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Ein Bleichenbacher im College-Tor

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Gruppenbild nach einer Trainingseinheit am Strand mit Tim Kuhl im Trikot von Eintracht Frankfurt (mittlere Reihe; 2. von links). © pv

Dort wohnen, wo andere Urlaub machen. Diesen Traum lebt Tim Kuhl seit neun Monaten. Der Bleichenbacher studiert in West Palm Beach und spielt dort für eine College-Mannschaft.

Kuhl hatte schon einmal direkt nach dem Abitur überlegt, seinen Bachelor in den USA zu machen. »Damals war der Schritt aber noch zu groß, weil ich die Heimat hätte vier Jahre verlassen müssen«, erzählt Kuhl. Stattdessen studierte er in Frankfurt Wirtschaftswissenschaften mit Bachelor-Abschluss. Im Sommer des vergangenen Jahres wagte er den Schritt, ergatterte ein Stipendium, packte Ende Juli seine Koffer und hob mit dem Flieger in Richtung Miami ab. »Denn irgendwann spielt das Alter gegen einen«, weiß Kuhl, der in den USA seinen Master in Accounting macht.

19 Nationalitäten in einer Mannschaft

»Die Umstellung in Florida war zuerst einmal riesig, fast schon ein Kulturschock«, berichtet er. »Angekommen in den USA, hatte ich zuerst einmal keine Wohnung, durfte aber die ersten Nächte glücklicherweise bei Teamkollegen übernachten. Dort traf ich dann auch meine neuen Mitbewohner, einen weiteren Deutschen, einen Österreicher und einen Italiener.« Auch in seiner neuen Mannschaft, zusammengestellt mit Spielern aus 19 Nationen, geht es bunt gemischt zu.

Mittlerweile hat Kuhl seinen »festen Standort« gefunden. Er wohnt nicht ganz in der Innenstadt von West Palm Beach, aber perfekt gelegen zwischen Stadt und Trainingsgelände. »Hier ist es wunderschön. Direkt am Intercoastel gelegen, müssen wir nur über die Brücke und sind auf der Palm Beach Island, einem Ort mit einem paradiesischen Strand, an dem unter anderem auch Donald Trump lebt.«

Sportlich stand Kuhl in den vergangenen Monaten nicht immer auf der Sonnenseite. »Hier wird das Torhüterspiel ganz anders interpretiert. Es geht viel mehr um Kraft, Präsenz und Strafraumbeherrschung. Weniger um Technik.« Obwohl 1,93 Meter groß, war er »noch nie der stärkste und breiteste Schlussmann«. Dementsprechend hatte Kuhl große Probleme mit der Umstellung und war zu Saisonbeginn nicht gesetzt. Dabei sind »sportliche Tapetenwechsel« kein Problem für den 24-Jährigen. Als kleines Kind fing er bei seinem Heimatverein Sportfreunde Oberau an, wo sein Vater Peter aktuell als Spielausschusschef tätig ist und sein Bruder Kevin spielt. Über Eintracht Frankfurt, den JFC Frankfurt und Kickers Offenbach wechselte der Schlussmann zum 1. FC Erlensee. Im Seniorenbereich spielte er für den SC Viktoria Nidda und zuletzt als Stammkeeper für Hessenligist 1. FC Erlensee.

Doppelt bitter: Als sich der College-Stammtorwart verletzte, wurde Kuhl krank und konnte die sich bietende Chance nicht nutzen. So kam er in seiner ersten Saison nur auf wenige Einsätze für das Team der Palm Beach Atlantic University, das seine Conference (Sunshine State Conference) gewann und zeitweise auch als zweitbestes Team von insgesamt 206 Divison-2-Mannschaften in den USA geführt wurde. In den Playoffs lief es dann jeweils nicht allzu gut: Im Turnier um die nationale Meisterschaft scheiterte Palm Beach in der Runde der letzten 32 Teams. Im Conference-Turnier, wo es um den zweiten Titel der Liga geht, war im Halbfinale Schluss.

Exzellente Bedingungen

Gelernt habe er trotzdem viel. Zum Beispiel, dass College-Soccer nicht mit dem Fußball in der Heimat zu vergleichen sei. In den USA sei alles allgemein deutlich mehr von physischen Elementen geprägt und weniger von Taktik. Die Trainingsbedingungen seien indes exzellent. »Wir haben eine Kabine mit Fitnessstudio, riesige Physio-Räume und wirklich gute Rasenplätze. Auch der vierköpfige Trainerstab sorgt für viel Abwechslung im Trainingsalltag.« In der ersten Woche stand er bei »tropischen« Temperaturen dreimal täglich auf dem Fußballplatz. Mit Uni-Beginn nur noch einmal.

Ziele für die neue College-Saison

Für Kuhl gilt es jetzt, in der Frühlingsvorbereitung (sieben Testspiele) so viel wie möglich zu spielen, um dann im kommenden August mehr Einsatzzeiten zu bekommen. Insgesamt sei das Level wirklich gut. »Die besten Liga-Partien waren auf jeden Fall auch auf höchstem Hessenliga-Niveau. Der Fußball erlebt seit Jahren einen riesigen Boom. Und es wird viel Geld investiert, um den Sport in den USA zu etablieren«, bilanziert der Bleichenbacher, der seinen USA-Trip in vollen Zügen genießen will und dank der Auswärtsreisen per Flieger schon einiges vom Land gesehen hat.

Zwischen seinem zweiten und dritten Semester strebt Kuhl ein Praktikum in New York an. Und wenn alles klappt, hat der 24-Jährige im Winter 2022 seinen Master in der Tasche. Und danach? Im Anschluss will Kuhl ein sogenanntes Optional Practical Training dranhängen, »was mich berechtigt, ein Jahr lang in den USA zu arbeiten«. Kuhls gelebter Traum scheint noch lange nicht ausgeträumt.

Von Torben Frieborg

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