Sportwoche unter der Lupe: Das geht unter die Haut

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RAINROD/HAINCHEN - Am Donnerstag hat der Hessische Fußball-Verband die Annullierung der Spielzeit 2020/21 offiziell besiegelt. Damit befinden sich die heimischen Amateurkicker seit Ende Oktober des vergangenen Jahres in der Warteschleife. Wann sie wieder auf die Sportplätze gelassen werden, ist ungewiss. Für Menschen wie Sebastian Keil eine furchtbare Zeit.

Er lebt und liebt Fußball. Der SV Rainrod geht ihm sogar unter die Haut, wie ein Blick auf seine rechte Wade verrät. An diese Stelle hat sich der 39-Jährige nämlich ein Logo tätowieren lassen. "Ich vermisse die Gemeinschaft, die Ansprachen vor den Partien und vieles mehr", erzählt er. Normalerweise hätte sein SVR morgen mit beiden Mannschaften Spiele gegen die SG Usenborn/Bergheim. "Dann würde ich morgens mit den Trainern telefonieren, die Spielberichtsbögen ausfüllen und im Sportheim alles vorbereiten. Mittags aktiv im B-Team spielen und anschließend das A-Team als Spielausschuss betreuen", berichtet Keil, der zudem als Jugendleiter und Jugendtrainer aktiv ist. All das fällt aktuell wegen der Pandemie flach.

Das einzig Gute an der Fußball-Zwangspause: Keil und seine Kumpels haben noch mehr Zeit, sich Gedanken über neue Aktionen rund um den SV Rainrod II zu machen. Wenn er, Kapitän Sebastian Würtz und Spielausschuss Björn Lingner am Computer sitzen, sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. So entwickelten Keil und Co. beispielsweise ein eigenes Logo für die "Die Zwoot", das B-Team des SV Rainrod. Neben dem Vereinswappen sind drei Würfel, ein Fünf-Euro-Schein und ein Apfelweinglas zu sehen. Jeder Würfel steht für eine Reserve-Meisterschaft. Und weil die Rainröder nach dem Training gerne das Würfel-Trinkspiel "Schocken" spielen, leuchten die Meistersterne auf einen Würfel. "Zudem sammeln wir von jedem Akteur fünf Euro, um die Köstlichkeiten nach den Spielen zu zahlen. Unter anderem wird gerne Apfelwein getrunken", erklärt Keil die anderen Schlüsselelemente des Logos.

Dieses Kunstwerk ziert auch die Wade des Vaters zweier Töchter. "Nach unserer letzten Herbstmeisterschaft in der Saison 2019/20 ließ ich mir das Logo tätowieren. Der dritte Würfel sollte eigentlich direkt nach dem Titelgewinn auf dem Platz gestochen werden. Daraus wurde wegen des Saisonabbruchs im Juni des vergangenen Jahres leider nichts", berichtet Keil, der das Werk mittlerweile im Studio vollenden ließ.

Keil und Kollegen zauberten in den vergangenen Jahren auch andere Kunstwerke. Die Photoshop-Experten fertigten nach der Reserve-Meisterschaft 2016 ein Meisterfoto im Panini-Design an. Mitspieler Martin Wesely, der die Wortkreation "Die Zwoot" ins Leben gerufen hat, erschien nach dem ersten Titelgewinn mit einem Oberlippenbart im Training. "Daraufhin haben wir uns alle einen Bart wachsen und so ablichten lassen", erinnert sich Keil. Beim zweiten Titelgewinn wurde die Aktion wiederholt. Nach der dritten Meisterschaft musste eine Steigerung her. Das gesamte Team traf sich zum Fototermin im Sportheim. Die Wände wurden mit Decken abgehängt, und die Meistermannschaft stellte das weltberühmte Gemälde "Das letzte Abendmahl" von Leonardo da Vinci nach.

"Wir sind eben eine eingeschworene Gemeinschaft mit vielen altgedienten Spielern und lassen uns immer etwas einfallen. In der richtigen Gesellschaft kommen die Ideen von alleine", sagt der Rainröder. Das beeindruckt sogar seinen Arbeitgeber Michael Schmidt von der Kunst- und Bauschlosserei in Hammersbach. "Obwohl ich im Main-Kinzig-Kreis arbeite und mein Chef aus Hammersbach kommt, ist er von der Mannschaft so angetan, dass er regelmäßig zu Spielen der 'Zwooten' kommt, Bandenwerbung in Rainrod macht und unser Team sogar mit neuen Jacken ausgestattet hat", sagt Keil.

Weil die Stimmung aktuell im kompletten Verein gut ist, hat Keil - trotz Corona - keine Angst vor Abgängen oder Vereinsaustritten. "Beide Mannschaften bleiben soweit zusammen. Wir sind auf einen möglichen Re-Start vorbereitet."

Sorgen bereitet ihm eher die nächste - wann auch immer kommende - Reserve-Meisterschaft. Dann müsste er auf seiner Wade Platz für einen weiteren Würfel finden. Viel lieber wäre ihm ohnehin, wenn die erste Mannschaft des SV Rainrod den Aufstieg in die Kreisoberliga schaffen würde. "Dann könnten wir mit unserem Team endlich in Konkurrenz in der B-Liga antreten - somit um eine richtige Meisterschaft und den Aufstieg spielen." Das würde Keil noch zu seinem Fußball-Glück fehlen.

Weil die Fußball-Saison abgebrochen und ein Neu-Start nicht in Sicht ist, helfen nur Erinnerungen. Erinnerungen an frühere Spiele, schöne Tore, glorreiche Siege, tolle Teamkollegen und harte Gegner. In diesen Erinnerungen schwelgen aktuell besonders diejenigen, die sich an der Kreis-Anzeiger-Serie "Meine Traumelf" beteiligen und ihre Wunschformation zusammenstellen. Vor drei Wochen nominierte der Büdinger Kreisfußballwart Jörg Hinterseher seine Traumelf - und geriet dabei ins Schwärmen. Er erinnerte sich an den legendären Pokalsieg seines VfR Hainchen von 1997, als er im Finale kurz vor Schluss für Holger Eckhardt eingewechselt wurde. So weit, so richtig. Nur das Ergebnis hatte Hinterseher, der sich nach der Traumelf-Veröffentlichung über viele positive Rückmeldungen freute, vor lauter Gefühlsduselei nicht mehr richtig im Kopf. Hinterseher sprach konsequent von einem 7:4-Erfolg gegen den SV Rohrbach. Dabei endete die Partie 9:6 - wie Holger Eckhardt nun in einem Gespräch mit dem Kreisfußballwart aufklärte. Wie dem auch sei. Hoffen wir auf weitere Spiele für die Ewigkeit im heimischen Fußballkreis. Auf Partien mit elf oder 15 Toren. Hauptsache, die Pandemie steht auf der Verliererseite.

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