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Über Angst und Dankbarkeit

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Der 29. Januar 2021 wird vielen Menschen in der Region für lange Zeit in Erinnerung bleiben. Unvergessen sind die Fluten, in der die Büdinger Altstadt und andere Stadtbezirke versanken. Während eines Gottesdienstes werden Betroffene, darunter auch Angelika Wagner, Mariana Meneghello sowie Sophia und Michael Grüssung, an das Hochwasser erinnern.

Senioren und junge Familien, Alteingesessene und Neuzugezogene, Privat- und Geschäftsleute werden sich während eines Gottesdienstes in der Marienkirche an das erinnern, was sie alle betroffen, aber auch zusammengeschweißt hat: das Jahrhunderthochwasser vor einem Jahr.

Angelika Wagner ist eine von ihnen. »Ich sitze völlig durchnässt auf einer Treppe«, erinnert sich die heute 60-Jährige aus der Erbsengasse. »Eine Frau öffnet die Haustür und schließt sie wieder. Ich schicke meine Gedanken dankbar zu dem Mann, der mir seine Hand gereicht hat, damit ich in dem hüfthohen Wasser nicht umkippe. Das werde ich ihm nie vergessen.«

Sirenen und Herzrasen

Erst vor wenigen Tagen konnte Angelika Wagner in ihr Zuhause zurückkehren. »Heute weiß ich, wie fragil vermeintlich sichere Dinge sein können. Dankbar bin ich für alles Gute, was mir von oft unbekannten Menschen gegeben wird. Es ist keine Selbstverständlichkeit«, sagt sie. Diese Worte werden morgen Abend in der Marienkirche in ihrem Namen verlesen, da die Büdingerin erkrankt ist.

Ihre Tochter Mariana Meneghello, die sich mit Ehemann Fabian ein Fachwerkhaus am Schlossplatz mit viel Liebe hergerichtet hatte, spürt am Jahrestag das Trauma: »Als Eltern versuchen wir, vor allem unseren beiden kleinen Kindern Sicherheit zu vermitteln. Nicht leicht, wenn bei einem starken Regenguss mal ein Gully überläuft. Früher lustig, heute Trigger. Es bleibt der sorgenvolle Blick auf den Pegelstand nach jedem Regen. Es bleiben ›Hochwasser-Spiele‹, um Erlebtes zu verarbeiten, und die Angst vor Wiederholung.«

Mariana Meneghello war im fünften Monat schwanger, als die Sirenen und gleichzeitig das Herzrasen einsetzten. Bis heute fragt sie sich, wie ihre ungeborene Tochter den Adrenalinstoß verkraften konnte und als gesundes, strahlendes Baby die Gedanken an die Katastrophe einfach weglacht.

»Ich erinnere mich, dass es ein strahlend schöner Wintertag war, an dem wir durch die Altstadt liefen und sahen, wie sie von allen Seiten volllief«, hat Mariana Meneghello für den Gottesdienst notiert. »Ich erinnere mich, dass das Wasser aus sämtlichen Öffnungen im Haus, an den Säcken vorbei und obendrüber lief. Wir flüchteten in unser Wohnzimmer in der ersten Etage. Ich erinnere mich an die Ohnmacht, nichts tun zu können. Auszuharren. Versuchen, nicht zu verzweifeln, und gleichzeitig völlig zu unterschätzen, was uns eigentlich noch bevorsteht. Völlig fertig begannen wir am nächsten Tag, auszuräumen. Am Abend packten wir eine Tasche und konnten gemeinsam mit meiner Mutter aus der Erbsengasse in ein Haus der Verwandtschaft nach Rommelhausen ziehen. Für uns ein großes Glück, raus aus dem stinkenden, feuchten Haus sein zu können.«

Ihr Mann ist wegen der Corona-Pandemie in Kurzarbeit, sie ist selbstständig und schwanger - eine wirtschaftlich völlig labile Lage. »Es waren die unverhofften Spendengelder, die uns Druck von den Schultern genommen hatten. Allen gilt unser aufrichtiger Dank dafür! Danke für das warme Essen, die Muskelkraft, Umzugskartons und die offenen Ohren.« Erst knapp sechs Monate später konnte das Paar wieder einziehen, die neugeborene Tochter im Gepäck. Der inzwischen dreieinhalb Jahre alte Sohn spricht bis heute davon, wie das Wasser die Treppen im Haus emporstieg und sein Spielzeug im Hof herumschwamm. Ein frisch gepflanztes Bäumchen und ein großes, strahlendes Froschgemälde an der Hofwand zeugen von der Hoffnung auf Neubeginn.

Sophia und Michael Grüssung, die mit drei Kindern, zwei Hunden und einer Katze im Mäusfall leben, haben ihren 20. Hochzeitstag auf Trümmern gefeiert - doch ihn nicht zu begehen, wäre für sie undenkbar gewesen: »Ein tiefer Fall führt oft zu einem höheren Glück.« So werden sie während des Gottesdienstes William Shakespeare zitieren. »Entsetzen, Angst, Trauer, Hilflosigkeit haben unser Erleben der Flut begleitet, wir haben auch verstanden, wie schnell alles, was man zu besitzen glaubt, weg sein kann. Wir wollten aber vom Glück sprechen«, erinnert sich das Paar und fährt fort: »In dieser Ausnahmesituation waren wir beeindruckt von der Zusammenarbeit der Leute. Es herrschten Teamgeist, Engagement und Hilfsbereitschaft, die weit über das normale Maß hinausgingen. Das ist nicht selbstverständlich und bedeutet uns sehr viel. Dafür möchten wir an dieser Stelle wirklich allen Beteiligten danke sagen. Es hat Monate gedauert, bis wir unser normales Leben wieder organisieren konnten, aber umso glücklicher sind wir jetzt und tragen nicht nur negative Erinnerungen in unseren Herzen, sondern viel mehr Dankbarkeit und Liebe.«

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