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»Moor speichert mehr CO2 als Wald«

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Nicht nur der Kiebitz, auch die Bekassine ist im Ried zu Hause. © CHRISTIAN GELPKE/HGON

Reichelsheim (pm/dab). Nach eigenem Bekunden »mit Kopfschütteln« haben einige Naturschützer auf eine Pressemitteilung der Bürgerinitiative »Rettet das Reichelsheimer Wäldchen« reagiert. Darin hatte diese den Rückschnitt von Weiden kritisiert - eine Maßnahme im Bingenheimer Ried, um Greifvögel am Brüten zu hindern, was u. a. dem Kiebitz zugute kommen soll (wir berichteten).

Klima- und Artenschutz stünden im Gleichklang, erwidern nun Vertreter von Nabu, Hessischer Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) sowie Forstamt, namentlich Udo Seum, Stefan Stübing, Inga Hundertmark und Walter Schmidt.

Brut-, Rast- und Überwinterungsort

In der Wetterau stünden die Auenlandschaften und ihre seltenen Tier- und Pflanzenarten seit Jahrzehnten im Zentrum sehr erfolgreicher Naturschutzmaßnahmen, betonen sie. Diese Feuchtgebiete wiesen eine bundesweite Bedeutung als Brut-, Rast- und Überwinterungsgebiete für viele, oft sehr stark bedrohte Arten auf. Diese Gebiete und die Maßnahmen zu ihrem Schutz seien bereits 1988 mit dem Europäischen Umweltpreis auszeichnet worden.

Beim Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried handele es sich in Teilen um ein Niedermoor. »Moore sind bedeutende, dauerhafte CO2-Speicher und somit wichtige Bestandteile des Klimaschutzes. So speichern Moore deutlich mehr CO2 als Wälder gleicher Größe«, heißt es in der Presseerklärung von Nabu-, HGON- und Forstamt-Vertretern.

Das Ried sei mit dem Ziel des Wiesenvogelschutzes erhalten worden, »und Wiesenvögel benötigen offene, gehölzfreie Gebiete«. Wenn nun einzelne Gehölze zurückgenommen worden seien, um die Bedingungen für diese Arten zu verbessern, werde zugleich die Wirkung des Gebiets als CO2-Senke gestärkt.

Darüber hinaus verwahren sich Seum, Stübing, Hundertmark und Schmidt gegen den Vorwurf, eigenmächtig gehandelt zu haben. Sie sagen: Die Maßnahmen in den Schutzgebieten der Wetterau orientierten sich an langfristigen Planungen und erfolgten immer in enger Abstimmung von Fachleuten der Naturschutzbehörden, des Landwirtschaftsamtes, der Staatlichen Vogelschutzwarte und der vom Bund anerkannten Naturschutzverbände. Zudem würden Experten hinzugezogen, um besonders schützenswerte Arten in den Planungen zu berücksichtigen, ebenso die örtlichen Landnutzer und Jagdpächter. »Permanent wiederholte Erfassungen der in den Gebieten vorkommenden Arten dienen dabei als Grundlage und Erfolgskontrolle.«

Nicht nur Kiebitz schützen

Die derzeitigen Maßnahmen im Ried kämen auch nicht allein dem Kiebitz zugute. »Die Art steht als besonders prominentes Beispiel, als sogenannte Schirmart, für eine ganze Artengemeinschaft, zusammen mit Bekassine, Großem Brachvogel, Löffelente und sogar der in Deutschland mit weniger als 20 Paaren brütenden Spießente.« Auch zahlreiche, zumeist seltene Amphibien und Libellen hätten hier erhalten werden können. »Viele dieser Tiere haben im Bingenheimer Ried eines ihrer letzten Vorkommen in Hessen oder ganz Südwestdeutschland.«

Zu argumentieren, der akut vom Aussterben bedrohte Kiebitz sei bereits im Mähried ausreichend geschützt, zeuge von großem Unverständnis: »Tierpopulationen müssen mindestens eine Größe von möglichst mehreren Hundert Paaren aufweisen, um langfristig gegenüber ihren natürlichen Feinden, Verlusten auf dem Zug, Krankheiten und Inzuchterscheinungen überlebensfähig zu bleiben.« Gegen Angreifer aus der Luft könnten sich Kiebitze sehr gut wehren; durch den nun errichteten Zaun würden Beutegreifer wie Waschbär und Fuchs nachweislich abgehalten, die bisher einen ausreichenden Bruterfolg verhindert hätten.

Abschließend weisen die Vertreter von Nabu, HGON und Forstamt auf eine Veranstaltung am Mittwoch, 27, April, um 18 Uhr hin. Dann werde Walter Schmidt in der HGON-Vortragsreihe über »Gemeinsam sind wir stark - Einblicke in die erfolgreiche Naturschutzarbeit des Wetteraukreises« referieren.

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