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Trotz Klimaversprechen vor der UNO: China finanziert weiter Kohleprojekte im Ausland

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Von: Nico Beckert

Xi Jinping auf einem Videoschirm neben dem Logo der Vereinten Nationen
Kein Geld mehr für Kohleprojekte im Ausland: Das versprach Chinas Staatschef Xi Jinping – virtuell – auf der UN-Vollversammlung im September 2021 © Mary Altaffer/afp

Chinas Präsident Xi Jinping kündigte vor der UNO im September 2021 einen Baustopp für neue Kohleprojekte im Ausland an. Doch es entstehen immer noch Kohlekraftwerke mit Unterstützung aus China.

Berlin/Peking – Die Ankündigung in New York galt als Meilenstein im Klimaschutz: „China wird keine neuen Kohlekraftwerke mehr im Ausland bauen“, sagte Staatschef Xi Jinping bei der UNO-Vollversammlung im September 2021. Die Volksrepublik war bis dahin der letzte große staatliche Geldgeber für Kohleprojekte in aller Welt. Die großen chinesischen Entwicklungsbanken hatten zwischen den Jahren 2000 und 2019 fast 52 Milliarden US-Dollar in 66 Kohlekraftwerke im Ausland gesteckt, nachdem westliche Entwicklungsbanken nach und nach aus dem Geschäft ausgestiegen waren.

Doch ein Jahr später ist die Bilanz dieses Versprechens getrübt: Wegen Schlupflöchern und Graubereichen könnten offenbar 18 neue Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 19,2 Gigawatt weiterhin gebaut werden, obwohl sie Xis Worten widersprechen. Das zeigt eine Analyse des Thinktanks Centre for Research on Energy and Clean Air. Diese Kohlemeiler würden demnach circa 94 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr verursachen. Einige dieser Kraftwerke sollen in Industrieparks gebaut werden, die im Zuge der Neuen Seidenstraße gefördert werden. Zudem werden Kraftwerke mit chinesischer Unterstützung erweitert und Projekte, die schon vor Xis Ankündigung beschlossen wurden, können auch noch realisiert werden.

China baut weiterhin Kraftwerke für Industrieparks im Ausland

Die Analyse zeigt Beispiele, wo China weiter Kohle finanziert: In Indonesien soll ein Kraftwerk in einem Industriepark gebaut werden und die Nickel- und Stahlindustrie versorgen. Erst am 14. Februar dieses Jahres wurde der Vertrag unterschrieben – gut fünf Monate nach Xis Ankündigung. Ein weiteres Industrie-Kohlekraftwerk in Indonesien soll mit chinesischer Ausrüstung erweitert werden, wie die CREA-Analyse zeigt.

In Laos hingegen wird ein schon vor Jahren beschlossenes Kohlekraftwerk gebaut, dessen Planung zwischenzeitlich unterbrochen war. Ein weiterer neuer Vertrag für ein Bauvorhaben wurde am 24. Mai 2022 unterschrieben. Auch dabei soll eine chinesische Firma Teile für den Bau liefern. Das 660 Megawatt-Projekt wird offiziell als „Projekt zur Erzeugung von sauberer Energie“ bezeichnet. Die veröffentlichten Informationen deuten laut CREA jedoch sehr stark auf ein Kohlekraftwerk hin.

Daneben ist China weiterhin bereit, bestehende Kohlekraftwerke im Ausland auf neue Emissionsstandards hin aufzurüsten. Das würde zwar den Ausstoß von Schwefel- und Stickstoffoxiden begrenzen und somit die Luftverschmutzung an den Kraftwerken verringern. Doch wenn die Kraftwerke durch die Modernisierung länger am Netz bleiben würden als ursprünglich geplant, könnten die CO₂-Emissionen insgesamt steigen, so die CREA-Analysten. Besonders bei alten Kraftwerken bestehe dieses Risiko, beispielsweise in Indonesien und Indien, sagt Isabella Suarez von CREA.

Trotz dieser Schlupflöcher wird Xis Ankündigung allerdings noch immer als großer Meilenstein gesehen. Chinas Bauverbot für Kohlekraftwerke im Ausland „ist für den Klimaschutz und die Energiewende weltweit von enormer Bedeutung“, so Suarez gegenüber China.Table. Das hängt auch damit zusammen, dass andere Finanzierungsquellen immer stärker austrocknen.

Kohle: China letzter großer staatlicher Geldgeber der Welt

China war zwar der letzte große staatliche Geldgeber. Doch auch vor Xis Ankündigung stammten 87 Prozent der öffentlichen und privaten Finanzierungen zum Bau von Kohlekraftwerken von außerhalb Chinas, wie Berechnungen des Global Development Policy Center der Universität Boston zeigen. Der Großteil stamme „von institutionellen Investoren und Geschäftsbanken aus Japan und westlichen Ländern“, wie Cecilia Springer, stellvertretende Direktorin der Global China Initiative der Universität Boston sagt.„Viele private Geldgeber haben ihre eigenen Beschränkungen bei der Kohlefinanzierung eingeführt. Entwicklungsländer, die weiterhin Kohlekraftwerke bauen wollen, werden in Zukunft kaum noch Finanzierungsmöglichkeiten finden“, so die Expertin der Bostoner Universität.

Hinzu kommt: Heizkessel, Dampfturbinen und Generatoren aus China haben einen großen Kostenvorteil gegenüber Angeboten aus anderen Weltregionen. Wenn dieses Equipment im Ausland nicht mehr verbaut werden darf, werden Kohlekraftwerke teurer und somit weniger wahrscheinlich, auch wenn private Geldgeber sie finanzieren würden.

Tor des Kohlekraftwerkes Celukan Bawang 2 auf der indonesischen Insel Bali
Das Kohlekraftwerk Celukan Bawang 2 auf der indonesischen Insel Bali wurde von China finanziert und dem Konzern China Huadian erbaut (Archivbild). © Sonny Tumbelaka/afp

China: Kaum Geld für Gas, Anstieg bei Erneuerbaren Energien

Obwohl China selbst in Zukunft stärker auf Erdgas statt auf Kohle setzen will, gibt es laut Cecilia Springer kaum Anzeichen für große Investitionen der chinesischen Entwicklungsbanken in Gas-Projekte im globalen Süden. „China hat bisher kaum Entwicklungsfinanzierungen für Gaskraftwerke bereitgestellt“, sagt die Expertin. Und es sei auch nicht mit einem Anstieg der Investitionen zu rechnen. Denn „Chinas heimische Erdgas-Industrie ist klein und hat nicht die gleichen Anreize für eine globale Expansion wie Chinas heimische Kohle- und Wasserkraftindustrie.“ Allerdings würden chinesische Firmen Auslandsdirektinvestitionen im Gassektor tätigen. Das sei aber durch die Nachfrage der Gastländer bedingt – und nicht durch strategische Interessen Chinas.

Auch in den nach Xis UN-Ankündigung überarbeiteten politischen Leitlinien für Finanzierungen und Investitionen im Ausland spielt Erdgas kaum eine Rolle, so Springer. Vielmehr würden dort die Erneuerbaren Energien betont. Denn auch Xi hatte in seiner UN-Rede hervorgehoben, „China wird die Unterstützung anderer Entwicklungsländer bei der Entwicklung grüner und kohlenstoffarmer Energien verstärken“.

Bisher haben sich Chinas Entwicklungsbanken bei Projekten für Wind- und Solarenergie im Ausland noch zurückgehalten. Sie haben „das Risiko der Finanzierbarkeit als zu hoch angesehen. Und die Nachfrage der Gastländer nach Erneuerbaren fehlte. Sie haben traditionelle Energiequellen bevorzugt“, sagt Springer. Doch die Wissenschaftlerin der Boston University ist optimistisch. Sollte China seine eigenen wirtschaftlichen Probleme bewältigen und wieder mehr Entwicklungsfinanzierungen bewilligen, werde das Land verstärkt auch international in Erneuerbare Energien investieren.

Schon in den letzten Jahren waren Chinas Wind- und Solarfirmen mit Auslandsdirektinvestitionen in zahlreichen Wind- und Solarprojekten involviert. Diese Firmen haben den Großteil der durch China finanzierten 20 Gigawatt an Wind- und Solarkapazitäten unterstützt. Auch Suarez ist optimistisch: „Wir gehen davon aus, dass die Anzahl von Erneuerbare-Energien-Projekten im Ausland steigen wird – und dies systematisch verfolgt wird, wie es bei der Kohle der Fall war.“

China: Ärmere Staaten haben Recht auf fossile Energien

Wie schwierig es China fällt, die fossilen Energien hinter sich zu lassen, zeigt die gemeinsame Erklärung mit Russland und Indien beim Gipfel der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) am 15. und 16. September in Samarkand. Darin pochen die Mitglieder des wirtschafts- und sicherheitspolitischen Bündnisses – die zu den größten CO₂-Verursachern gehören – auf das Recht der Schwellenländer, Erdöl und Erdgas für ihre wirtschaftliche Entwicklung einzusetzen. Die SCO-Mitglieder fordern einen „ausgewogenen Ansatz zwischen der Emissionsreduzierung und der Entwicklung“ der Staaten.

Die Staatenführer riefen zu verstärkten Investitionen in die Öl- und Gasförderung und -exploration auf. Sie widersprechen damit direkt Kalkulationen der Internationalen Energieagentur (IEA). Diese mahnt, zur Einhaltung des 1,5-Grad Ziels dürfe ab sofort weltweit keine neue fossile Infrastruktur gebaut werden.

Von Nico Beckert

Nico Beckert ist seit Januar 2021 Redakteur für die Table.Media Professional Briefings. Seine Themenschwerpunkte sind die deutsch-chinesischen Beziehungen, Wirtschaft und Finanzen, die Neue Seidenstraße sowie chinesische Klimapolitik. Zuvor schrieb Beckert als freier Autor für den Tagesspiegel und den Freitag.

Dieser Artikel erschien am 22. September 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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