Neues Leistungsklassensystem im Tennissport

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NIDDA - Es muss rund um die Jahrtausendwende gewesen sein, als man sich in Tennis-Deutschland Gedanken darum machte, wie eine adäquate und flächendeckend wirksame Einstufung der Spielstärke aller Racketschwinger in der Republik gelingen kann. Dabei heraus kam schließlich die Online-Erfassung sämtlicher relevanter Ergebnisse - von Mannschaftswettspielbetrieb bis hin zu Turniereinsätzen - und die Einführung eines Leistungsklassen (LK)-Systems in allen dem Deutschen Tennis-Bund (DTB) untergeordneten Landesverbänden.

Gut 20 Jahre später ist dieses System nun reformiert worden. Mit Wirkung zum 1. Oktober gilt "LK 2.0" - mit einigen Änderungen, die für noch mehr Gerechtig- und Genauigkeit sowie mehr Dynamik bei der realistischen Bewertung des Leistungsvermögens der Tennisspieler sorgen sollen.

Vor der Einführung des LK-Systems erfolgte die Einstufung der Spielstärke, die auch und vor allem für die Aufstellung der Mannschaften für die Medenspiele maßgeblich war und ist, auf anderen Wegen. Über vereinsinterne Leistungsvergleiche im Training, bei Clubmeisterschaften oder Ranglistenspiele. Vor allem Letzteres ebbte jedoch nach dem Ende des Tennisbooms hierzulande nach und nach ab. Was zu immer willkürlicher werdenden Aufstellungen und dazu führte, dass im Liga-Wettspielbetrieb nicht mehr zwingend der Beste/Schwächste des einen Teams gegen den Besten/Schwächsten des anderen antrat. So wie es eigentlich mal angedacht war und im Sinne des Sports auch sinnvoll und fair ist.

Abhilfe schuf da ein Leistungssystem, das - grob umrissen - auf der Vergabe von Punkten für errungene Siege basiert. Je mehr Zähler gesammelt werden, desto besser die Leistungsklasse, desto weiter vorne die Einstufung innerhalb der Mannschaft. Und desto höher eben die Wahrscheinlichkeit, in der Medenrunde auf einen ähnlich starken Kontrahenten zu treffen. Bei dieser großen Errungenschaft in Sachen Gerechtigkeit - und aufgrund der Erfassung sämtlicher Resultate über entsprechende Internet-Portale auch Transparenz - hatte das "alte" LK-System aber auch noch die eine oder andere Schwäche, die nun mit "2.0" behoben werden soll. "Anstoß der Entwicklung der bevorstehenden Leistungsklassen-Reform war eine Umfrage, die im Jahr 2017 unter den aktiven Tennisspielern in Deutschland vorgenommen wurde", heißt es in einer vom DTB veröffentlichten Mitteilung, in der die vorgenommenen Änderungen, die mit "Beginn der Wintersaison greifen" detailliert erläutert werden.

Die größte grundsätzliche Neuerung ist dabei, dass seit dem 1. Oktober die LK-Berechnung auf Basis der in diesem Zeitraum bei Mannschaftsspielen und/oder Turnieren erzielten Ergebnisse wöchentlich aktualisiert wird und die gegebenenfalls neue Leistungsklasse auch sofort zur Anwendung kommt.

Mit Blick auf die Medenrunde wären - für Sportwarte und Mannschaftsführer fast schon (Horror-) - Szenarien, dass sich bei veränderten LKs innerhalb eines Teams während der Saison auch die einst vereinbarte Rangfolge ändert. Dass etwa der Topgesetzte zwischenzeitlich von einem Mitspieler überflügelt wird und für die nächste Begegnung auf Position zwei zurückfällt. Dies wird jedoch nicht eintreten, wie der HTV mitteilt: "Entgegen der dynamischen wöchentlichen Aktualisierung der LK wird die namentliche Meldung nicht wöchentlich aktualisiert, sondern verbleibt statisch. Stichtag für die in der namentlichen Meldung ausgewiesene LK wird der 1. Februar eines Jahres sein.

Komplett revolutioniert - und zum Leidwesen sicher einiger Beteiligter auch deutlich verkompliziert - wurde die neue Berechnung der LK. Vorher war das relativ einfach geregelt: Bei einem Sieg gegen einen Gegner, der zwei oder mehr Leistungsklassen besser eingestuft ist, gab es 150 Punkte, deren 100 für einen Erfolg bei einer LK besser, 50 Zähler gegen einen gleich eingestuften Kontrahenten. Das setzte sich fort mit 30 (eine LK schlechter), 15 (zwei), zehn (drei) und fünf (vier und mehr) Punkten. Wohlgemerkt nur im Einzel, für einen Sieg im Doppel wurden pauschal und unabhängig vom Mitspieler und den Akteuren auf der anderen Seite des Netzes zehn Zähler gutgeschrieben. Es gab eine bestimmte Jahrespunktzahl, die erreicht werden musste, um die Leistungsklasse zu halten. Lag man drüber, stieg man auf - mit dem Zusatz, dass eine bestimmte Anzahl an besseren Spielern geschlagen werden musste -, wurde sie nicht erreicht, bedeutete dies den Abstieg - durchaus auch mal gleich mehrere Klassen.

Einfach geregelt, aber auch wirklich fair in der heutigen Tennis-Wirklichkeit? Denn in den Medenpartien, die gerade bei Hobbyspielern den Löwenanteil bei den LK-relevanten Einsätzen ausmachen, kommt es eher selten vor, dass sie in der gleichen Spielklasse auf Gegner treffen, die eine wesentlich andere Leistungsklasse haben als sie selbst. Und gerade das war ja mit der Einführung des Systems auch ursprünglich so angestrebt. Dementsprechend war es bislang auch recht schwer, eine vergleichsweise hohe Punktzahl zu erzielen. Und gerade in den unteren Ligen war es oft fast unmöglich, sich zu verbessern, weil die Gegenspieler LK-gleich oder -schlechter unterwegs sind.

Für ein realistischeres Bild wurde nun zunächst an der generellen Punktevergabe geschraubt. Gleich bleibt, dass für einen Sieg gegen einen leistungsklassengleichen Gegner 50 Punkte verbucht werden. Dann geht es pro LK-Unterschied gleichgroß in Zehnerschritten nach unten und nach oben, woraus sich eine Verteilung zwischen mindestens zehn (Bezwungener sechs und mehr Leistungsklassen schlechter) und höchstens 110 (sechs und mehr besser) Zählern ergibt.

Ferner wurde die Jahresmindestpunktzahl durch eine sogenannte "Hürde" ersetzt, die von der eigenen Leistungsklasse abhängt. Je besser/schlechter die LK, desto höher/niedriger ist die Hürde. Diese Hürde wird - und jetzt wird es richtig kompliziert - mit der erspielten Punktzahl verrechnet. Genauso wie mit einem Altersklassenfaktor, der dem Aspekt Rechnung trägt, dass Siege gegen deutlich ältere Kontrahenten schon aufgrund deren zumeist schwächeren körperlichen Fitness etwas niedriger bewertet werden sollen. Die exakte Berechnung geschieht mit Hilfe einer komplexen mathematischen Formel, die noch exaktere Ergebnisse mit einer Nachkommastelle hervorbringt, die der Spieler jederzeit aktuell in seinem "LK-Porträt" online nachvollziehen kann. Von nun an zählt jeder Sieg sofort und ist zudem im Gesamtzusammenhang mehr wert als vorher. Auch Erfolge gegen LK-schwächere Kontrahenten führen dabei zu einer stärkeren Verbesserung.

Dazu kommt, dass der jährliche Abstieg um maximal zwei Leistungsklassen, im Falle dass gar nicht oder zu wenig gewonnen sowie überhaupt nicht gespielt wurde, abgeschafft ist. Zugunsten eines monatlich erfolgenden "Motivationsaufschlages", der mit erfolgreichen Matches abgetragen werden kann. Gelingt innerhalb eines Jahres kein Sieg, verschlechtert das die LK zwar auch ein wenig, aber nicht in dem vorherigen Ausmaß.

Ein weiterer großer Einschnitt mit "LK 2.0": Die wie die Einzel zu den Mannschaftsspielen dazu gehörenden Doppel werden deutlich aufgewertet. In der Form, dass sie, genauso übrigens wie Mixed-Partien, die bei Turnieren absolviert werden, von nun an analog zu den Matches, die alleine bestritten werden, bewertet werden. Für die Berechnung der Punkte und der Hürde wird der LK-Mittelwert der beiden Partner zugrunde gelegt und das Ergebnis den beiden Gewinnern zu je 50 Prozent als LK-Verbesserung angerechnet. "Es ist ganz wichtig, dass das Doppel endlich aufgewertet wird", hält Tenniskreisvorsitzender Wanderer diese Neuerung für die vielleicht sogar beste überhaupt. Denn so könne jemand, der in der Medenrunde vielleicht nur zum Doppelspielen komme, beispielsweise auch, wenn ein Mitspieler nach seinem Einzel nicht mehr antreten könne, in Sachen LK viel mehr von seinem Einsatz profitieren als vorher.

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