1. Startseite
  2. Lokales
  3. Reichelsheim

Kaffeeklatsch international: Kaffee, Kuchen, Kennenlernen

Erstellt:

Von: red Redaktion

keh_kai_kaffee1_010822_4c_4
keh_kai_kaffee1_010822_4c_4 © pv

Sprachengewirr herrschte bei der Veranstaltung der Landfrauen und der Stadt. Flüchtlinge aus der Ukraine und anderen Ländern waren eingeladen. Zeit für Gespräche: Die waren nicht ganz so einfach.

Reichelsheim (kai). Reicht der Kuchen? Kommen überhaupt Gäste? Bange und interessiert blicken die Landfrauen auf den Heuchelheimer Dorfplatz. Nach und nach trudeln Gäste ein: bekannte Gesichter, die in der Flüchtlingshilfe tätig sind. Menschen, die freundlich lächeln, die nur gebrochen Deutsch sprechen und den Landfrauen mitgebrachte Kekse, Weintrauben oder Heidelbeeren in die Hand drücken.

Die Heuchelheimer Landfrauen haben am vergangenen Freitagnachmittag gemeinsam mit der Stadt Reichelsheim zum internationalen Kaffeeklatsch ins Dorfgemeinschaftshaus eingeladen. Binnen einer Woche von der Terminfindung bis zum gut gefüllten Kuchen- und Obstbuffet haben die städtischen Unterstützer für die Geflüchteten, Sabine Tinz und Margarita Sichkarenko, per Mail und über Social Media die Einladung der Landfrauen weitergegeben.

70 Ukrainer

in Reichelsheim

»Es ist das erste Mal, dass sich die Ukrainer, die in Reichelsheim leben, treffen können«, sagt Sichkarenko. Die junge Frau aus Kiew übersetzt und unterstützt ihre Landsleute, die in Reichelsheim leben. Gekommen sind aber auch Menschen, die aus Somalia und dem Irak hier Zuflucht gefunden haben. »Derzeit leben 70 Menschen, die vorm russischen Angriffskrieg auf die Ukraine aus ihrer Heimat geflohen sind, bei uns«, sagt Bürgermeisterin Lena Herget-Umsonst (SPD). »34 von ihnen sind kommunal untergebracht, 36 privat«, ergänzt sie.

Inzwischen habe die Stadt zehn Wohnungen angemietet. »Wir wissen nicht, wie sich die Situation bis zum Herbst entwickelt. Gut wäre, wenn uns weiterhin Wohnraum zur Unterbringung angeboten werden würde«, sagt Herget-Umsonst. »Gerade bei den Ukrainern wissen wir nicht, wie lange sie bleiben, wie sich der Konflikt dort weiter gestaltet.« Wichtig für alle Geflüchteten sei, dass sie nach dem Ankommen das verarbeiten, was sie erlebt haben.

Das wird im Gespräch mit den Gästen deutlich. Da ist beispielsweise eine Mutter, so um die 70, und ihre Tochter. Sie sind im Juni aus Mariupol in Reichelsheim angekommen. Sie berichten von den Bombenangriffen, den wackelnden Häusern, der Angst aus der Zeit nach dem 24. Februar, weil sie an verschiedenen Orten in der damaligen 440 000-Einwohner-Stadt lebten, bei Kriegsbeginn in unterschiedlichen Bunkern waren. Beide wirken froh, aber auch irgendwie bedrückt.

Die Übersetzerin bittet, keine Fragen zur Familiensituation zu stellen. Sie weiß, dass Vater und Ehemann nicht mehr leben. »Wir sind dankbar hier zu sein«, sagt die Mutter. Ihre Tochter ergänzt: »Wenn wir wieder nach Hause kommen, erzählen wir von dem guten Essen hier.« Die Qualität der Lebensmittel sei eine ganz andere als zu Hause.

Handys als

Übersetzungshilfe

Dann wird die Übersetzerin von einer Ukrainerin gebeten, ihr in einem anderen Gespräch zu assistieren.

Schnell wird deutlich, wie wichtig die Sprache ist. Die beiden Frauen berichten, dass sie über eine Handy-App die Sprache lernen, aber mit den vielen Artikeln im Deutschen Probleme hätten. Handys werden derweil an fast allen Tischen gezückt. Zum einen, um sich mit der Übersetzungshilfe zu unterhalten und zum anderen, um das Buffet, die gesellige Runde und die Gesellschaft beim internationalen Kaffeeklatsch zu fotografieren.

»Wir danken den Landfrauen, dass sie eingeladen haben, um sich kennenzulernen, zu reden und sich zu treffen«, sagt Sabine Tinz.

Und nach fast drei Stunden ist auch klar, dass der Kuchen ausgereicht hat, sodass sich die Gäste noch das ein oder andere Stück einpacken konnten. Rasch sind auch - dank des Übersetzungsprogramms auf dem Handy - Helfer gefunden, die mit anpacken, Tische und Stühle aufzuräumen. Mit dankbaren Blicken und Worten verabschieden sich die Besucher.

Bürgermeisterin Lena Herget-Umsonst ist zufrieden: »Ein großes Lob an die Landfrauen, dass sie den Nachmittag ermöglicht haben. Das ist das erste Format, bei dem sich Landfrauen, Reichelsheimerinnen und Reichelsheimer mit den Neuankömmlingen treffen konnten.«

Auch interessant