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China: Politkrimi um verhafteten Interpol-Chef Meng Hongwei – Ehefrau vermutet politische Säuberung

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Von: China.Table

Interpol-Chef Meng Hongwei spricht auf dem Interpol-Weltkongress in Singapur
Fiel er einem Machtkampf zum Opfer? Der ehemalige Interpol-Chef Meng Hongwei 2017 auf dem Weltkongress der Polizei-Organisation in Singapur © Then Chih Wey / Xinhua / Imago

Meng Hongwei, der erste chinesische Interpol-Chef, wurde vor drei Jahren wegen Korruption festgenommen. Nun sagt seine Frau, dass ihr Mann einem Machtkampf zum Opfer gefallen sei.

Peking/Berlin – Im Oktober 2018 spielte sich ein Krimi vor den Augen der Weltöffentlichkeit ab. In der Hauptrolle: Meng Hongwei, der damalige Chef der mächtigen internationalen Polizeiorganisation Interpol. Der damals 64-Jährige war der erste Chinese auf diesem Posten. Doch dann verschwand er plötzlich*. Über Nacht.

Fast 14 Tage suchte seine eigene Behörde nach ihm. Man wusste nur, dass Meng in seine Heimat China* gereist war. Dann lüftete Peking das Geheimnis um seinen Verbleib. Das Ministerium für öffentliche Sicherheit teilte mit, dass gegen den Interpol-Chef wegen des Verdachts ermittelt werde, „Bestechungsgelder angenommen“ zu haben und in illegale Aktivitäten verwickelt gewesen zu sein. Nach dieser Verlautbarung erhielt Interpol umgehend ein angeblich von Meng aufgesetztes Schreiben, in dem dieser seinen sofortigen Rücktritt erklärte. 

Als letztes Lebenszeichen aus China sandte Meng Hongwei seiner Frau Grace Meng noch ein Emoji-Piktogramm mit einem Messer als Botschaft auf ihr Handy. Vielleicht weil er wusste, dass das Spiel aus war.

Meng Hongweis Ehefrau kritisiert Interpol und chinesische Regierung

Erstmals seit der Festnahme ihres Mannes hat Grace Meng nun der US-Nachrichtenagentur AP ein ausführliches Interview gegeben, in dem sie schwere Vorwürfe sowohl gegen Interpol als auch gegen die chinesische Regierung erhebt. Sie habe seit der letzten SMS vor rund drei Jahren kein Wort mehr von ihrem Mann gehört, sagte sie in dem Gespräch. Auch Schreiben ihrer Anwälte an die chinesischen Behörden seien unbeantwortet geblieben. Sie sei sich nicht einmal sicher, ob ihr Mann noch lebe.

Nach offiziellen Angaben war Meng Hongwei im Januar 2020 wegen der Annahme von Bestechungsgeldern in Höhe von mehr als zwei Millionen Dollar zu 13 Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Das Gericht erklärte, er habe sich schuldig bekannt und sein Bedauern ausgedrückt. Seine Frau, die Chinas Führung in dem Interview mit AP als „Monster“ bezeichnet, hat eigenen Angaben zufolge seither aus dem Gefängnis keinen einzigen Brief von ihrem Mann erhalten. 

Die Ehefrau äußerte sich zudem empört darüber, dass Interpol den Rücktritt ihres Mannes einfach so akzeptiert und keine weiteren Nachforschungen unternommen habe. „Kann jemand, der gewaltsam verschwunden ist, aus freiem Willen ein Rücktrittsschreiben verfassen?“, fragt sie. Die Polizeiorganisation und ihre Mitgliedstaaten hätten sich nicht einfach der Version beugen dürfen, die von Peking verbreitet wurde. Die Korruptions-Anschuldigungen gegen ihren Mann seien frei erfunden. Vielmehr sei er ausgeschaltet worden, weil er seine ranghohe Position genutzt habe, um auf Veränderungen hinzuwirken. 

Grace Meng sieht Demokratie als Mittel gegen Korruption

„Es ist ein Beispiel dafür, wie eine politische Meinungsverschiedenheit in eine kriminelle Angelegenheit verwandelt wird“, sagt Grace Meng. Und weiter: „Das Ausmaß der Korruption in China ist heute sehr ernst. Sie ist allgegenwärtig. Aber es gibt zwei verschiedene Meinungen darüber, wie das Problem gelöst werden kann. Die eine ist die jetzt angewandte Methode. Die andere ist, sich in Richtung einer konstitutionellen Demokratie zu bewegen, um das Problem an der Wurzel zu lösen.“ 

Grace Meng deutet somit an, dass ihr Mann Opfer eines Machtkampfes wurde. Eine Theorie, die bereits kurz nach dem Verschwinden des ehemaligen Interpol-Chefs von vielen Beobachtern geäußert wurde. Wenn Meng nur korrupt gewesen wäre, hätte Chinas Führung wohl kaum diesen beschämenden Schritt unternommen, und ihren gerade erst an der Spitze von Interpol installierten Mann selbst abgesägt. „Ich denke, es geht um mehr als Korruption“, sagte damals etwa der kritische Historiker Zhang Lifan. „Dahinter steckt ein politischer Machtkampf“. Nach seinen Informationen seien auch andere Vertreter des Polizeiministeriums damals verhaftet worden. 

Meng Hongwei: Opfer politischer Säuberungen?

Vielfach wurde darauf verwiesen, dass Meng Hongwei seine Karriere im Pekinger Polizeiministerium gemacht hat. Dieses stand damals noch unter der Führung des später gestürzten und 2015 zu lebenslanger Haft verurteilten Sicherheitschefs Zhou Yongkang, der als gefährlicher Rivale von Staats- und Parteichef Xi Jinping* galt. Meng Hongwei, so wurde vermutetet, könnte somit das Opfer einer breiten Aufräumaktion gewesen sein, mit der Xi seine Macht weiter zementieren wollte. 

Grace Meng und ihre Familie haben nach ihren Angaben traumatische Jahre hinter sich. Vor allem ihre Kinder würden leiden. „Wenn sie jemanden an die Tür klopfen hören, sehen sie immer nach. Ich weiß, dass sie hoffen, dass die Person, die hereinkommt, ihr Vater sein wird. Aber jedes Mal, wenn sie merken, dass es nicht der Vater ist, senken sie leise den Kopf.“

Von Jörn Petring und Gregor Koppenburg 

Jörn Petring und Gregor Koppenburg leben seit einigen Jahren als freie Autoren in Peking. Seit Anfang 2021 berichten sie von dort auch für China.Table.

Dieser Artikel erschien am 23. November im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht es nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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