HSG Wetzlar muss ohne X-Faktor gegen Berlin bestehen

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REGION - (zk). In der Mathematik stellt laienhaft gesagt X die Unbekannte dar, die es zu ermitteln gilt, damit eine Gleichung aufgeht. Bei der HSG Wetzlar hat X einen Namen. Olle Forsell Schefvert ist die Variable, die in allen Angriffs- und Abwehrmodellen vorkommt. Der Schwede ist der Mann, der in den offensiven Abwehrsystemen den Takt vorgibt, die zweite Welle mit seinen exakten Pässen einleitet und zudem im linken Rückraum das Tempo variiert.

Doch Forsell Schefvert wird dem heimischen Handball-Bundesligisten fehlen. Vermutlich sogar bis zum Saisonende.

Der 27-Jährige weilte zuletzt in seiner Heimat, um sich von einem Spezialisten am Knie untersuchen zu lassen. Eine Operation ist wohl unumgänglich. Auch für das Heimspiel gegen die Füchse Berlin am Donnerstag (19 Uhr/Sky) steht er natürlich nicht zur Verfügung. Wer lässt nun die grün-weißen Gleichungen aufgehen? "Olle", schüttelt Kai Wandschneider traurig den Kopf, "können wir nicht ersetzen. Ohne ihn können wir nicht unsere Abwehrsysteme variieren. Da ist er der entscheidende Mann." Gleich mehrmals hat der HSG-Coach in dieser Saison Spiele noch drehen können, in dem er bei Rückständen von der klassischen 6:0-Abwehr auf ein 5:1, 4:2 oder 3:3 umstellte und Gegner wie beispielsweise die Eulen Ludwigshafen damit völlig aus dem Tritt brachte. Dieses Mittel fällt jetzt weg. Dieses Mittel wäre aber gerade gegen eine glänzend besetzte Mannschaft wie die Berliner eminent wichtig gewesen.

Vor allem der Leit-Fuchs bereitet Wandschneider dabei großes Kopfzerbrechen. Jacob Holm stellte Wetzlar bereits im Hinspiel vor erhebliche Probleme. "Wir konnten ihn im Eins-gegen-Eins-Duell einfach nicht halten. Da waren wir in der Abwehr nicht stark genug", blickt der Trainer auf die 28:35-Niederlage im November und die damals bärenstarke Leistung des dänischen Weltmeisters zurück und fordert deshalb: "Wir müssen diesmal besser decken. Und wir müssen im Angriff Lösungen gegen die Berliner 6:0-Deckung finden." Das sagt der grün-weiße Handballlehrer auf der Pressekonferenz mit ernstem Blick. Fast schon so ernst, als ob es bei der anstehenden Heimaufgabe um ein vorentscheidendes Spiel im Abstiegskampf geht. Tut es aber nicht. Der Abstiegskampf ist für die Grün-Weißen inzwischen so weit entfernt wie derzeit der Nürburgring vom nächsten Musikspektakel mit 100 000 Zuschauern. Ziemlich weit also. Vor allem nach den zwei grandiosen Siegen zuletzt. "Glückwunsch an Kai und die Mannschaft zu den Erfolgen gegen die Rhein-Neckar Löwen und in Stuttgart", sagt Geschäftsführer Björn Seipp zu Beginn der PK für die Füchse-Jagd. Und bringt damit alles auf den Punkt. Nach den zwei Überraschungssiegen stellt ein Abstieg kein Thema mehr dar. Alles, was jetzt noch kommt, ist Zuckerwerk für die Handball-Seele. Alles, was jetzt noch kommen kann, ist ein Beitrag zu einem einstelligen Tabellenplatz als würdiges Abschiedsgeschenk für den scheidenden Trainer. Und dieser Trainer zeigt noch unbändigen Ehrgeiz: "Ich weiß nicht", sagt Wandschneider, "wie es den Spielern geht, aber ich will jedes der noch ausstehenden 14 Spiele gewinnen. Und jetzt auch gegen Berlin gewinnen." Wie ernst die Hauptstädter wiederum die Auswärtsaufgabe, macht bereits ihr Reiseplan deutlich. Nach dem European-League-Auftritt in Montpellier am Dienstagabend ist die Mannschaft direkt nach Wetzlar zur Halle gefahren, übernachtet im dortigen Hotel und absolviert auch das Abschlusstraining bereits in der Rittal-Arena. Eine Vorbereitung wie auf ein Pokalfinale. Eine Vorbereitung, die deutlich macht, wie gefürchtet die Favoriten-Falle an der Lahn bei den Spitzenteams ist. Und vielleicht gelingt es der HSG auch ohne Forsell Schefvert, dem nächsten Big Player im Oberhaus spielerisch ein X für ein U vorzumachen.

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