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Der Radboom kommt bei den Vereinen nicht an

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Wolfgang Rinn ist nicht nur Funktionär, sondern auch ein aktiver Radsportler. © BF

1000 Euro für das Trainingslager auf Mallorca sind in Ordnung, 40 Euro Jahresbeitrag für den Verein zu viel. Immer mehr Menschen fahren Fahrrad, allerdings kommt das an der Basis nicht an.

Der ambitionierte Breitensport erfährt mehr und mehr Zulauf. Während auf Strava, dem sozialen Netzwerk zum internetbasierten Tracking sportlicher Aktivitäten, oder auch auf Zwift, einer online betriebenen Plattform für virtuelles Training in den Bereichen Rad- und Laufsport, der Hang zum sportiven Fahrradfahren deutlich abzulesen ist, schauen viele Vereine an der Basis in die Röhre. Sie können Veranstaltungen personell kaum noch stemmen, hadern mit behördlichen Auflagen und Kosten für Absperrungen, Genehmigungen und dergleichen mehr, andere Vereine wie der RSC Niederdorfelden haben sich sogar inzwischen aufgelöst. Für die schon obligatorische Trainingswoche im Frühling auf Mallorca wird gern das Portemonnaie um 1000 Euro erleichtert, hohe Startgebühren für Marathons im In- und Ausland sind ebenfalls einkalkuliert. Allerdings scheuen viele die Anbindung an einen Verein trotz relativ geringer Mitgliedsbeiträge und um sich nicht zur Mitarbeit verpflichtet zu fühlen.

Das Angebot an der Basis ist trotz aller Widerstände (noch) umfangreich, in Ilbenstadt, Ober-Mörlen und Wölfersheim wurde die RTF- und CTF-Saison bereits eingeläutet, am Wochenende ist auch der Landkreis Gießen bei der RV Kleinlinden dran. Überdies bietet die heimische Region Höhepunkte wie den Dünsberg-Mountainbike-Marathon oder den Vulkan MTB-Marathon, das auf Mitte Mai verlegte Straßenrennen »Rund um das Stadttheater« oder den »Großen Preis der Stadt Bad Homburg« an. Dick anstreichen sollten sich die Radsport-Fans zudem den 26. August, dann kommen die Straßenprofis im Rahmen der Deutschland-Tour via Alsfeld nach Marburg, dem Ziel der zweiten Etappe.

Wie geht es weiter mit dem Radsport an der Basis, was wünschen sich die Breitensportler? Dazu äußert sich der 52-jährige Wolfgang Rinn, der die Problematik aus drei Blickwinkeln heraus betrachten kann: Als Vereinsvorsitzender der RV Kleinlinden, als Fachwart Breiten- und Freizeitsport (RTF, CTF) im Hessischen Radfahrerverband, als Koordinator RTF/CTF im Bund Deutscher Radfahrer sowie als ambitionierter Sportler mit Teilnahmen an der Tour Transalp, am »Ötztaler« oder an den heimischen RTF-Veranstaltungen.

Herr Rinn, Sie hören als Fachwart bestimmt die Klagen von den Vereinen, ihre Veranstaltungen kaum noch durchziehen zu können. Woran liegt’s?

Natürlich auch an der Altersstruktur, immer weniger Personen stehen zur Verfügung. Dann haben wir das Problem, dass sich immer weniger an einen Verein binden möchten. Dazu kommt, dass die Hürden bei den Genehmigungen immer höhere Wellen schlagen, zum Beispiel müssen bis zu 150 Euro für die Genehmigung einer RTF im Regierungsbezirk Darmstadt entrichtet werden. Dazu kommen immer rigorosere Auflagen, man möchte schon sagen »rechtlicher Irrsinn«, der beachtet werden muss, und wenn es nur darum geht, ein Stück Kuchen verkaufen zu wollen.

Radtourenfahrten (RTF) und Countrytourenfahrten (CTF) sind prinzipiell perfekte Angebote der Vereine an die Radfahrer in der heimischen Region, was sportives Fahren, Erfahrungsaustausch und Kontaktpflege angeht. Warum nehmen das die Sportler immer weniger an?

Dieser Frage gehen wir gerade im BDR auf den Grund. Jüngst wurde eine bundesweite Arbeitsgruppe Radfahren24 ins Leben gerufen, die sich genau dieser Thematik annimmt. An Attraktivität kann es nicht liegen, der Breitensport bietet abgesehen von einer fehlenden Zeitmessung alles, was das Herz begehrt. Die Vereine stecken viel Herzblut rein, aber offenbar muss alles immer megamäßiger und spektakulärer sein.

Der Verband hat auch schon neue Wege eingeschlagen, die eRTFs im Internet auf Zwift sind auch unter Ihrer Führung entstanden. Wie war die Rückmeldung, und schaut so die Zukunft aus oder ein Teil davon, zusammen online zu fahren?

Die zurückliegende eSport-Serie war ein absoluter Erfolg. Bis zu 800 Teilnehmer waren bei jedem Lauf am Start. Die Idee, die übrigens in Hessen entwickelt und zusammen mit Tim Böhme (Bundestrainer MTB) umgesetzt wurde, zählt zu den erfolgreichsten Gruppenfahrten bei Zwift. Ich musste zu Beginn viel Kritik dafür einstecken, Online-RTFs anzubieten. Allerdings war es richtig, daran festzuhalten. Die immer tiefer gehende Spezialisierung verändert viele Bereiche unseres Lebens, davor sollte sich auch der Radsport nicht verschließen, ohne dabei Traditionen aufzugeben.

Der Radsport hat den Vorteil, dass er auch im »gesetzten« Alter noch ambitioniert ausgeführt werden kann. Müssen da die Verbände aktiver werden, zumal die Altersklassen auch quantitativ am meisten zu bieten haben. Wie können die Vereine die vielen losen Gruppen an sich binden?

Die Vereine sollten mit regelmäßigen Angeboten wie Gruppenausfahrten auf die Vereinslosen zugehen. Im Gegensatz zu kommerziellen Veranstaltungen nutzen die Vereine selten die Social-Media-Kanäle. Wir bieten zum Beispiel seitens des HRV die Möglichkeiten, die Veranstaltungen medial zu bewerben, allerdings ist die Resonanz erschreckend gering. Jeder Verein sollte die neuen technischen Möglichkeiten nutzen, um mit potenziell Interessierten sowie mit den Mitgliedern in Kontakt zu treten oder zu bleiben. Deshalb müssen ja die herkömmlichen Kommunikationswege nicht abgebrochen werden.

Das Angebotsspektrum bietet auch das Radwandern, das schon aus gesundheitspolitischen Gründen für die älteren Jahrgänge nach der Corona-Pandemie aktiviert gehört. Schließlich sollte dem Sport in unserer immer älter werdenden Gesellschaft eine größere Bedeutung zukommen.

Das stimmt, Stichwort Gesundheitssport. Orthopäden oder Krankengymnasten dürften bestätigen, wie wichtig die Bewegung besonders im Alter ist. Das gilt übrigens auch für jüngere Generationen. Es ist, wie so oft auch in anderen Vereinen: Es fehlt schlichtweg an den Machern, die regelmäßig Ausfahrten organisieren.

Was kann da das Aufkommen der E-Bikes leisten?

Das Pedelecs-Fahren wird vielerorts tabuisiert, was überhaupt nicht nachvollziehbar ist, denn gerade hier liegt ein irrsinniges Potenzial. Seit knapp zwei Jahren bietet der BDR Lehrgänge zum eBike-Instructor an, die mittlerweile auch ausgebucht sind. Tauscht man sich mit einem E-Biker aus, stellt man in aller Regel fest, dass er sich zuerst zigmal rechtfertigt, weshalb er E-Bike fährt. Dabei sollten wir froh sein und uns darüber freuen, welch neue Möglichkeiten der Fortbewegungsart das E-Bike ermöglicht.

Von den Senioren zu den Junioren. Statistiken sagen aus, dass die Jugend in der Breite immer dicker und träger wird. Sind die überhaupt noch aus den virtuellen Welten, in denen die sich meist aufhalten, noch zurückzuholen?

Das ist ein schwieriges Thema. Wir haben zum Beispiel coronabedingt fast unsere komplette Jugendgruppe verloren. Grundsätzlich ist der Radsport ein sehr zeitintensiver Sport. Um einigermaßen bestehen zu können, sind mehrstündige Trainingsumfänge nötig. Dies ist in der heutigen Zeit aber kaum zu verkaufen, während man schon mit drei Klicks in der virtuellen Welt unterwegs sein kann, egal wie das Wetter ist. Doch weitaus erschreckender, gerade in Ferienregionen, ist es immer wieder zu beobachten, dass bereits Kinder und Jugendliche auf E-Bikes gesetzt werden. Warum?

Die Flandern-Rundfahrt in Belgien verfolgten kürzlich rund eine Million Menschen an der Strecke. Bei Paris-Roubaix waren ebenfalls die Straßen gesäumt. Straßenrennen gehören in Belgien, den Niederlanden und in Frankreich und Italien zum guten Ton. Dagegen lassen sich in Hessen die Rennen fast schon an einer Hand ablesen. Fehlt die Akzeptanz für Rennsport?

Der Radsport hat keine Lobby. Man braucht sich nur mal die Kommentare unter Artikeln durchzulesen, wenn es darum geht, Radfahren im Straßenverkehr mehr Raum zu verschaffen. Es ist unterirdisch, was sich in den Kommentarspalten an Aggressionen aufbaut. Ein anderes Thema: Die Risiken, die Vereine auf sich nehmen müssen, lassen sich nicht mehr stemmen. Das führt dann dazu, dass die wenigen Rennen, die noch stattfinden, abgelegen in Gewerbegebieten auf langweiligen Rundkursen abgehalten werden. Selbst die deutsche Meisterschaft wird zu Teilen schon auf GP-Strecken für den Motorsport ausgetragen.

Der Sport bekommt mehr und mehr Probleme, da wird über Lärmbelästigung geklagt, das Stadionlicht ist zu hell, Eingriffe in die persönliche Freiheit werden bemängelt. Sind wir auf dem Weg in eine Ich-Ich-Ich-Gesellschaft?

Ich würde behaupten wollen, dass wir diesen Punkt schon seit Langem erreicht haben.

Straße

1. Mai: Eschborn-Frankfurt inclusive Skoda-Velotour

15. Mai: Rund um das Stadttheater Gießen, RSG Gießen und Wieseck

12. Juni: Großer Preis von Kassel

2. Juli: Limburger City Rennen

23.-24. Juli: 3-Etappen-Rennen in Ronneburg

30. Juli: Offenbach, Kriterium, Frauen-Bundesliga

31. Juli: Grand-Prix Bad Homburg

14. August: Bergzeitfahren am Eisenberg, Kirchheim-Willingshain

17. September: Preis der Kreissparkasse Schwalm-Eder, Melsungen

18. September: Main-Spessart-Rhön-Cup, Fulda

3. Oktober: Nacht von Fuldabrück

Cross

11. September: Bundesliga in Bensheim

MTB

14. Mai: Bergzeitfahren auf den Kellerskopf, Wiesbaden-Rambach

20.-22. Mai: Willingen, Downhill Cup, Scott Bike Marathon, Enduro-DM

4.-5. Juni: Vulkan-Race Gedern, Bundesliga und Hessencup

12. Juni: Rhein-Main-Cup, Hessenmeisterchaft, Wiesbaden

10. Juli: Niestetal, Hessencup

27. August: Vulkan Mountain-Bike-Marathon, Schotten, Marathon-Hessenmeisterschaft

4. September: Gemünden-Grüsen, Hessencup

11. September: Baunataler MTB City-Cross, Hessencup-Finale

25. September: 16. Dünsberg-Mountainbike-Marathon

RTF (Straße)

8. Mai: RV Klein-Karben

15. Mai: TSG Nieder-Erlenbach

22. Mai: RV Hoch-Weisel

29. Mai: RV Nieder-Weisel

4./5. Juni: RC Bimbach (Radmarathon-Cup)

5. Juni: RV Neustadt

6. Juni: RSV Oppershofen

12. Juni: RV Germania Lollar

16. Juni: RV Anspach

19. Juni: VfB Schrecksbach (Radmarathon-Cup) und RV Gambach

26. Juni: Giro Hattersheim

3. Juli: RTC Sandhasen Wölfersheim

10. Juli: RSC Grünberg

17. Juli: RV Aßlar

24. Juli: Velociped Club Frankfurt

31. Juli: RSC Edelweiß Frankfurt

7. August: RSV Idstein

14. August: RV Rockenberg

21. August: RSG Buchenau und RC Niederwöllstadt

28. August: RV Ober-Mörlen

11. September: RC Ilbenstadt

18. September: RC Oberstedten

25. September: TV Schlüchtern

CTF (MTB/Gravel/Crosser)

15. Mai: RV Hoch-Weisel

26. Juni: MTV Kronberg

10. Juli: RSC Grünberg

14. August: RV Rockenberg

2. Oktober: RV Klein-Karben

9. Oktober: RC Oberstedten/MTBC Wehrheim

23. Oktober: RV Gießen-Kleinlinden

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