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Weidmühle in Eschenrod: Liebe auf den ersten Blick

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Eva und Ingo Bette wollen der Weidmühle in Eschenrod neues Leben einhauchen. © Stefan Weil

»Es war Liebe auf den ersten Blick«, sagen Eva und Ingo Bette. Damit meinen sie die Weidmühle in Eschenrod. Mit dem historischen Anwesen hat das Ehepaar große Pläne.

Die Weidmühle im Schottener Stadtteil Eschenrod gehört seit August 2021 dem Ehepaar Eva und Ingo Bette. Der 50-jährige Tischler und Holzbauingenieur und die 46-jährige Kosmetikerin und Heilpraktikerin haben mit dem historischen Komplex viel vor. Erstes vollendetes Projekt ist das neue Wasserrad, das die Familie größtenteils in Eigenregie gebaut hat.

»Wir haben schon lange nach einem historischen Gebäude gesucht«, erzählt das Ehepaar. »Das haben wir hier gefunden, und dazu die Natur. Wir genießen das.« Eva und Ingo Bette sind in Erlangen aufgewachsen. Sie bewohnten zuletzt mit ihren vier Kindern ein eigenes Haus in Wöllstadt. Der Umzug in den ländlich geprägten Vogelsberg war ein großer Umbruch, auch mit beruflicher Neuorientierung. Die Perspektive heißt jetzt »Weidmühle«. »Die Entscheidung bedeutet schon ein großes Wagnis. Aber wir sind sehr optimistisch, dass es klappen wird.«

Begegnungsstätte und Ferienort

Das rund ein Hektar große Anwesen mit dem Mühlen- und Wohngebäude, einer großen Scheune, einem Eckgebäude und zwei Weiden, die sich hinter den Gebäuden am Eichelbach entlang strecken, wollen sie zu einer Begegnungsstätte um- und ausbauen, zu einer touristischen Attraktion mit einem Veranstaltungsraum und Ferienwohnungen. Geplant ist auch ein Kosmetikstudio mit einer Heil- und Physio-Werkstatt. Tochter Jasmin will hier ebenfalls beruflich Fuß fassen. »Wir haben jetzt schon Anfragen für die Ferienwohnungen«, sagt das Ehepaar. Aber die Interessenten müssen sich noch gedulden. Frühestens 2023 werden sich voraussichtlich erstmals Gäste in dem Anwesen erholen können.

Im ersten Jahr als neue Eigentümer haben die Bettes zunächst wichtige Renovierungen im Wohnhaus vorgenommen - unter großem Zeitdruck, denn bis zur Übergabe ihres früheren Hauses an den Käufer blieb nur ein Vierteljahr Zeit. Der Boden im großen Wohnzimmer - er stammte noch aus der Bauphase des Hauses um 1780 - wurde mit dicken Eichenholzdielen erneuert. Ebenso Türzargen und Türen sowie die Fensterleibungen. Wo es möglich war mit Originalteilen, alternativ mit originalgetreuen Nachbauten. »Das alles soll wieder mindestens 200 Jahre halten«, betonen Ingo und Eva Bette mit einem Schmunzeln. Erneuert wurde auch die komplette Elektrik, und die Wände wurden mit Lehm verputzt. »Dieses Haus hat Geschichte, das fasziniert uns«, sagt das Ehepaar. »Wir wollen neues Leben reinbringen.«

Die Mühle wird demnächst wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein, im Rahmen von Führungen. »Sie soll zu einem attraktiven Museum werden, mit dem wir die alte und vollständig erhaltene Technik den Menschen präsentieren wollen. Wir brauchen aber noch etwas Zeit.« Seit 1995 fand hier kein kommerzielles Müllern mehr statt. Das Innere der Mühle und die Maschinen zum Malen von Schrot und Mehl wollen Ingo und Eva Bette in den kommenden Wochen gründlich überholen.

Zu einer historischen Mühle gehört ein Wasserrad. »Das ist das schlagende Herz für alles. Es wirkt identitätsstiftend«, sagt Ingo Bette. Allerdings: »Das Rad war einsturzgefährdet.« Als einzige Konsequenz blieb der komplette Neubau. »Ein Riesenprojekt, das viel Energie gebraucht hat«, sagt Ingo Bette. »Es musste sofort angepackt werden, noch vor der Öffnung der Mühle für Besucher oder dem Ausbau der Scheune.«

Das Vorhaben kostete Geld. Knapp 20 000 Euro waren veranschlagt - nur für das Material. »Meine Arbeitszeit durfte ich dabei nicht rechnen«, so Ingo Bette. Eine große Hilfe war eine Zuwendung über 15 600 Euro aus dem Regionalbudget, einem Förderinstrument des Bundeslandwirtschaftsministeriums. »Das hat uns sehr geholfen, das tolle Projekt zu realisieren«, freut sich das Ehepaar.

Am Anfang stand der Rückbau. Mit der Trennscheibe zersägte Ingo Bette das alte Wasserrad, symmetrisch von oben nach unten, um ein plötzliches Wiederanlaufen durch eine ungleiche Gewichtsverteilung zu verhindern. Kein leichtes Unterfangen im wörtlichen Sinn war der Ausbau des alten Wellenbaums. Eine Tonne wog das 4,50 Meter lange Eichenholzteil inklusive darin enthaltener Stahlteile. Mit Flaschenzügen wurde die Welle ins Freie befördert. Dafür musste auch ein Teil der Mühlentechnik im Gebäudeinneren demontiert werden.

Auf der Suche nach einem neuen Wellenbaum wurde Ingo Bette in der Zimmerei von Ulrich Blümner in Bismark (Altmark) im Landkreis Stendal fündig. Das Unternehmen hat sich auf die Restaurierung alter Windmühlen und Wasserräder spezialisiert.

Die beiden Felgenkränze, die Armverbände, die Radschaufeln und schließlich den Radboden stellte Ingo Bette selbst her. »Es kam darauf an, sehr exakt zu arbeiten. Die Rundlaufgenauigkeit ist für den Bau eines Wasserrades entscheidend«, sagt Ingo Bette. Die beiden 4,50 Meter im Durchmesser großen Felgenkränze sollten nahezu identisch sein. »Das ist mir schließlich auch gelungen. Die Abweichung beträgt gerade einmal zwei Millimeter. Das hat auf den Rundlauf des Wasserrades keinen Einfluss mehr«, freut sich der Tischler. 48 Felgen - 24 für jeden Felgenkranz - mussten mit einer Schablone gefräst werden. Eine äußerst anstrengende Arbeit, denn die verwendeten Eichenholzbretter hatten ein großes Gewicht. Zumal die Holzteile immer feucht gehalten werden mussten, um möglichen Verformungen vorzubeugen.

Anschließend wurden die 48 Felgen mit 144 Dübeln zu acht Kranzteilen verbunden, die Nuten für die Radschaufeln gefräst, die Schaufelbretter in Form gebracht und eingebaut.

Wie schon beim Ausbau des alten Rades nutzte Ingo Bette bei der Montage des neuen Wellenbaums eine Hilfskonstruktion. »Die Decke des Radhauses war alles andere als vertrauenswürdig, um sie mit großen angehängten Gewichten zu belasten.« Die einzelnen Radviertel wurden durch die offene Vorderseite des Radhauses mit Flaschenzügen an ihren Platz gebracht und mit Holzdübeln verbunden. »Zwei Tage dauerte die Prozedur, bei der ich dankenswerter Weise von vielen Helfern unterstützt wurde«, so der Holzbau-Ingenieur im Rückblick.

Das Rad muss ständig laufen

»Das neue Wasserrad ist ein reines Schaurad. Wir werden es nicht als Antrieb für die Maschinen in der Mühle einsetzen. Dafür gibt es einen Elektromotor«, sagt Ingo Bette. »Aber trotzdem muss es ständig laufen.« Denn das Rad darf niemals für eine längere Zeit stehen bleiben. Dann würde das Eichenholz an der vorderen Seite durch Sonneneinstrahlung trockener werden, und die daraus entstehende ungleiche Gewichtsverteilung zu Unwuchten führen. »Dann lässt sich das Rad nur schwer wieder in Gang setzen.«

Der alte Mühlgraben, der durch das Anwesen verläuft, wird dafür aber nicht reaktiviert. »Das wäre mit zu viel Aufwand verbunden.«, Gespeist wird das Wasserrad über einen Zulauf von den oberhalb der Weidmühle liegenden Wiesen und Weiden. Für die trockeneren Jahreszeiten steht darüber hinaus ein Wasserreservoir in Zisternen zur Verfügung. VON STEFAN WEIL

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