1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Huba Sekesi: Die Pandemie, der Kraftakt, der »Wow«-Effekt und ein Telefonat

Erstellt:

Von: red Redaktion

_20211203_ECN_EPC_106_14_4c_3
Huba Sekesi spielt in der vierten Saison für den EC Bad Nauheim und ist Assistenz-Kapitän der Roten Teufel. © pv

Huba Sekesi ist in seiner vierten Saison beim EC Bad Nauheim unter Vertrag und Assistenz-Kapitän. Im Interview spricht der 28-Jährige über das Erfolgsgeheimnis, Motivation und Ziele.

Die Fans sind am Freitagabend einfach da geblieben. Sie haben gesungen, geklatscht - voller Stolz, voller Begeisterung und einer Niederlage zum Trotz. Noch Minuten nach Spielende waren annähernd 3000 Eishockey-Anhänger im Colonel-Knight-Stadion, als die Roten Teufel noch einmal aus der Kabine gekommen waren, teils in Schwitzanzügen und mit Badelatschen. Beifall und Respekt zollten die Zuschauer ihrem EC Bad Nauheim, der in der Deutschen Eishockey-Liga 2 eine außergewöhnlich erfolgreiche und zugleich mitreißende erste Hauptrunden-Hälfte spielt.

Huba Sekesi ist Assistenz-Kapitän der Mannschaft. In seiner vierten Saison spielt der 28-Jährige für die Kurstadt, zählt zu den Dienstältesten. Im Interview nennt er das Erfolgsgeheimnis, spricht über die Folgen der Corona-Pandemie in der Kabine, den Kraftakt mit nur vier Verteidigern, über Ziele und ein Telefonat mit Grant Basse aus Bad Tölz, der nach einem Zusammenprall mit ihm verletzungsbedingt zuschauen muss.

Huba Sekesi, müssen Sie sich beim Blick auf die Tabelle schon mal kneifen?

Zu erwarten war diese Position sicher nicht. Der Grundstein wurde in der Vorbereitung gelegt. Ich hatte ein gutes Gefühl, auch wenn dort nicht alles so funktioniert hat. In den vergangenen Jahren hatten wir gute Vorbereitungsphasen und später Durchhänger. Mir ist’s lieber, aus den Fehlern der Vorbereitung zu lernen.

Die vergangenen drei Wochen waren aufgrund von Corona-Infektionen, zahllosen Tests und fehlendem Trainingsrhythmus sehr unruhig. Wie ist es der Mannschaft gelungen, damit umzugehen?

Das war wirklich ein ziemliches Hin und Her. Teilweise waren wir schon auf dem Weg ins Stadion, als wir benachrichtigt wurden, doch zu Hause zu bleiben. Es ist schwer, in einen Rhythmus zu kommen sich zu konzentrieren. Man weiß nie, wen es als nächsten trifft oder ob man selbst betroffen ist. Da kann man schon paranoid werden. Wenn ich ein bisschen Kopfschmerzen hatte, habe ich gleich einen Test gemacht. Seitdem das Virus präsent ist, muss man sich aber darauf einstellen, den Tagesplan umzuwerfen, um auf Entwicklungen reagieren zu können.

Die Mannschaft hat in den vergangenen Spiele fast ausschließlich mit nur vier Verteidigern gespielt. Das ist während einer Hauptrunde außergewöhnlich. Wie lange lässt sich dieser Kraft- und Konzentrationsakt durchhalten?

Das ist eine gute Frage. Am Sonntag in Dresden hatte ich das Gefühl, je öfter wir das machen, desto mehr gewöhnt man sich daran. Wir haben unseren Rhythmus, gehen auf das Eis für einen Spielzug und gehen wieder runter. Aber natürlich kommt es auch auf den Gegner an. Das Spiel gegen Frankfurt war sehr anspruchsvoll. Selb ist drei Tage zuvor nicht so aggressiv ins Forechecking gegangen. Und auch in Dresden hatte ich den Eindruck, dass wir die Ausfälle ganz gut kompensieren können und die Situation ziemlich unter Kontrolle haben.

Am Freitag stand mit Niklas Lunemann plötzlich ein 19-Jähriger in der Kabine, der ausgerechnet im Hessen-Derby sein erstes Profi-Spiel zu bestreiten hatte. Niemand hatte ihn zuvor spielen sehen. Wie ist die Mannschaft damit umgegangen?

Das ist natürlich ein bisschen merkwürdig. Aber das hat in Bad Nauheim mit Hendrik Hane gegen Frankfurt schon einmal sehr gut geklappt. Wir wussten, dass Niklas ein guter Torhüter ist, der jetzt zur U 20-WM fährt. Er kam in die Kabine, wirkte super-sympathisch und kein bisschen nervös.

Man hatte den Eindruck, dass noch mehr Schüsse als in anderen Spielen geblockt wurden. Oder ist das dem Derby-Faktor geschuldet gewesen?

Ich denke, das steckt in uns drin; und sicher hat das Derby auch noch eine kleine Rolle gespielt. Ich selbst habe keine Sekunde daran gedacht, dass Niklas Lunemann anstelle unserer Stammtorhüter auf dem Eis ist, sondern genauso gespielt wie auch sonst.

Trotz der Niederlage: Die Fans haben die Mannschaft noch lange, lange nach Spielende gefeiert.

Ja, das war schon ziemlich cool. Wir saßen in der Kabine, waren frustriert nach der Niederlage und haben das draußen erst gar nicht so richtig wahrgenommen, bis unser Trainer gesagt hat: ›Jungs, ihr solltet noch mal raus gehen.‹ Einige standen da schon nur im Handtuch in der Kabine. Dann sind wir raus und dachten einfach nur ›Wow‹. Das Stadion hat richtig gebebt. Vielleicht hat sich während der Geisterspiel-Saison auch bei den Fans einfach vieles aufgestaut. Das spürt man schon, wenn man ins Stadion kommt. Wir sind froh, dass in Bad Nauheim die Zuschauer kommen dürfen, das kann ein Vorteil für uns sein.

Das Spiel in Dresden bot dann den Kontrast. Zuschauer waren nicht erlaubt. Fühlt sich das mit nur zwei Tage Abstand nicht wie ein Trainingsspiel an?

Nein. So ein bisschen kennt man diese Atmosphäre ja noch aus der Vorsaison. Für mich persönlich war das von Freitag auf Sonntag keine große Umstellung. Der Fokus lag darauf, nach der Niederlage von Freitag nun in Dresden zu gewinnen. Mit etwas anderem habe ich mich nicht beschäftigt.

Die Roten Teufel zeigen eine unheimliche Konstanz. Zudem wurde kein Spiel mit mehr als zwei Toren Unterschied verloren. Was macht Harry Lange anders als sein Vorgänger Hannu Järvenpää, oder ist die Mannschaft aufgrund der zahlreichen Veränderungen nicht mehr mit dem Team aus der Vorsaison vergleichbar?

Da komme ich auch wieder auf den Sommer zurück, da ist der Grundstein gelegt worden. Ich glaube, der Charakter ist ausschlaggebend. Das hat sich verändert gegenüber den vergangenen Jahren. Zudem findet Harry Lange einfach immer die richtigen Worte. Er lässt nie locker. Selten gelingt es einer Mannschaft, über komplette 60 Minuten 100 Prozent der Leistung abzurufen. Aber das ist Harrys Ziel, und darauf arbeiten wir hin. Wenn wir auf lange Sicht etwas erreichen wollen, dann geht das nur über volle 60 Minuten. Und wenn wir - auch nach Siegen - zehn weniger gute Minuten im Spiel haben, wird das angesprochen, und dann ist das unsere Motivation, es beim nächsten Mal besser zu machen, um in unserer Entwicklung voranzukommen.

23 von 52 Hauptrundenspielen sind absolviert; fast die Hälfte. Und Bad Nauheim steht noch immer unter den Top-Vier. Darf man denn anfangen, Weihnachtswünsche zu formulieren?

Träumen darf man. Aber noch haben wir nicht einmal die Hälfte des Weges hinter uns, und in der Kabine ist das auch kein Thema. Gerade hinter den Top-Vier geht es sehr, sehr eng zu, und wir wissen, dass in dieser Liga alles passieren kann. Deshalb arbeiten wir darauf hin, über 60 Minuten hinweg unsere Leistung abzurufen. Am Ende sind wird alle aber Sportler, und jeder hat das gleiche Ziel: das letzte Saisonspiel zu gewinnen. Das ist in Bad Nauheim nicht anders als in anderen Klubs.

Sie hatten während Ihrer Zeit in Bad Nauheim zweimal wegen Verletzungen über Monate pausieren müssen. Nach einem Zusammenprall mit Ihrem Gegenspieler Grant Besse von den Tölzer Löwen fehlt dieser seitdem mit einer Gehirnerschütterung. Beschäftigt Sie dieses Thema, oder ist das abgehakt, weil es ein Unfall war?

Ich habe viele Freunde in Bad Tölz, habe mir die Nummer besorgt und wir haben uns telefonisch ausgetauscht. Er ist aus Minnesota, wo ich gerne meinen Urlaub verbringe, wir haben gemeinsame Freunde. Die Situation war unglücklich. Ich musste schnell reagieren, habe mich zur Scheibe gestreckt, er hat sich mit dem Kopf gedreht, ich bin in ihn reingefahren. Natürlich beschäftigt mich das. Auch wenn Zweikämpfe zu 100 Prozent fair ausgeführt wurden, ist’s nie gut, wenn einer liegen bleibt. Ich hoffe, dass ich ihn sehr bald wieder auf dem Lineup sehe.

Auch interessant