Alles reine Kopfsache

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NIDDA/HANAU - (rd). Es war eine in höchstem Maß beeindruckende Szene Mitte der zweiten Halbzeit. Ein Aalener Spieler wurde mit einem langen Ball auf die Reise gen Gießener Gehäuse geschickt, er schien entwischt, weil Michael Fink sich in diesem Moment in der Vorwärtsbewegung befand, doch der Mann mit der Rückennummer "13" machte auf den Fersen kehrt, zündete den Turbo, suchte das Eins-gegen-Eins-Laufduell und setzte mit höchster Präzision zur Grätsche an - Ball sauber geklärt, Torchance im Spiel der Fußball-Regionalliga Südwest vereitelt, noch eine 1a-Aktion mehr des 39-Jährigen.

Was die Szene so besonders machte, war, dass Fink da schon mit einem Turban unterwegs war, nachdem er in einem Kopfballduell kurz zuvor einen veritablen Cut über dem rechten Auge erlitten hatte. Und während sein Gegenspieler, sich den Hinterkopf haltend, lange auf dem Boden lag, stand Fink blitzschnell, blutgesprenkelt wie "Rambo" auf einem Kinoplakat, an der Gießener Bank, wurde von Mannschaftsarzt Carsten Hauk notversorgt, frisches Trikot an - und eilte dann zurück aufs Feld.

"Es ist heute grün, blau, lila und geschwollen, aber nicht mehr so schlimm wie gestern", sagt Michael Fink am Montagmittag am Telefon, nachdem er am Sonntag per WhatsApp ein Bild seines Auges (zumindest war da vorher mal eins) geschickt hatte. Aus Pietätsgründen wird das Foto allerdings an dieser Stelle nicht veröffentlicht.

Ob er daran gedacht habe, sich auswechseln zu lassen? "Nein, eigentlich nicht. Es stand ja noch auf der Kippe. Ich wusste, das ist ein enges Spiel, da wollte ich der Mannschaft schon noch helfen. Bei 2:0 oder 3:0 hätte ich es mir vielleicht überlegt, rauszugehen." Und, so sagt der Ex-Profi, "ich habe ja auch keine sonderliche Beeinträchtigung gespürt. Ich wusste, ich kann mich weiter voll reinhauen." Was er dann auch tat, nebst intensivem Kopfballspiel und bereits angesprochener Grätsche. Während dem Beobachter auf der Tribüne der Schädel solidarisch mit brummte, wenn Fink per Kopf weiter abräumte, wurde es bei dem ehemaligen Eintrachtspieler "erst nach dem Abpfiff schlimm. Da war das Adrenalin weg, ich wurde noch in der Kabine genäht, dann ging's langsam los mit den Schmerzen. Aber ehrlich: Das ist halt Fußball, da tut es schon mal weh."

Man muss angesichts der sportlichen Vita des gebürtigen Waiblingers das Thema nicht vertiefen. 137 Bundesligaspiele hat er absolviert, 73 Zweitligapartien, 66 Mal war er in der türkischen Süper Lig für Besiktas Istanbul und Samsunspor am Ball, zehn Einsätze hat er in Champions League und Euroleague auf dem Buckel. Da kracht es schon das ein oder andere Mal. Oder man lässt es krachen. So ist bei YouTube ein legendärer Knaller zu finden, als Michael Fink im Jahr 2009 den Ball aus 16 Metern volley zum 1:0 ins Netz von Fenerbahce hämmerte. Tor des Monats. 3:0 hieß es am Ende, das Stadion kochte.

Fink hat viel gesehen und erlebt, aber er ist nicht satt, was seinen Sport angeht. Und ganz unprätentiös, was seine Person angeht. "Natürlich ist es immer schöner mit Zuschauern im Stadion. Das erste Spiel ohne Fans war komisch, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, auch wenn man sich natürlich auf Dauer nicht daran gewöhnen will", erzählt der Mann, der sagt, "es ist nur eine mentale Sache, wenn Ex-Bundesligaspieler nicht zurechtkommen, wenn sie in höherem Alter zwei, drei Klassen tiefer spielen." Er habe damit kein Problem und noch so viel "Bock auf Fußball, dass ich da immer alles gebe, ob jetzt vor 70 000 Zuschauern, vor 100 oder vor null." Eine Partie "Mensch ärgere dich nicht", so darf man des Weiteren aus seinen Ausführungen schließen ("habe ich mit meinen Brüdern gespielt, aber selbst da konnte ich nicht verlieren") muss man nicht unbedingt gegen Fink spielen. Aber jenseits des Ehrgeizes auf'm Platz ist er ein äußerst angenehmer, zurückhaltender, aber auch zugewandter Gesprächspartner. Michael Fink will immer gewinnen, gibt dafür alles, bringt aber längst auch genügend Ruhe und Gelassenheit mit, um nicht zu überdrehen. Fink, das kann man schon jetzt sagen, ist genau zu der Verstärkung geworden, die sich Daniyel Cimen gewünscht hat. Der Mann vor der Abwehr wirft sich nicht nur mit Kopfverletzung in Zweikämpfe, er ist auch sonst omnipräsent, verteilt geschickt die Bälle, agiert mit der ganzen Ruhe eines abgezockten Profis, sprich: Gibt dem Gießener Spiel Halt, Struktur, Sicherheit - und mit manchem feinen Pass und Diagonalball auch noch das ein oder andere Überraschungsmoment. Was er an Struktur verleiht, war gegen den VfR Aalen ("das war ein wichtiger Punkt gegen einen gleichwertigen Gegner") in den paar Minuten zu spüren, als Fink sich behandeln lassen musste. Da knirschte es im Defensivgetriebe.

Michael Fink ist froh, in Gießen Fußball spielen zu dürfen, denn "aufgrund der Pause in Hanau habe ich ja zwei, drei Monate nur für mich trainiert". Das war dem Fußballer mit Herz dann doch zu langweilig. Ohne Corona aber, das ist auch klar, "wäre das mit Gießen nicht zustande gekommen." Das Comeback des beim VfB Stuttgart ausgebildeten Mannes ist ein Glücksfall für die Rot-Weißen, wobei er aber auch weiß, "dass wir echt viel Qualität in der Mannschaft haben, es passt auch charakterlich. Klar geht es um den Klassenerhalt, aber wir haben das Zeug dazu, es macht Spaß hier zu spielen." Ob er am Samstag gegen Mainz wieder ran kann, "müssen wir von Tag zu Tag sehen. Ich werde das vom Doc noch mal anschauen lassen, noch tut es ordentlich weh." Michael Fink hatte das Glück, in seiner langen Karriere von Knieproblemen oder ähnlich gelagerten Verletzungen verschont zu sein. An einen Cut dieses Ausmaßes kann er sich auch nicht erinnern, aber "dreimal hatte ich das Nasenbein gebrochen". Na, dann. Der konditionsstarke Fink (gegen Walldorf obschon ältester Feldspieler mit dem drittbesten Laufwert seiner Mannschaft) hört sich so an, als hätte er schon wieder Lust aufs nächste Spiel. Trotz Brummschädel. Und auf noch eine Saison in Gießen? "Das lasse ich auf mich zukommen, wer weiß, wie das mit Corona weitergeht. Wenn wir die Liga halten und sonst nichts weitergeht, will ich das nicht ausschließen, aber daran denke ich jetzt noch nicht." Sicher aber ist: Die nächste Grätsche kommt bestimmt. Dann ohne Turban.

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