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Ein Manko der Gießen 46ers - die Kontrolle des defensiven Brettes: Hier legt der Ludwigsburger Center Jonas Wohlfahrt-Bottermann vor »Big« John Bryant (2. v. r.) ab, rechts Gießens Smallforward Florian Koch, links Jacob Patrick.

Gießen 46ers

Die Baustellen bei den Gießen 46ers

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Höchste Anspannung bei den Gießen 46ers. Sieben Niederlagen in Folge haben beim Basketball-Bundesligisten deutliche Spuren hinterlassen. Das abstiegsbedrohte Team von Trainer Pete Strobl bekommt einfach keine Konstanz in seine Leistung. Wir zeigen die Problemzonen auf.

Cheftrainer Pete Strobl wird nicht müde, immer wieder zu betonen, dass sich seine Mannschaft in der Basketball-Bundesliga noch im Findungs- und Entwicklungsprozess aufhält - mit JD Miller und TJ Williams stießen erst kürzlich zwei neue Spieler zu den 46ers. Zudem sind die Gießener finanziell nicht auf Rosen gebettet. Der Coach fordert Geduld. Doch nach sieben Niederlagen in Serie ist die bei vielen aufgebraucht. Ein Erfolgserlebnis muss unbedingt her. Im Derby gegen die Frankfurt Skyliners hoffte man auf den dringend benötigten Befreiungsschlag - nach dem 79:90 am Sonntag trat erneut Ernüchterung ein. Nach 15 Spielen belegen die Gießen 46ers mit drei Siegen den vorletzten Tabellenrang - ein direkter zum Abstieg. Die Mannschaft muss sich in vielen Bereichen steigern, sowohl in die Verteidigung als auch in den Angriff mehr Struktur hineinbringen, und den Teambasketball sowie das schnelle Umschalten in den Vordergrund stellen, um nicht erneut den sportlichen Gang nach unten anzutreten, der bekanntlich in der vergangenen Saison durch den Kauf der Wildcard verhindert wurde. Wir zeigen die Baustellen auf.

Spielmacher-Position: Der für den Spielaufbau verantwortliche Starting-Playmaker Kyan Anderson hat bislang nur mit wenigen Ausnahmen gezeigt, dass er die Mannschaft führen kann. In Ludwigsburg dachte man, dass es bei dem BBL-erprobten Guard klick gemacht hat. Im Derby gegen Frankfurt war davon nichts zu sehen. Kein Selbstbewusstsein, kein Wurf von außen - und in der Verteidigung meist zweiter Sieger gegen Matchwinner Will Cherry. Zwar steht Strobl mit Williams ein weiterer erfahrener Aufbauakteur zur Verfügung. Der US-Amerikaner hält den Ball aber zu lange in den Händen und kreiert überwiegend für sich Abschlussmöglichkeiten, anstatt seine Mitspieler freizuspielen. Kendale McCullum ist bislang der einzige Guard, der überzeugte. Er ist aber von außen ungefährlich und sprüht nicht vor Ideen. Bjarne Kraushaar kam vor seiner Verletzung überhaupt nicht in Tritt, spielte nur wenig. Gegen Frankfurt übernahm er das Zepter und brachte phasenweise Struktur in den Angriff, sodass ein Teamspiel zu erkennen war. Es fehlen die Überraschungen und ein kreativer Kopf. Gießen kann sich nur über teamorientierten und schnellen Basketball definieren.

Das Fehlen eines klassischen Brettcenters: Zentimeter kosten bei einem richtig guten Center Geld. Der 2,11-m-Mann John Bryant sollte der jungen, unerfahrenen Mannschaft die Stabilität vorne wie hinten am Brett geben. Das kann er zurzeit nicht. Er ist außer Form, kann sich unter den Körben im Eins-gegen-Eins nicht durchsetzen, erhält aber auch zu wenige Bälle, falls er eingesetzt wird, und wird in der Defense aufgrund seiner Schwerfälligkeit immer attackiert. Phillip Fayne II ist zwar mit einem unglaublichen Sprungvermögen ausgestattet, ihm fehlen aber ebenfalls die Anspiele und zudem der Wurf aus der Mitteldistanz. JD Miller muss sich noch im Team und in der BBL akklimatisieren. Von seinen Voraussetzungen scheint er der Mann zu sein, der abräumen kann. Dem Team fehlen insgesamt in heiklen Situationen und in der Crunch-Time die leichten Punkte am Brett.

Offensiv zu harmlos: Mit 78,8 Punkten im Schnitt pro Spiel stehen die 46ers im Ranking an drittletzter Stelle - Letzter sind die Frankfurt Skyliners mit 74,3. In der Dreier-Wertung halten die Gießener sogar die Rote Laterne in den Händen: Jenseits der 6,75-m-Linie verzeichnen die Lahnstädter nur eine Trefferquote von 31,2 Prozent. Ihnen fehlt ein zuverlässiger Shooter. Der Abschied von TJ Blake nach der Ermordung seines Bruders hat vor allem in der Offensive eine klaffende Lücke hinterlassen, wie der Wechsel von Rawle Alkins kurz nach dem Beginn der Saison nach Ludwigsburg. Bester Dreierschütze im Team ist Florian Koch, der zuletzt auch besser traf. Für ihn müssen noch mehr Plays gelaufen werden, damit er frei zum Schuss kommen kann. Das gilt auch für Nuni Omot, der ebenfalls gerne von weit draußen wirft. Erheblich steigern müssen sich die Protagonisten beim Freiwurf. Mit 68,1 Prozent legt das Team den zweitschlechtesten Wert in der BBL auf. Von den 345 Würfen von der Linie fanden bislang nur 235 das Ziel - das sind 110 Fehlversuche. Die Freiwürfe müssen fallen.

Startschwäche: Sehr oft in der Saison haben sich die Gießener durch einen ganz schwachen Beginn in die Partie oder in die zweite Halbzeit das Leben selbst schwer gemacht und sich schon frühzeitig einen möglichen Sieg verbaut. Meist sind es Unkonzentriertheiten wie Ballverluste oder schlechte Entscheidungen im Angriff, die zu einem frühen Rückstand führen. Zwar kämpft sich die Mannschaft meist zurück, am Ende geht ihr aber die Puste aus.

Zwei Kapitäne: Bryant und Dennis Nawrocki sind die Kapitäne der Gießen 46ers - sie zählen aber nicht zu den Leistungsträgern. Bryant erhält 12,30 Minuten Einsatzzeit, Nawrocki liegt bei 5:23 Minuten im Schnitt per Match. Es fehlt besonders auf dem Feld an Führungspersönlichkeiten. An Spielern, die mitreißen können.

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