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Strom ist in diesem Jahr teuer - vor allem, wenn man als gekündigter Kunde eines Billiganbieters in die Grundversorgung des heimischen Anbieters wechseln muss.

Ersatzversorgung

Strom und Gas: Schnäppchenjäger müssen blechen

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Tausende Wetterauer, die bei Strom und Gas auf Billiganbieter gesetzt hatten und dort zum Jahresende gekündigt wurden, finden sich nun in der (teuren) Ersatzversorgung bei der Ovag wieder.

Nachdem die Energiepreise am Markt massiv gestiegen waren, hatten Energiediscounter wie Stromio, Immergrün oder Gas.de ihre Lieferungen gestoppt und Kunden gekündigt, weil ihr Geschäftsmodell nicht mehr rentabel sei. Ob die Unternehmen das durften, ist umstritten. Verbraucherzentralen haben bereits Klagen angekündigt.

Damit niemand im Dunkeln und Kalten sitzen muss, wechseln die betroffenen Haushalte automatisch in die Ersatzversorgung bei jenem Anbieter, der die meisten Kunden im Netzgebiet beliefert. Nach spätestens drei Monaten kommen sie in die Grundversorgung - oder müssen mit einem anderen Anbieter einen neuen Liefervertrag abschließen.

In Bad Vilbel sind die Stadtwerke für die Ersatzversorgung zuständig - und die haben die Preise für die laut Stadtwerke-Chef Klaus Minkel knapp 300 betroffenen Personen - alleine 250 von Stromio - kräftig angehoben. 78,8 Cent pro Kilowattstunde werden als Arbeitspreis fällig. Bei einem Durchschnittsverbrauch von 4000 Kilowattstunden im Jahr wäre das ein Bruttopreis von über 3200 Euro. Minkel macht aus den Gründen keinen Hehl: »Es wurde neu tarifiert, um nicht die treuen Altkunden durch den Fehlkauf der Schnäppchenjäger zu belasten.« Die Stadtwerke hätten stets »vor den Bauchläden der Billiganbieter gewarnt«. In den vergangenen fünf Jahren dürften rund 100 Billiganbieter gescheitert sein, schätzt Minkel.

Bei der Ovag in Friedberg, die laut Vertriebsleiter Holger Ruppel zum Jahresende knapp 3000 Kunden in die Ersatz- bzw Grundversorgung nehmen musste, zahlen diese unverändert einen Arbeitspreis von 30,7 Cent/kWh. Während beispielsweise die Frankfurter Mainova Neukunden um bis zu zwei Drittel teurere Tarife als Bestandskunden anbietet, um die Mehrkosten, die durch zusätzliche Einkäufe auf dem Spotmarkt (der »Strombörse«) entstehen, abzufangen, habe man sich diese Frage bei der Ovag noch nicht stellen müssen. »Wir liefern ja auch bundesweit Strom und haben hierfür bereits über einen längeren Zeitraum zusätzliche Strommengen für avisierte Neukunden eingedeckt. Die bundesweite Akquise von Neukunden haben wir jetzt aufgrund der unerwarteten sprunghaften Kundenzuläufe erst einmal eingestellt«, sagt Ruppel. Noch also fährt man bei der Ovag auf Sicht, und Bestandskunden müssen nicht die Zeche für jene zahlen, die zuvor bei Discountern gespart haben. Bei den Bad Nauheimer Stadtwerken sind es etwa 150 Stromkunden, die neu aufgenommen werden mussten. Man habe aber dank der langfristigen Einkaufsstrategie einen Puffer, der noch nicht aufgebraucht sei, sagt Geschäftsführer Dr. Thorsten Reichel. Sondertarife für Neukunden seien daher nicht nötig. Außerdem wolle man Zugezogene nicht noch bestrafen - auch wegen der Außenwirkung, ergänzt Vertriebsleiter Klaus Tripke. Er rät jenen, die nun in der Grund- oder Ersatzversorgung (Arbeitspreis in Bad Nauheim: 34,9 Cent/kWh) sind, zu einem langfristigen Tarifvertrag bei einem heimischen Versorger. Diese seien aktuell nicht unbedingt teurer und würden zudem etwas für die Region tun, etwa über Sponsoring. Laut Ovag-Mann Ruppel hat mancher Billigstrombezieher bereits aus den negativen Erfahrungen gelernt und »bereits vor der unerwarteten Kündigung durch ihren Anbieter bei uns einen neuen Vertrag abgeschlossen«.

Übrigens: In Bad Vilbel dreht man die Preisschraube wieder etwas zurück. »Da sich die Strompreise auf hohem Niveau etwas entspannt haben, ist gestern eine Absenkung des Tarifs beschlossen worden«, teilte Minkel am Mittwoch auf Anfrage dieser Zeitung mit.

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