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EC Bad Nauheim: Wenn verrückte Dinge passieren

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Im Freudentaumel: Die Spieler des EC Bad Nauheim liegen sich vor dem Tor ihres Keepers Felix Bick in den Armen und feiern den Einzug in das Playoff-Halbfinale. © Red

Der EC Bad Nauheim steht nach dem Playoff-Krimi mit den Kassel Huskies erstmals seit 2004 im Halbfinale der zweiten Eishockey-Liga. Viel Zeit, den Erfolg zu feiern, bleibt nicht. Heute beginnt die Serie mit den Ravensburg Towerstars.

Ja, die Erinnerungen an 2013 waren immer wieder präsent. An den 21. April vor neun Jahren, diesen für die Wetterau eishockey-historischen Sonntag, als die Roten Teufel in Kassel den Titel in der Oberliga gefeiert hatten. Jetzt, am Dienstagabend, wurde bei den bei den Huskies erneut Geschichte geschrieben, wieder in einem Alles-oder-nichts-Spiel. Nach 18 Jahren ist der EC Bad Nauheim erstmals wieder in ein Playoff-Halbfinale der zweiten deutschen Eishockey-Liga eingezogen; mit der vielleicht besten Saison-Leistung. »In Spiel sieben passieren manchmal verrückte Sachen«, sagt Harry Lange, der Trainer, der den 2013er-Erfolg am Auepark noch als Spieler erlebt hatte.

Von »Ausfällen am Morgen«, von »viel Leidenschaft« und »klarer Spielstruktur« sprach er - und hatte mit seiner Mannschaft im vierten Ausswärtsspiel den dritten Sieg feiern können. »Die Jungs haben sich das verdient«; ebenso wie das Bier auf der Rückfahrt.

Am Donnerstag schon, nur 48 Stunden später, geht’s für seine Mannschaft zu den Ravensburg Towerstars (20 Uhr). Mindestens zweimal noch, am Samstag und am Mittwoch, spielen die Roten Teufel im Colonel-Knight-Stadion.

Nachts am Stadion

»Wenn man bei dem einen oder anderen die Tränen in den Augen sieht, dann sagt das doch alles«, sagt Tobias Wörle, der playoff-erfahrendste Spieler im Kader der Mittelhessen, angesichts der Emotionen während der Jubelszenen vor dem Gäste-Block. Über die gesamte Serie sei man die bessere Mannschaft gewesen, befand Jerry Pollastrone, der zweifache Torschütze. Jetzt müsse man das mit der gleichen Einstellung in die Halbfinal-Serie gehen. »Und dann werden wir sehen, wohin uns das trägt.« Minutenlang nach der Schlusssirene war die Mannschaft von 250 mitgereisten Fans gefeiert worden, zu Hause, am Stadion, hatte der Fanclub Fanatics, den Teambus mit rotem Bengalos-Nebel stimmungsvoll empfangen. »Die Unterstützung der Fans ist unglaublich. Wie viele Menschen uns zu den Spielen nach Kassel und schon die gesamte Saison begleitet haben - das ist verrückt«, schwärmt Verteidiger Kevin Schmidt.

Kurze Video-Clips von der Ehrenrunde in Kassel und dem Empfang in Bad Nauheim machten in der Szene schnell die Runde. Allein auf dem Handy von Trainer Lange waren gut und gerne 70 Glückwunsch-Nachrichten eingetroffen. Auch der Coach war - spätenstens als mit dem siebten Treffer die Anspannung abgefallen war - immer wieder von den Erinnerungen an 2013 eingeholt worden, räumte er tags darauf ein.

Man sei »nicht gut gewesen«, musste Corey Neilson, Coach der Huskies, feststellen. Ende Februar hatte er Tim Kehler abgelöst und den Vorjahres-Finalisten mit sechs Siegen aus sechs Spielen noch an Bad Nauheim vorbei geführt. »Wir waren es - unter meiner Leistung - nicht gewohnt, einem frühen Rückstand hinterherzulaufen«, sagt der Kanadier. Defensiv war seine Mannschaft zu anfällig.

Wieder Ravensburg

In Ravensburg haben Trainer Peter Russell und Daniel Heinrizi als Sportlicher Leiter Spiel sieben gemeinsam verfolgt. »Bad Nauheim hat verdient gewonnen und wird von dieser Euphorie sicherlich getragen werden. Harry Lange macht dort einen tollen Job«, sagt Heinrizi, der selbst von 2012 bis 2019 in mehreren Funktionen in Bad Nauheim für die Profis wie für den Nachwuchs gearbeitet hat und auch noch familiär hier verbunden ist.

Die beiden bisherigen Playoff-Serien zwischen den Hessen und den Oberschwaben hatte Heinrizi noch mit rot-weißer Brille verfolgt; das 1:4 (2015/16) als Assistent von Petri Kujala; das 0:4 (18/19) als Sportlicher Leiter des Nachwuchsvereins. »Die Fans können sich auf eine tolle Serie mit schnellem Eishockey freuen. Und am Ende wird die Qualität der Spiele in Erinnerung bleiben.«

Die Puzzlestädter waren souverän durch das Viertelfinale marschiert. Mit 4:0, 4:0, 3:2 und 4:1 wurden die Eispiraten Crimmitschau dominiert. Mit Ausnahme des bereits zuletzt fehlenden Andreas Driendl ist Ravensburg in Bestbesetzung zu erwarten, von DEL-Kooperationspartner Ingolstadt sind Simon Gnyp, Enrico Henriquez-Morales und Louis Brune in den Playoffs für den Zweitligisten spielberechtigt.

Der Kader ist vorne wie hinten auf DEL2-Top-Niveau besetzt. Jonas Langmann ist im Tor die klare Nummer eins; mit einer Fangquote von über 92 Prozent. In der Verteidung stehen Pavel Dronia/James Bettauer sowie Julian Eichinger/Florin Ketterer für gehobenen Standard. Und vorne »funktionieren« die Importspieler, allen voran Ex-Teufel Charlie Sarault mit Sam Herr. Seit einem Januar-Tief spielen die Oberschwaben auf konstant hohem Level, die Suche nach Schwachstellen gleicht der nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Auf den letzten Drücker konnten die Latta-Brüder Nick (280 DEL-Spiele) und Lois vom Oberligisten Weiden verpflichtet werden. Die Sehnsucht nach einer Final-Teilnahme ist bei den Towerstars groß. In der vergangenen Saison war die Halbfinal-Serie mit Kassel auf Grund von zahlreichen Corona-Fällen abrupt beendet, 2020 sind keine Playoffs ausgespielt worden. 2019 hatte man in der CHG-Arena die Meisterschaft gefeiert.

Seifert fällt aus

Ins Halbfinale gehen die Teufel gehandicapt. Zu den sechs Ausfällen vom Dienstag gesellt sich Patrick Seifert, der verletzungsbedingt nicht zur Verfügung stehen wird, so dass erneut ein 17- und zwei 19-Jährige in den drei vorderen Reihen zu finden sein werden. »Ich würde Ravensburg gerne mal mit vollem Lineup begegnen«, bedauert Lange, der nach trainingsfreiem Mittwoch und kurzer Donnerstag-Eiszeit mt dem Team nach Ravensburg aufbrechen wird.

Für Bad Nauheim ist der Halbfinal-Einzug nun auch von spürbarer finanzieller Relevanz. Mindestens zwei Heimspiele lassen eine Brutto-Einnahme von mehr als 100 000 Euro erwarten. »Sportlich hat sich der Klub dies nach neun DEL2-Jahren und dieser Saison auch einfach mal verdient. Alles, was nun kommt, ist ein Bonus«, sagt Andreas Ortwein, der Geschäftsführer.

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