Amateursport im Lockdown: Schrumpfen macht große Sorgen

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NIDDA - (aw). Es gibt erwartungsgemäß schlechte Nachrichten für die sowieso schon fragilen sportlichen Vereinsgebilde - nicht nur in den dicht besiedelten Metropol-Gebieten, nein auch im eher ländlichen Bereich: Die Corona-Pandemie und der anhaltende Lockdown bescheren den Klubs in Hessen einen signifikanten Mitgliederrückgang. Das hat die Bestandserhebung des Landessportbundes Hessen (lsb h) ergeben.

Die nun vorgelegten Zahlen offenbaren, dass fast 58 Prozent der Vereine, die Mitglied im Landessportbund sind, zwischen dem 1. Januar 2020 und dem 1. Januar 2021 zahlenmäßig geschrumpft sind. Insgesamt haben die rund 7600 hessischen Vereine in dieser Zeit fast 69 000 Mitglieder verloren. In schweren Zeiten gibt es aber ein kleines Trostpflaster für den heimischen Beritt, denn der Sportkreis Wetterau und die Gießener Fraktion liegen rund einen Prozentpunkt unter dem hessischen Schnitt, wie Isabell Boger vom Geschäftsbereich Kommunikation und Marketing auf Anfrage mitteilt. Der Rückgang in Hessen beträgt 3,2 Prozent auf nun 2,066 Millionen Mitglieder. So wenig zählte der Landessportbund zuletzt 2010.

Trendwende

"Das jahrelange Mitgliederwachstum des organisierten Sports in Hessen wurde durch die Corona-Pandemie gestoppt. Angesichts der anhaltenden Einschränkungen befürchten wir, dass sich diese Entwicklung bis Ende 2021 sogar noch verschärfen wird", bewertet lsb h-Präsident Dr. Rolf Müller die vorläufigen Zahlen, an denen noch kleinere statistische Bereinigungen vorgenommen werden müssen. Diese Befürchtung werde dem Landessportbund auch aus seinen Mitgliedsorganisationen widergespiegelt. "Die derzeitige Perspektivlosigkeit zehrt", sagt der Gelnhausener und verweist darauf, dass die hessischen Vereine sich im Sommer 2020 noch deutlich optimistischer gezeigt hatten. Bei einer damals durchgeführten Vereinsbefragung hatten nur 30 Prozent der Vereine überhaupt Mitgliederrückgänge erwartet.

"Zum Sportkreis Wetterau zählen wir 10 6599 Mitglieder, darunter 30 356 Kinder und Jugendliche", macht Isabell Boger deutlich: "Der Mitgliederrückgang beträgt hier 2,3 Prozent, bei den K inder und Jugendlichen sogar 6,6 Prozent."

Ein genauer Blick auf die Hessen- Statistik zeige zwei Entwicklungen auf, die der Dachverband als besonders besorgniserregend bewerte. So entfallen fast 63 Prozent aller Mitgliederverluste auf Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre. Der Rückgang der Zahlen innerhalb dieser Altersgruppe belaufe ich auf 6,8 Prozent und sei damit fast viermal so hoch wie bei den Erwachsenen. Bei den bis Sechsjährigen sei sogar ein Minus von 17 Prozent zu erkennen. "Es besteht große Gefahr, dass uns eine ganze Generation verloren geht", warnen der Landessportbund-Präsident und die Vorsitzende der Sportjugend Hessen, Juliane Kuhlmann.

Natürlich hoffe man, bei einer Normalisierung des Sportbetriebs auch wieder mehr Kinder für den Vereinssport zu begeistern und die Verluste so zumindest teilweise ausgleichen zu können. Kuhlmann verweist aber darauf, dass es schwer werde, "die Bewegungs- und Trainingsdefizite im Nachwuchssport wieder aufzuholen".

Minus im Kreis Gießen

Der Sportkreis Vogelsberg habe nun 45 227 Mitglieder, so Isabell Boger, darunter 9890 Nachwuchskräfte. Das bedeute einen Rückgang um glatte drei Prozent (bei Kinder und Jugendlichen gar 4,6 Prozent). Der Sportkreis Gießen schlage - ähnlich wie die Wetterau - mit nun 100 136 Mitgliedern zu Buche (darunter 26 084 Kinder und Jugendliche). 2,3 Prozent sei - analog zur Wetterau - auch hier die Vereinsaustritts-Quote (Kinder und Jugendliche 5,6 Prozent).

Als ehemaliger Hochschulmeister in dieser Sportart nennt Präsident Müller explizit auch den Schwimmsport: "Seit Jahren mangelt es an Schwimmkursen. Hier wird die verlorene Zeit nur sehr schwer wieder aufzuholen sein." Auch in Mannschaftssportarten drohten langfristige Folgen - nämlich dann, wenn aufgrund der Corona-Pandemie auch längerfristig nicht mehr genügend Spieler gewonnen werden können.

Die Ergebnisse der Bestandserhebung untermauerten, warum es besonders wichtig sei, Kinder- und Jugendsport bei einer Öffnung des Vereinssports bevorzugt zu behandeln. Der Mitgliederrückgang in Hessen entspreche im Grundsatz bundesweiten Entwicklungslinien und sei sowohl auf Austritte sowie - insbesondere im Nachwuchsbereich - auf fehlende Neueintritte zum Ausgleich "normaler" Fluktuationen zurückzuführen.

Große Klubs im Fokus

Die zweite besorgniserregende Entwicklung, so Isabell Boger, offenbare die Bestandserhebung bei den hessischen Großvereinen. Häufig mit eigenen Sportstätten und festangestellten Mitarbeitenden ausgestattet, "leiden sie nicht nur finanziell stärker unter der Krise als andere. Sie sind auch überproportional stark von Mitgliederverlusten betroffen: Rund 40 Prozent der Rückgänge entfallen auf die 311 Sportvereine im Landessportbund Hessen mit 1 001 und mehr Mitgliedern. Allein der Mitgliederrückgang dieser Vereinsgruppe umfasst insgesamt rund 27 500 Mitglieder."

Die 20 größten Vereine Hessens (Eintracht Frankfurt ausgenommen) verzeichneten einen deutlich überdurchschnittlichen Rückgang um 6,2 Prozent. "Lässt man außerdem die verschiedenen Sektionen des Deutschen Alpenvereins außen vor, die in der Tendenz an Mitgliedern gewonnen haben, beträgt der Rückgang sogar 10,4 Prozent."

Dass der Mitgliederrückgang eindeutig auf die Corona-Pandemie und die resultierenden Sportverbote zurückzuführen ist, zeigt auch ein Blick über den Wetterauer, Vogelsberger und Gießener Tellerrand: In allen 23 Sportkreisen des Landessportbundes Hessen haben die Vereine insgesamt an Mitgliedern verloren. Die Verluste reichen laut der vorläufigen Statistik von -0,7 Prozent (Sportkreis Werra-Meißner) bis zu -5,7 Prozent (Groß-Gerau). "In der Tendenz lässt sich feststellen, dass die urbanen Kreise stärker betroffen sind als die ländlich geprägten. Denn dort gibt es mehr Großvereine und die Vereinsbindung ist tendenziell schwächer ausgeprägt", so Müller. Zu den "Negativ-Spitzenreitern" gehören somit auch Wiesbaden (-4,6 Prozent), Darmstadt-Dieburg (-3,9), Offenbach (-3,8) und Frankfurt (-3,8), wo der Zugewinn der Eintracht die Tendenz abschwächt. Im Nachwuchsbereich verlieren - außer Werra-Meißner (-0,8 Prozent) - alle Sportkreise deutlich. Überdurchschnittlich hoch sind die Verluste in Wiesbaden (-10,0), Groß-Gerau (-9,3) Main-Kinzig (-9,0), Rheingau-Taunus (-8,4), Darmstadt-Dieburg (-7,9), Offenbach (-7,7), Limburg-Weilburg (-7,3), Main-Taunus (-7,2) und Lahn-Dill (-7,0). "Wir sehen, dass die Kontaktsportarten im vergangenen Jahr besonders stark gelitten haben. Sie eignen sich nun mal am wenigsten, um Abstandsgebote einzuhalten", fasst Müller zusammen. So seien die Verluste im Judo (-11,6 Prozent), Ju-Jutsu (-9,9), Kickboxen (-9,1), Taekwon Do (-7,3), Karate (-6,7), Ringen (-6,5) besonders hoch. Mit dem Turn- und dem Schwimmverband verlieren auch zwei der fünf größten hessischen Verbände überdurchschnittlich - nämlich um jeweils 6,6 Prozent. Dies wird von den Zahlen gestützt: Turnen und Schwimmen büßten bei den Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren mehr als zehn Prozent ihrer Mitglieder ein. Ähnlich sieht es im Judo (-16,2) Prozent bei den bis 18-Jährigen) und anderen Kontaktsportarten aus. Eine endgültige und detaillierte Bestandserhebung wird der Landessportbund voraussichtlich Anfang April veröffentlichen.

Foto: fotalia/Archiv

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