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Amateurfußball: Schwarzgeld oder sozialer Dienst?

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Von: Sven Nordmann

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Geld und Fußball - seit jeher ein brisantes Thema, auch oder gerade besonders bei den Amateuren. Durch die jüngste ARD-Dokumentation wurde die Debatte unlängst wieder ein wenig befeuert. SYMBOLFOTO: IMAGO © Imago Sportfotodienst GmbH

Die ARD-Doku »Milliardenspiel Amateurfußball« sorgt im Januar 2022 für Aufsehen - es geht um Schwarzgeld. Ein Trainer aus der Region nimmt Stellung zur Thematik.

Hat der deutsche Amateurfußball ein Problem mit Schwarzgeld? Die ARD-Sportschau-Doku »Milliardenspiel Amateurfußball« vom 19. Januar 2022 legt das nahe - 99 Prozent der Akteure ab Liga fünf hätten keinen Amateurvertrag, würden aber zu einem beträchtlichen Anteil Geld kassieren, häufig mehr als die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) regulierte Summe von 250 Euro im Monat als Aufwandsentschädigung.

Ein Trainer aus dem mittelhessischen Raum, der namentlich nicht genannt werden möchte, ordnet die Situation aus heimischer Sicht ein, spricht dabei von »verdrehten Thesen« in der Reportage und verteidigt die Vereine: »Unsere Vereine in Deutschland sollten besser dargestellt und für ihre Arbeit mehr wertgeschätzt und nicht in ein zwielichtiges Licht gerückt werden.«

Was sagen Sie zur ARD-Doku »Milliardenspiel Amateurfußball«, die nahelegt, dass Jahr für Jahr Unsummen von Schwarzgeld fließen?

Die Doku bedient ein Klischee, das in meinen Augen nicht der Realität entspricht. Das Thema weckt Interesse und es ist nachvollziehbar, das aufzugreifen - aber dann bitte angemessen und aus allen Blickwinkeln. Auch wenn in dieser Doku ein Fußball-Sponsor mit Lamborghini im Hintergrund als Hauptcharakter dient, bildet diese Figur nur einen kleinen Teil im Amateurfußball ab. Da wird ein falsches Bild gezeichnet. Für ganz viele sauber arbeitende Vereine ist diese ARD-Doku sogar eine Beleidigung. Denn sie erweckt unterschwellig den Eindruck, als würde in nahezu jeder Liga und jedem Verein Massen an Schwarzgeld bezahlt.

Die ARD spricht davon, dass rund 500 Millionen Euro Schwarzgeld pro Saison im Amateurfußball versickern.

Wo fängt Schwarzgeld an und wo hört Schwarzgeld auf? Wenn ein Spieler einen Tankgutschein im Wert von 50 Euro erhält oder vom Vereinsvorsitzenden neue Fußballschuhe im Wert von 150 Euro finanziert bekommt, ist das streng genommen Schwarzgeld. Aber bevor wir das mit erhobenem Zeigefinger beurteilen, sollten wir kurz Abstand nehmen und das Gesamtgebilde Vereinslandschaft von außen betrachten.

Wie meinen Sie das?

Sagen wir, ein durchschnittlicher Sechstligaspieler erhält im Monat 150 Euro, ein Hessenligaspieler 250 Euro im Monat. Das kommt in Hessen ungefähr hin. Das heißt, es gibt einige, die mit 50 Euro im Monat auskommen und andere, die 500 Euro erhalten.

Bis zu 250 Euro im Monat entsprechen als Aufwandsentschädigung in den DFB-Statuten, danach müsste ein Amateurvertrag abgeschlossen werden. Dann werden Steuern und Sozialabgaben fällig.

In den allermeisten Fällen decken die Ausgaben eines Amateurfußballers wenn überhaupt die monatlichen Fahrtkosten ab. Ich kenne viele Fußballer, die legen noch drauf. Vor allem bei jungen Spielern ist das ohnehin regelmäßig der Fall. Sie wollen sich entwickeln und zahlen durch die Spritkosten Geld dafür, dass sie fünfte oder sechste Liga spielen. Hinzu kommt der zeitliche Faktor von im Schnitt drei Trainingseinheiten in der Woche und dem Wochenende, an dem der Spieler am Samstag um elf Uhr in den Bus steigt und abends um 19 Uhr nach dem Spiel wieder zu Hause ist. Rechnen Sie da mal einen Stundenlohn aus, wenn Sie diesen Aufwand jede Woche fahren und dann 250 Euro im Monat erhalten. Das rechtfertigt nicht alle Praktiken, aber sollte klar machen, von welchem Verhältnis wir hier sprechen.

Wo bleibt das Argument, dass Fußball ein Hobby ist?

Berechtigter Einwand. Jeder kann das für sich entscheiden. Die meisten Spieler verfahren ihr Geld auf der Landstraße bzw. Autobahn auf dem Weg zum Training und zurück. Sicher, jeder ambitionierte Verein sucht in den höheren Klassen einen Stürmer, der 30 Tore in der Saison schießt. Wenn der, sagen wir, 800 Euro im Monat bekommen möchte, schaust du als Verein: Bekommst du das hin? Du gehst die Wege durch. Bekommst du es durch die Aufwandsentschädigung, einen Minjob, das Abdecken der Fahrtkosten usw. hin? Es gibt Vereine, die mit Geld wedeln. Aber das sind die Ausnahmen. Und in Hessen gibt es sie ohnehin nicht.

Welche Bedeutung spielt die Bezahlung im Amateurfußball mit Blick auf das Sprichwort: »Geld schießt Tore«?

Ohne Geld geht gar nichts. Ist das nicht fast überall auf der Welt so? Wenn du im Fußball als Verein Ambitionen hast, brauchst du Geld. Bloß gibt es in Hessen im Grunde kaum Vereine, die auf Pump leben. Wir haben Eintracht Frankfurt, den SV Darmstadt 98, den SV Wehen Wiesbaden und Kickers Offenbach - die arbeiten offiziell mit Verträgen. Dahinter gibt es nur ganz wenige ambitionierte Vereine. Wir haben nicht die Dichte, wie es sie beispielsweise in Nordrhein-Westfalen gibt. In der Hessenliga will niemand aufsteigen, die Aufsteiger aus der Verbandsliga steigen meist schnell wieder ab - weil ihnen das Geld fehlt. Die allermeisten Verantwortlichen gehen meiner Erfahrung nach vernünftig mit dem Thema um.

Worauf fußt diese Aussage?

Ich habe Vermittlungsgespräche zwischen Spielern und Verantwortlichen geführt, in denen die Vereinsspitze um ein paar Euro gefeilscht hat. Manchmal schäme ich mich als Trainer fast, wenn es um fünf Euro mehr oder weniger im Monat geht. Die Zahl der Sponsoren nimmt nicht zu, sondern eher ab. Das zeigt gerade die Pandemie. Amateurvereine werden in der Breite immer noch von lokalen Kleinunternehmern oder dem Restaurantbesitzer mitfinanziert. Sie sind es, die unter der Pandemie leiden.

All das ändert nichts an dem von der ARD beschriebenen Umstand, dass jährlich mehrere hundert Millionen Euro am Finanzamt vorbeigeführt werden.

Auch ich habe schon bei Vertragsverhandlungen das Angebot erhalten, Geld cash auf die Hand zu bekommen. Ich habe das abgelehnt. Im Fußball fließt streng genommen Schwarzgeld, ja. Das können wir nicht verhehlen. Als ich mit einem Verein mal einen guten Angreifer verpflichten und ihm 250 Euro im Monat anbieten wollte, sagte er: Beim anderen Verein erhalte ich deutlich mehr. Und wir fragten, wie das dann geregelt sei. Und er antwortete: Ich kriege 100 Euro von dem Opa, 100 Euro von jenem und 150 Euro von einem anderen Opa.

Wie stehen Sie dazu?

Das sind die Ausnahmen. Ich sehe es im Kontext. Wenn die Vereine ihre Arbeit einstellen würden, hätte die Politik ein ganz anderes Problem. Ich sehe hier nicht ansatzweise die Verhältnismäßigkeit. Unsere Vereine in Deutschland sollten besser dargestellt und für ihre Arbeit mehr wertgeschätzt werden und nicht in ein zwielichtiges Rampenlicht gerückt werden. Den Beitrag, den die Vereine in unserer Gesellschaft leisten, kann man kaum hoch genug einordnen. Der Politik fehlt es seit mehreren Jahrzehnten an einer erkennbaren Integrationsstrategie. Diese Integrationsarbeit wird in erster Linie von den Vereinen gemacht. Wer kennt das Wort Menschlichkeit noch? Im Sport wird es gelebt.

Und Geld gezahlt.

Wenn ein Spieler mal Geldprobleme hat, Unterstützung beim Führerschein braucht und etwas Geld erhält, dann kann man das als Schwarzgeld titulieren - oder als einen sozialen Dienst, um die Person aufzufangen. Ich habe als Trainer schon Spielern Geld geliehen, damit sie einkaufen gehen können. Hätte ich das anmelden müssen? Ich würde mich schämen, so etwas Schwarzgeld zu nennen. Und nicht vergessen: Kaum einer kann vom Amateurfußball leben - in den allermeisten Fällen reden wir tatsächlich von einer Entschädigung für den Aufwand. Vereine helfen Spielern teilweise sogar, Existenzen aufzubauen. Wenn ein junger Mensch durch den Fußball zu einem Ausbildungsplatz kommt und sich bewährt, weiß ich nicht, was daran verwerflich sein soll.

In der Doku erhält Multimäzen Gerhard Klapp aus Nordhessen eine prominente Position. Dort sagt er: »Das will ich hoffen, dass die Vereine abhängig sind von mir.«

Er zählt zu denjenigen Geldgebern, die keinen besonders guten Ruf genießen, weil sie mitreden wollen und Vereine dann auch wieder wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, wenn ihnen etwas nicht passt. Auch hier: Ja, diese Personen gibt es im Fußball, aber: Das ist die Seltenheit. Vieles wird in der Doku verdreht. Ich habe in meiner über 20-jährigen Laufbahn im Fußball sehr oft die soziale Verantwortung von Geldgebern erfahren. Da wird der Gesellschaft etwas zurückgegeben, da ist eine soziale Ader zu spüren. In den Vereinen, bei denen ich angestellt war, wurde mit einem Steuerberater gearbeitet. Da hat das Finanzamt kontrolliert. Da wurde geschaut, dass Personen mit Einfluss im Vorstand sitzen, damit sie im Boot und in der Haftung stehen. Unglaublich viele Ehrenamtliche in Deutschland leisten einen enorm wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Die Wertschätzung für die Fußballvereine kommt mir hier zu kurz.

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