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Kann trotz aller Sorgen noch lachen: Kreisschiedsrichterobmann Sebastian Poth.

Im Interview

Schiedsrichtermangel im Fußballkreis Büdingen sorgt für 44 unbesetzte Spiele

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Sebastian Poth schlägt Alarm. Dem Kreisschiedsrichterobmann des Fußballkreises Büdingen fehlen Unparteiische. Die Folge: Nicht alle Partien können mehr besetzt werden - und es wird schlimmer.

Vor jedem Wochenendspieltag müssen Sebastian Poth und seine Ansetzer-Kollegen von der Schiedsrichtervereinigung Büdingen unheimlich viel Zeit investieren. »Es ist schon ein Kampf, bis wir alle Unparteiischen eingeteilt haben«, gesteht der Büdinger Kreisschiedsrichterobmann, der für den VfR Hainchen pfeift. Und manchmal bleiben trotz größter Bemühungen einige Fußballpartien unbesetzt. Mit dem Kreis-Anzeiger spricht der 43-jährige Familienvater aus Rommelhausen über seinen wöchentlichen Ansetzungs-Wahnsinn, den fehlenden Nachwuchs und die Gewalt auf Sportplätzen.

Die lange Corona-Zwangspause ist seit knapp vier Monaten vorbei. Wie hat die Schiedsrichtervereinigung den Re-Start erlebt?

Genau mit Beginn der Runde sind unsere Befürchtungen eingetreten. Wir haben zwar 103 Schiedsrichter auf unserer Liste stehen - einige, beispielsweise Edgar Schäfer, wirken aber nur noch als Beobachter oder sind gar Karteileichen. Nur 35 bis 40 stehen uns Sonntag für Sonntag zur Verfügung. Wir bräuchten eigentlich mehr.

Das heißt?

Jeden Donnerstag beginnt die große Überredungsarbeit. Es kommt nicht selten vor, dass wir unsere Unparteiischen, die freitags und samstags bereits drei Juniorenspiele pfeifen, sonntags um einen weiteren Einsatz im Seniorenbereich bitten müssen. Prinzipiell läuft es so, dass Kai Neumann und Rolf Seifert die Juniorenspiele mit Schiedsrichtern aus unserem eigenen Kreis besetzen. Im Seniorenbereich reisen unsere Männer und Frauen in die Kreise Gießen, Lauterbach-Hünfeld, Schlüchtern, Gelnhausen, Hanau, Offenbach, Dieburg, Frankfurt, Hochtaunus und Friedberg. Dafür übernehmen diese Kreise unsere Seniorenspiele. Lediglich in der Büdinger Kreisliga A Reserven und Kreisliga B 1 Reserven setzen wir - wenn noch vorhanden - unsere eigenen Leute ein.

Und wie lange dauert es, bis alle Spiele besetzt sind?

Einmal schaute ich genau auf die Uhr und investierte von Donnerstag bis Sonntagmorgen neun Stunden in Telefonate und Kommunikation per Mail. In der Regel geht es aber etwas schneller. Im Seniorenbereich sind Stephan Bretthauer und ich im Einsatz. Jetzt kommt noch Kevin Eberheim dazu. Wir stehen ständig in Kontakt mit unseren Austauschkreisen. Dabei gilt: Wir besetzen von oben nach unten. Erst wenn die Kreisoberligen abgedeckt sind, folgen die A-Ligen und die weiteren Klassen. Am Ende fehlen dann für unsere außer Konkurrenz spielenden Reserve-Spielklassen die Unparteiischen. An unserem schlechtesten Wochenende mussten wir sieben Vereinsvertreter der Gastgebermannschaften bitten, die Spielleitung selbst zu übernehmen. In der Regel sind es drei oder vier pro Spieltag.

Wie viele Spiele wurden seit Rundenbeginn nicht mit offiziellen Unparteiischen besetzt?

In unserem Fußballkreis waren es 44. Leider auch zwei davon in der in Konkurrenz spielenden Kreisliga B Büdingen Gruppe 2 mit den zweiten Mannschaften unserer Kreisoberliga-Teams.

Wann müssen Sie mitteilen, dass erstmals ein Erstmannschaftsspiel nicht besetzt werden kann?

Der Tag X könnte schon am Ende der laufenden Runde kommen, wenn alle Partien wegen möglicher Auf- und Abstiegsentscheidungen zeitgleich ausgetragen werden müssen. Aktuell sind die Spieltage mit Partien am Freitagabend, Samstag und Sonntag noch gut verteilt.

Vor einem halben Jahr standen 101 Unparteiische auf Ihrem Zettel, jetzt sind es 103. Wie viele stehen im kommenden Jahr drauf?

Das ist schwer zu sagen. Wir hatten zuletzt zwei Abgänge, durften aber auch vier Neulinge begrüßen. Unter ihnen ist mit Jürgen Radeck sogar unser ehemaliger Verbandsfußballwart. Das ist wohl ein Novum im Hessischen Fußball-Verband. Insgesamt passt die Altersstruktur nicht. Über ein Viertel der Schiedsrichtervereinigung Büdingen ist 60 oder älter. Der Nachwuchs fehlt. Die kommenden Neulingslehrgänge sollen übrigens zentral gesteuert werden und hessenweit sowie online stattfinden. Das ist die Zukunft. Zuletzt hatten wir nach unseren Neulingslehrgängen einmal zwei und einmal vier neue Schiedsrichter. Da stehen für eine Schiedsrichtervereinigung Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis.

Wie kann die Trendwende eingeleitet werden?

Es gibt leider kein Standardrezept. Wir sprechen von einem Hobby - und zu seinem Hobby kann man niemanden zwingen. Zumal es mittlerweile so viele Möglichkeiten gibt, seine Freizeit zu gestalten. Ich verstehe auch die Vereine, die primär ihre Spieler bei Laune halten und alle eigenen Vorstandsposten besetzen wollen. Aber: Für einen geregelten Spielbetrieb sind auch Schiedsrichter nötig. Da steht jeder Verein in der Pflicht. Gerade auch die Spielgemeinschaften, die erwarten, dass all ihre Junioren- und Seniorenspiele regelmäßig besetzt werden, aber ihre an der SG beteiligten Vereine keinen oder nur einen Schiedsrichter stellen.

Müssen Vereine, die nicht genügend Unparteiische stellen, härter bestraft werden?

Nein. Mehr Punktabzüge und höhere Geldstrafen sind nicht zielführend.

Was sollte sich stattdessen ändern?

Immerhin wird zur neuen Saison der Spesensatz angehoben. Dann bekommt jeder Unparteiische im Schnitt 10 Euro mehr pro Spiel. Die Attraktivität unseres Hobbys steht und fällt aktuell mit der medialen Präsenz. Früher gab es auch schon Spielabbrüche, Rudelbildungen, Beleidigungen und andere unschöne Zwischenfälle. Durch Facebook, Instagram und Co. wird nun jeder mehrmals täglich auf diese Dinge hingewiesen. Das schreckt natürlich mögliche Neulinge ab. Deshalb kann ich nur an die Vereine appellieren, dass der Umgang miteinander besser wird. Respekt und Akzeptanz müssen wieder steigen -- das ist wichtig

Können Schiedsrichter besser geschützt werden, in dem die Übeltäter härter bestraft werden?

Auch wenn ich prinzipiell kein Freund von harten Bestrafungen bin, dürfen diese nicht zu lasch ausfallen und je nach Schwere der Tat angemessen sein. Denn: Gewalthandlungen haben auf unseren Sportplätzen nichts zu suchen.

Zu Rundenbeginn gab es einige Regeländerungen. Unter anderem wurde auf Kreisebene die Zehn-Minuten-Zeitstrafe eingeführt. Hatten die Schiedsrichter große Probleme damit?

Das größte Problem ist, dass die Regeln nicht einheitlich sind. Vor dem Anpfiff muss man sich fragen, ob man ein Jugend-, Frauen- oder Männerspiel pfeift. Hinzu kommt: Ab der Gruppenliga aufwärts gibt es dann wieder andere Regeln.

Welchen Wunsch haben Sie für die weiteren Spieltage?

Dass sich Schiedsrichter, Spieler sowie Zuschauer freundlich und auf Augenhöhe begegnen.

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