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Erst die Kickschuhe, jetzt die Pfeife

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Annika Hinrichs. FOTO; SCHIEDSRICHTERVEREINIGUNG © pv

Ex-Düdelsheimerin Annika Hinrichs bleibt als Schiedsrichterin am Ball.

Düdelsheim/Hanau. Erst waren es die Kickschuhe, dann die Pfeife. »Ich habe als Fußballerin immer so viel gemeckert, jetzt muss ich es besser machen«, scherzt die 27-jährige Annika Hinrichs. Die Hanauerin, die früher für den Büdinger Kreisvertreter SV Phönix Düdelsheim erfolgreich spielte, hat vor drei Jahren den Schritt gewagt: Von der leidenschaftlichen Fußballerin zur Schiedsrichterin.

Kein einfacher Schritt: »Es ist eine ganz andere Perspektive. Es ist auch von der Belastung her gar nicht zu vergleichen. Beim Spielen war eher das Körperliche die Schwierigkeit. Als Schiedsrichter muss man vom Kopf her viel mehr leisten.«

Die Leidenschaft für den Fußball entwickelte sie früh. »Ich habe schon als ich ganz klein war mit den Jungs auf dem Pausenhof gekickt«, schmunzelt sie. Aus der spielerischen Kickerei ist schließlich ernst geworden und sie jahrelang aktiv, beispielsweise für Düdelsheim. »Ich habe mir dann das Kreuzband gerissen, mich operieren lassen und es wieder mit dem Fußball probiert. Nach kurzer Zeit habe ich mir aber wieder das Kreuzband kaputt gemacht.«

Aufgrund dieser Verletzungen hat Annika Hinrichs 2017 die Kickschuhe an den Nagel gehängt. »Ich habe gedacht, das war es jetzt für mich mit dem Fußball.« Falsch gedacht. Ihre Freundin, die langjährige Schiedsrichterin Julia Boike aus Altenstadt, überredete sich zu einem Schiedsrichter-Neulingslehrgang. Anfänglich zögerte sie etwas, diesen Schritt zu gehen. »Ich dachte, das ist keine gute Idee. Schließlich habe ich mich früher immer über die Schiedsrichter beschwert«, lacht die 27-Jährige, die in der Hanauer Innenstadt wohnt. Beim Neulingslehrgang der Schiedsrichtervereinigung Hanau lernte sie schließlich die Aufgaben eines Unparteiischen genauer kennen. »Im Groben kannte ich die Regeln durch meine Zeit als Fußballerin ja schon, ein paar Details waren aber tatsächlich neu für mich. Und dann habe ich schon relativ schnell mein erstes Spiel gepfiffen.«

Nach Bestehen des Lehrgangs sammelte Annika Hinrichs erste Erfahrungen bei Jugendspielen im Kreis Gelnhausen und merkte schnell: »Das macht mir doch mehr Spaß als ich dachte«. Im Sommer 2020 zog sie nach Hanau und wechselte aufgrund des neuen Wohnsitzes in die Hanauer Schiedsrichtervereinigung.

Negative Erfahrungen als Frau Männerspiele zu leiten, hat sie noch nicht gemacht. »Ich wurde bislang eigentlich immer positiv empfangen. Manche sagen dann sogar, dass es schön sei, dass mal eine Frau pfeift. Bislang habe ich noch keine Gegenwehr gespürt.«

Nur einmal sei ihr eine Situation etwas unangenehm gewesen. »Es hatte sich eine Mannschaft beschwert, dass eine Frau angesetzt wurde, weil sich dort die Schiedsrichter und die Mannschaft eine Kabine teilen mussten. Die Mannschaft musste also warten bis ich geduscht war.«

Gruppenliga-Einsatz bei den Männern

Zuletzt pfiff Annika Hinrichs meist Spiele in der Frauen-Regionalliga sowie der Männer-Kreisoberliga. Zusätzlich nahm sie an verschiedenen Lehrgängen teil, um ihr Wissen weiter auszubauen. Dank ihrer guten Leistungen durfte sie sich kürzlich über einen Anruf freuen, in dem ihr in Aussicht gestellt wurde, in der Rückrunde auch Partien in der Gruppenliga zu leiten. Die Hanauerin musste jedoch zuerst einen sogenannten HIT-Test bestehen. Dafür musste sie 75 Meter in 15 Sekunden laufen und das ganze 32-mal. Ihr Gruppenliga-Debüt gab sie im Spiel Bayern Alzenau II gegen Kickers Obertshausen.

»Das Schiedsrichter-Sein ist zwar auch eine Anstrengung für den Kopf, aber trotzdem ist es für mich ein Ausgleich geworden. Das hätte ich selber nie gedacht. Wenn mir das vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, hätte ich den Kopf geschüttelt und hätte nur gelacht«, lacht die 27-Jährige, die gerade an ihrer Doktorarbeit im Bereich Biophysik schreibt.

Inzwischen habe sie sogar ihren Vater überzeugen können: »Er war jetzt schon bei mehreren Spielen dabei und meinte, dass ich mich auch als Schiedsrichterin sehen lassen kann.« Generell sollten ihrer Meinung nach mehr Frauen Fußballspiele pfeifen. »Man muss natürlich vom Charakter her dafür gemacht sein, dass man sich das alles nicht zu sehr zu Herzen nimmt, was von außen als Kritik kommt. Aber ich glaube, dass man daran auch selbst wachsen kann. Man muss schnelle Entscheidungen treffen und zu seinen Entscheidungen stehen. Und das ist ja auch etwas, was einen im Leben weiterbringen kann.« Franca Richter

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