Mittelhessen-Derby: Alte Stärken und neue Schwächen

  • schließen

HAIGER - TSV Steinbach Haiger gegen FC Gießen, dieses Mittelhessen-Duell der Fußball-Regionalliga stand in jüngster Vergangenheit für knappe Spiele, für Siege mit nur einem Tor Unterschied, für intensive Zweikämpfe und immer mehr für Emotionen. Insbesondere in den letzten zwei Partien im Hessenpokal und der Liga war Feuer in diesen Spielen, die sich den Begriff Derby mehr und mehr verdienten.

Und wenn, ja wenn Zeki Erkilinc nach nur fünf Minuten am Haigerer Haarwasen Steinbachs Keeper Raphael Koczor überwunden hätte, es hätte wieder ein heißer Tanz vor leider erneut leeren Rängen werden können. "So etwas hätte natürlich gerade in einer Englischen Woche noch einmal Kräfte freisetzen können", wusste auch FCG-Trainer Daniyel Cimen. Der Matchplan des TSV "kompakt zu stehen, Gießen kommen zu lassen und schnell umzuschalten", so Kapitän Sören Eismann, er wäre frühzeitig über den Haufen geworfen worden.

Stattdessen aber wurde es ein deutlicher 4:0-Erfolg für die Heimelf aus Haiger. "Wir waren in den entscheidenden Momenten zu passiv und hatten keine Effektivität bei den eigenen Torchancen. Vielleicht fehlte uns nach der Englischen Woche auch ein wenig die geistige Frische", begründete Cimen die Pleite. Ein vielleicht zu deutlicher Erfolg, denn "von den Spielanteilen waren wir gar nicht so schlecht", befand FC-Regisseur Michael Fink, der nicht nur mit einem Sahnepass Erkilincs Großchance aus der eigenen Hälfte einleitete, sondern in der 15. Minute die zweite größere Chance der Gäste hatte, aber nicht genug Druck hinter seinen Kopfball bekam.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Steinbacher aber schon eiskalt zugeschlagen - Flanke Philipp Hanke, Kopfball Torjäger Sascha Marquet, 1:0. Im 4-3-3 angetreten, wollten die Gäste das Zentrum dichtmachen und vor allem über den schnellen Erkilinc sowie Mittelstürmer Ali Ibrahimaj für Gefahr zu sorgen. Doch ehe diese Offensive ins Rollen kommen konnte, stand es bereits 0:2. Wieder setzte sich Hanke auf rechts durch, fand diesmal Eismann im Zentrum. Und der sträflich alleine gelassene TSV-Sechser setzte entspannt zu einem Seitfallzieher an. "Wir haben vergangene Woche Fußballtennis gespielt, da hat das mit den Seitfallziehern bei mir auch immer ganz gut geklappt", grinste der 31-Jährige ob seines Traumtores.

Leidtragender in beiden Fällen: Ryunosuke Takehara, der auf seiner linken Seite, allerdings auch ohne Unterstützung seiner Teamkollegen, überfordert mit dem agilen TSV-Duo Hanke und Serhat Ilhan war. Doch Coach Cimen machte dem Japaner keinen Vorwurf: "Er muss sich auch darauf verlassen können, dass seine Mitspieler besser verteidigen. In beiden Situationen stehen wir im Zentrum in einer Vier-gegen-zwei Überzahlsituation, schauen aber nur zu", ärgerte sich Cimen, dass es der sonst so stabilen Abwehr um Kapitän Hendrik Starostzik ausgerechnet im Derby an Zweikampfverhalten mangelte.

Der TSV knüpfte dagegen nahtlos an die starke Ausbeute des 4:0-Siegs gegen Alzenau an. "Wir haben keinen Chancenwucher betrieben, hatten ein gutes Offensivspiel und ein gutes Passspiel", war Steinbachs Trainer Adrian Alipour hochzufrieden. Da war auch die frühe Auswechslung von Dino Bisanovic zu verschmerzen: "Er hatte ein ganz leichtes Zwicken in der Wade und mit Blick auf das Pokalspiel am Dienstag in Kassel wollte ich kein Risiko eingehen."

Mit den beiden frühen Toren war die Partie praktisch entschieden. Gießen versuchte weiter, mit spielerischen Mitteln nach vorne zu kommen, was Steinbach mit aggressivem Pressing verhinderte und zugleich den Weg nach vorne suchte. Ko Sawada dribbelte sich an zwei Gießenern vorbei, bei Gabriel Weiß war zwar Endstation, jedoch nur, weil der Außenverteidiger die Hand zu Hilfe nahm - Schiedsrichter Jonas Brombacher zeigte sofort auf den Punkt. FCG-Keeper Frederic Löhe parierte den allerdings unplatzierten Schuss von Marquet zunächst, war beim Abstauber von Serhat Ilhan aber machtlos (28.). Kurz vor der Pause machte es Marquet aus elf Metern besser, nachdem Marco Boras Paul Stock unsanft gestoppt hatte (44.).

Gießen war nun endgültig geschlagen, fiel aber nicht auseinander. "Ich muss meinem Team in der zweiten Hälfte ein Kompliment machen. Die Jungs haben alles versucht, um das Ergebnis noch dem Spielverlauf anzupassen. Diesen Charaktertest haben die Jungs bestanden", fand Cimen am Ende versöhnliche Worte, wenngleich sein Team keine Großchancen mehr verbuchte. Hinten wurde es nur noch einmal brenzlig, als in der 55. Minute Sawada Löhe umkurvte, aber am leeren Tor vorbeischob (Cimen: "Da war er wohl gnädig mit mir als Ex-Trainer"). Viel mehr kam vom TSV offensiv nicht. "Es ging nicht mehr darum, dass fünfte Tor zu schießen, sondern darum, keins zu kassieren. Deswegen haben wir die Räume weiter eng gemacht und den Gegner spielen lassen, um auch ein bisschen Energie zu sparen", ging Alipours Matchplan auch nach der Pause auf. So mischt der TSV weiter vorne mit, während der FC den Haarwasen "über dem Strich" verlässt und daran arbeiten kann, dass es bald wieder zu knappen Mittelhessen-Derbys kommt.

Das könnte Sie auch interessieren