Cheftrainer der Frankfurt Galaxy kommt aus Hainchen

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HAINCHEN/FRANKFURT - Thomas Kösling hielt das Leder-Ei zum ersten Mal als Achtklässler in der Hand. "Während einer Projektwoche in der Altenstädter Limesschule boten die Hanau Hawks Flag Football an", erinnert sich der heutige Head Coach der Frankfurt Galaxy. American Football packte ihn damals sofort. Der Hainchener organisierte sich Spiele für den Computer und spielte erstmals mit 17 Jahren aktiv für die Hornets, "weil es bei uns im Ort keine Fußball-A-Jugend mehr gab und ich weiter Mannschaftssport betreiben wollte".

Kösling wechselte 2007 von Hanau zu Frankfurt Universe, stieg dort 2014 ins Trainergeschäft ein und ist nun seit einigen Wochen Cheftrainer der Frankfurt Galaxy. Im Interview mit dieser Zeitung spricht der 38-jährige Hauptkommissar, der bald heiratet, über seinen Vereinswechsel, den Saisonstart, die neue European League of Football (ELF) und die Zukunft seiner geliebten Sportart in Deutschland.

Sie sind Hauptkommissar und Head Coach einer Football-Mannschaft, die europaweit Spiele bestreitet. Wie bekommen Sie das zeitlich unter einen Hut?

Ich ordne aktuell alles dem Sport unter. An Trainingstagen verlasse ich morgens um 7 Uhr das Haus und komme gegen Mitternacht zurück. Aktuell ist alles sehr stressig. Wenn sich die neue Liga in die richtige Richtung bewegt und alles größer wird, werde ich mir sicherlich Gedanken über meine Zukunft machen müssen. Jetzt warten wir aber erst einmal die Premierensaison ab.

Wie kam es zum Wechsel von Frankfurt Universe zur wiederbelebten Galaxy?

Bei Universe war seit Monaten klar, dass der Club nach Sponsoren-Rückzügen den eingeschlagenen Weg aus finanziellen Gründen nicht weitergehen kann. Dann kam die Anfrage der Galaxy für die neu gegründete European League of Football. Wir führen jetzt das fort, was wir bei Universe aufgebaut haben. 90 Prozent der Spieler haben zusammen mit mir diesen Wechsel vollzogen.

Frankfurt Galaxy führt die Tabelle der ELF Süd nach vier Spieltagen mit drei Siegen und einer Niederlage an. Sind Sie mit dem Saisonstart zufrieden?

Sehr zufrieden, auch wenn mir eine Bilanz von 4:0 lieber wäre. Zumal wir unser erstes Match gegen Hamburg sehr unglücklich verloren haben. Gerade am Anfang einer Runde entscheiden Kleinigkeiten, weil wir die Gegner noch nicht so gut kennen. Zudem kommt eine Football-Mannschaft erst nach drei, vier Wochen richtig in Fahrt. Jetzt sind wir voll drin und haben auch genügend Videomaterial von unseren Gegnern. Wir freuen uns auf unser Heimspiel am Samstag ab 18 Uhr in der Frankfurter PSD Bank Arena gegen die Barcelona Dragons.

Vor der Saison wurden die Hamburg Sea Devils, aktuell ungeschlagener Tabellenführer der Nord-Gruppe, und Ihr Team als Favoriten gehandelt. Welche der insgesamt acht Mannschaften kommen noch für den Titelgewinn in Frage?

Die Wroclow Panthers aus Breslau haben mich überzeugt. Sie sind physisch sehr stark und werden gut gecoacht. Ich bin froh, dass wir unser Heimspiel gegen die Panthers mit 22:13 gewinnen konnten.

Zum Auftakt lief es beim 15:17 in Hamburg nicht so gut. Was macht Ihr Team im nächsten Duell mit den Sea Devils besser?

Wir waren die erste Halbzeit dominant, ohne Punkte zu machen - verkickten ein Fieldgoal und einen Extra-Punkt. Das darf man gegen diese Teams nicht. Wir lagen in allen Statistiken vorne, aber Hamburg war abgezockter. Im nächsten Match machen wir es anders.

Frankfurt Galaxy ist ein großer Name. Das Team gewann damals zwischen 1995 und 2006 viermal den Word Bowl der NFL Europe. Ist der große Name eher Last für Ihr Team oder beflügelt er Spieler und Umfeld?

Galaxy beflügelt natürlich. Jeder kann mit dem Namen etwas anfangen, es gibt viele positive Rückmeldungen. Keiner redet schlecht über Galaxy. Das hilft natürlich bei der Sponsorensuche und dem Aufbau einer Fanszene. Der Name, gepaart mit dem medialen Interesse für die neue Liga, macht den Football-Standort Frankfurt interessant.

Die jetzige ELF ist nicht mit der NFL Europe zu vergleichen. Wo liegen die größten Unterschiede?

Die große NFL steckte damals Millionen für Show und Spieler in die NFL Europe. Das waren alles Vollprofis. Wir bewegen uns im Amateur- bis semiprofessionellen Bereich. Dennoch spielen hier die besten Footballer Europas. Zudem dürften wir nur vier US-Spieler im Kader haben, damals bestand ein Team zu 90 Prozent aus US-Amerikanern.

In der vergangenen Saison spielte der Großteil Ihres Kaders noch in der German Football League (GFL) als Frankfurt Universe. Welche Liga ist stärker?

Das Niveau ist ähnlich. Die Topteams der GFL würden auch hier oben mitspielen. Das Gefälle ist aber nicht so groß. In der ELF gibt es nicht die ganz großen Außenseiter, die jedes Spiel haushoch verlieren - hier ist jedes Spiel eine Herausforderung.

Und was entgegnen Sie den Kritikern, die sagen, dass die ELF den Football in Deutschland und die GFL kaputt mache?

Das kann ich nicht nachvollziehen, weil wir alle viel in diesen Sport investieren. Der Sport gehört den Spielern - wenn diese ein anderes Produkt wählen, weil die alte Liga nicht attraktiv genug ist oder Vereine an Grenzen stoßen, ist das ein normaler Schritt. Außerdem: Wenn die ELF wächst und Zuschauer anzieht, profitieren alle deutschen Vereine, weil das Interesse wächst und sie ebenfalls neue Spieler sowie mehr Zuschauer bekommen. Vielleicht könnte es später sogar zur Kooperation mit GFL-Clubs kommen. Wir machen den Sport jedenfalls nicht kaputt, wir führen ihn nur unter einem anderen Mannschaftsnamen weiter. Die GFL war für Sponsoren leider nicht interessant genug. Das ist so und nicht böse gemeint. Der Football-Kosmos in Deutschland ist sehr klein. Mit der ELF kann man die Kruste aufbrechen, das wollen wir alle. Vor allem die Spieler, die viel investieren und weniger als ein ordentlicher Kreisoberliga-Fußballer verdienen. Das ist nicht in Ordnung.

Welches Ziel muss die ELF in den kommenden Monaten verfolgen?

Die Liga muss gesund wachsen und darf keine Schlösser aufbauen, die nach zwei Jahren einstürzen. Aktuell haben wir acht Teams, ein europaweiter Zuwachs wäre schon. Zudem sollten wir eine schöne Atmosphäre für Zuschauer schaffen und versuchen, eine Ausgeglichenheit in der Liga herzustellen. Wenn der Titelkandidat schon vor der Runde feststeht, wird es langweilig. Allgemein muss man sagen, dass der Football-Sport in Deutschland dank regelmäßiger Berichterstattung bei "ProSieben MAXX" und "ran Football" extrem gewachsen ist. Deshalb ist es der perfekte Zeitpunkt, eine neue Liga zu starten. Wir müssen die Leute jetzt begeistern und in die Stadien locken.

Sind auch wieder Football-Partys und Stadien mit über 30 000 Fans wie zu besten Galaxy-Zeiten möglich?

Sicherlich wird es nach Corona wieder Football-Partys rund ums Stadion geben. Unser erstes Heimspiel war mit 1800 Zuschauern ausverkauft. Mehr Fans waren aufgrund behördlicher Auflagen nicht möglich. Nach Corona hoffe ich schon auf 5000 Fans, vielleicht auf 10000 bei Spitzenspielen. Das ELF-Finale in Düsseldorf wird der erste Vergleichsmaßstab. Ich bin gespannt, wie viele Zuschauer zum Endspiel kommen werden.

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