe ich mehr Energie als vorher.

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