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Ukraine in Not: UN sieht „am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“

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Von: Astrid Theil

Geflohene in Medyka
Eine ukrainische Frau erreicht mit ihrem Baby die polnische Grenzstadt Medyka. © Markus Schreiber/AP/dpa

Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind bereits vor dem Krieg in der Ukraine in andere Länder geflohen - insgesamt 4 Millionen Menschen könnten es werden. In Deutschland sind bereits 38.000 Geflüchtete angekommen.

Kiew/Berlin - Seit der Invasion russischer Truppen in die Ukraine sind nach Angaben des Vorsitzenden des UN-Flüchtlingshilfswerks, Filippo Grandi, mehr als 1,5 Millionen Menschen in andere Länder geflohen. Die Organisation sieht nach eigenen Angaben bereits „die am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“. Angesichts des sich intensivierenden Ukraine-Krieg* wird die Zahl der täglich aus der Ukraine flüchtenden Menschen wohl weiter wachsen. Die UN geht davon aus, dass bis zu vier Millionen Menschen das Land verlassen wollen.

Die meisten Ausreisenden aus der Ukraine sind bisher nach Polen geflohen. Nach Angaben des polnischen Grenzschutzes sind seit Beginn des Kriegs rund 922.400 Flüchtlinge aus dem Nachbarland eingetroffen. Allein am Samstag (5. März) sollen 129.000 Menschen über die ukrainisch-polnische Grenze angekommen sein. Noch am Sonntag könnte die Zahl der Geflüchteten auf über eine Million steigen.

Ukraine-Krieg: Mehr als eine Million Menschen fliehen in Nachbarländer

Auch in andere Nachbarländer versuchen sich viele Ukrainerinnen und Ukrainer zu retten: In die benachbarte Republik Moldau sind allein 230.000 Menschen geflohen. 120.000 Tausend seien davon im Land geblieben - eine enorm große Zahl für die ehemalige Sowjetrepublik, die nur etwa 2,6 Millionen Einwohner zählt. Rumänien verzeichnete wiederum etwa 227.500 Geflüchtete und Ungarn über 163.000. Fast 114.000 Menschen haben die Slowakei erreicht.

Immer mehr Menschen fliehen von der Ukraine aus auch nach Deutschland. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums registrierte die Bundespolizei bislang 37.786 Geflüchtete. Das sind fast 10.000 Menschen mehr als noch am Vortag. Ein Sprecher des Innenministeriums machte jedoch darauf aufmerksam, dass die tatsächliche Zahl ukrainischer Flüchtlinge viel höher liegen könnte.

Ukraine-Flüchtlinge: über 10.000 Menschen kommen täglich in Berlin an

Da bisher keine Grenzkontrollen durchgeführt wurden, könne die Zahl der nach Deutschland eingereisten Kriegsflüchtlinge bereits wesentlich höher liegen. Die Zahl der Menschen, die aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine flieht, werde seit dem Beginn der russischen Angriffe am 24. Februar erfasst. In erster Linie kommen die Flüchtlinge in Berlin an.

Angesichts tausender täglich in der Hauptstadt ankommender Ukraine-Flüchtlinge stößt Berlin bereits nach Aussagen der regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey zunehmend an seine Grenzen. „Wir haben binnen einer Woche ein extrem dynamisches Geschehen: Am Anfang waren es 45 Menschen, die wir untergebracht haben, mittlerweile kommen über 10.000 am Tag“, sagte die SPD-Politikerin.

Flüchtlinge aus der Ukraine: Berlin überlastet - Verteilung in andere Bundesländer

Am Samstag sind laut Verwaltung allein mehr als 11.000 Menschen in Berlin angekommen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind. 720 von ihnen seien vom Krisenstab und dem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten in Berlin untergebracht worden.

Aufgrund der enormen Anzahl an eintreffenden Personen werden diese seit Sonntag (6. März) mit Bussen vom Berliner Hauptbahnhof aus in andere Bundesländer gebracht. Dies teilte die Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales mit. 13 Bundesländer würden angesteuert, Bayern und Hamburg seien ausgenommen. „Das Angebot ist freiwillig, keine Registrierung“, hieß es.

Ukraine-Krieg: Flüchtlinge sollen ohne aufwendiges Asylverfahren aufgenommen werden

Der Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) zufolge sollen Flüchtlinge aus der Ukraine unabhängig von ihrer Nationalität in Deutschland aufgenommen werden. „Wir wollen Leben retten. Das hängt nicht vom Pass ab“, so Faeser. Die meisten aus der Ukraine flüchtenden Menschen seien Ukrainerinnen und Ukrainer. Aber auch Menschen aus anderen Staaten, die ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in der Ukraine hatten, müssen laut der Ministerin kein aufwendigen Asylverfahren durchlaufen. „Zum Beispiel bei jungen Indern, die in der Ukraine studiert haben, sehen wir, dass sie vor allem schnell in ihre Heimat zurückwollen“, so Faeser.

Darüber hinaus betonte Faeser, dass es keine Obergrenze für die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen geben werde. Alle EU-Staten würden Kriegsflüchtlinge aufnehmen, besonders die osteuropäischen EU-Länder. „Das ist eine völlig andere Lage, als wir sie bisher in Europa hatten.“ Elementar sei nun eine gute Verteilung und Versorgung der Flüchtlinge aus der Ukraine. Dabei sei mit keinem Kontrollverlust zu rechnen. „Natürlich schauen wir jetzt genauer hin, wer nach Deutschland kommt.“ Gleichzeitig sei jedoch klar, dass Deutschland aktuell schnell und unbürokratisch helfen wolle.

Kriegstrauma: psychosoziale Zentren könnten überlastet werden

Mit der steigenden Zahl ukrainischer Kriegsflüchtlinge fordert die bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer außerdem finanzielle Hilfe von Bund, Ländern und Kommunen. Viele der Flüchtlinge aus der Ukraine sind vom dortigen Krieg traumatisiert und benötigen psychologische Unterstützung. Die Finanzierung der psychosozialen Zentren sei allerdings laut Geschäftsleiter Lukas Welz bereits jetzt prekär. Auf die aktuelle Mehrbelastung seien die Zentren nicht vorbereitet. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung Gebhard Hentschel fordert ebenfalls zusätzliche Unterstützung. (at/dpa) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch in München wird rigoros Platz geschaffen aufgrund der Geflüchteten vom Ukraine-Krieg: Die Stadt München räumt das Luisengymnasium komplett für Geflüchtete aus der Ukraine. In der Schule nahe dem Hauptbahnhof werden Schlafplätze geschaffen, um auf die große Zahl der Ankommenden zu reagieren. Die Schüler des Gymnasiums werden für mindestens eine Woche in den Distanzunterricht geschickt.

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