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Große Rührung: Moni Grezegofokes versorgt im schwer betroffenen Walportzheim die Menschen kostenfrei mit Waffeln, heißem Kaffee und Kuchen. Von den Ranstädter Helfern erhielt sie nun eine finanzielle Unterstützung für ihre Arbeit.

Einsatz nach Flutkatastrophe

Wie ein Ranstädter Helferteam die Lage in den Flutgebieten im Ahrtal erlebt

Fast ein halbes Jahr liegt die Flutkatastrophe im Ahrtal nun zurück, doch vielerorts mangelt es immer noch massiv am Nötigsten. Ein kleines Helferteam aus Ranstadt schildert seine Eindrücke.

I nsgesamt 397 verkaufte Pizzen, mindestens 180 Helferstunden vor Ort, 114 erfüllte Wünsche von kindlichen Wunschzetteln, 80 zusätzliche Geschenke und 5238,21 Euro gesammelte Spenden für das Ahrtal beschreiben nur annähernd das besondere Ausmaß dessen, was in Ranstadt mit einer kleinen Idee dreier engagierter Menschen begonnen hatte: Franco Saglimbeni, seine Lebensgefährtin Marion Dorn und Joachim Weis hatten sich, erschüttert von der Katastrophe, vorgenommen, Hochwasser-Betroffenen aus Ahrweiler einen Weihnachtswunsch zu erfüllen. Und so kam es, dass am dritten Adventswochenende zwei mit Geschenken beladene Transporter, ein Wohnmobil und ein Pkw aus der Wetterau aufbrachen, um die Ranstädter Spendenhilfe den Notleidenden an der Ahr direkt zu überbringen.

Löcher, wo einst Häuser standen

Es ist Sonntag, der dritte Advent im Landkreis Ahrweiler. Statt im Sonntagszwirn stecken Helferinnen und Helfer vor Ort in Gummistiefeln, Zimmermannshosen und Regenjacken. Zwei junge Männer hieven einen Kaminofen aus dem Transporter, am Straßenrand klaffen Löcher, wo einst Häuser standen, und im Morast liegt der abgebrochene Arm einer Spielzeugpuppe: Es ist ein Bild der Aufräumarbeiten, das an längst vergangene Tage erinnert und doch die Realität vieler Betroffener im Ahrtal widerspiegelt, die Opfer der Flutkatastrophe vom 14. Juli wurden. Besonders in Walportzheim wirkt es vielerorts immer noch so, als habe sich das Drama erst vor wenigen Tagen abgespielt.

Neben diesen beklemmenden Eindrücken findet man jedoch auch etwas anderes, Hoffnungsvolles: den dezenten Duft selbst gebackener Waffeln, der aus Moni Grezegofokes »Waffelschmiede« über das sumpfige Gelände streicht. »Jeder macht, was er kann«, sagt die aus Essen stammende Moni, die seit Ende Juli als Helferin vor Ort ist, den angereisten Ranstädtern. In ihrem gemütlichen Zelt bewirtet die 54-Jährige kostenfrei und aus eigener Initiative heraus die Menschen vor Ort mit Waffeln, heißem Kaffee und Kuchen. Obwohl sie dazu ihre Heimatstadt verlassen hat, spricht Moni nur bescheiden über ihr eigenes Engagement - viel eindrucksvoller erzählt sie von »ihren Jungs«, die sich nach acht Stunden Arbeit in der »Waffelschmiede« aufwärmen. Einer davon ist Yannick, 21 Jahre alt. Um 4.30 Uhr beginnt er täglich mit den Wiederaufbauarbeiten, damit die Menschen vor Ort wieder schnellstmöglich in ihre Häuser einziehen können. Anfangs half der junge Mann aus seinen eigenen finanziellen Rücklagen heraus, nachdem diese aufgebraucht waren, mit handwerklicher Arbeit. Sein Arbeitgeber hat ihm gekündigt mit der Begründung, dass der junge Ahrweiler zu viel Zeit in die Wiederaufbauarbeiten stecke und kaum auf Montage gehen könne. Obwohl Yannick nunmehr selbst auf Hilfe angewiesen ist, betont er, dass es vielen anderen Betroffenen wesentlich schlechter ging. Ein Grund für ihn, seine eigene Last hintan zu stellen und stattdessen hilflosen Rentnern beim Überleben in ihren zertrümmerten Häusern zu helfen.

Selbstlose Motivation

Diese selbstlose Motivation erlebt die kleine Ranstädter Gruppe noch oft während ihres Einsatzes. So lernen sie in Bad Neuenahr-Ahrweiler Rosi, Ines und Johanna kennen, drei Frauen, die im Versorgungszelt »Hangahr-21« nahe des Ahrstadions, einen Treffpunkt für Jung und Alt schufen. Das aus Spenden finanzierte und ehrenamtlich betriebene Zelt steht - noch einmal mehr seit dem Abzug vieler professionellen Hilfskräfte - für sehr viel mehr als warme Mahlzeiten für Klein und Groß. Begonnen habe ihr Beitrag mit einer Kaffeemaschine, die Rosi zum Versorgungszelt mitbrachte, berichten die drei Frauen den Ranstädtern. Zum Kaffee organisierte Rosi in den folgenden Wochen Kuchen, später Kinderbasteln und Kinderbetreuung, heute täglich warmes Essen von 12 Uhr bis 19 Uhr. Das gemeinsame Essen sei nur der Aufhänger gewesen, erzählt Ines, die als Krankenschwester arbeitete und mit der Flut auch ihren Arbeitsplatz verloren hat. Viele Betroffene kommen, um sich aufzuwärmen oder gemeinsam die Erlebnisse des Hochwassers zu verarbeiten. Täglich stehen die drei Frauen ehrenamtlich von morgens bis abends im Zelt, um die freiwilligen Hilfen vor Ort effizient zu koordinieren. Dabei habe man sofort bemerkt, mit welcher Dynamik die drei engagierten Frauen das Miteinander aufrechterhielten, stellte die Abordnung aus Ranstadt fest. So kümmere sich Ines um all diejenigen, die häufig durch jedes soziale Netzwerk fallen: die Senioren vor Ort. Mit ihrem Privatwagen und einer Bedarfsliste ausgestattet, betreue sie zwölf Senioren, die aufgrund fehlender Mobilität derart eingeschränkt seien, dass sie ihren Alltag alleine nicht bewältigen können. Sie bringe ihnen die Post, putze Wohnungen, gehe einkaufen und höre ihnen zu - alles ehrenamtlich. Fassungslos zeigt sich Ines im Gespräch mit den Wetterauern vor allem gegenüber der geringen Präsenz kommunaler und öffentlicher Hilfen seitens der Stadtverwaltung. Nicht einmal der Bürgermeister habe sich das Versorgungszelt und die Arbeit, die die Ehrenamtlichen dort leisteten, angeschaut. Obwohl im Kurort Bad Neuenahr etwa 60 Prozent der Anwohner im Rentenalter seien, gebe es für Senioren quasi keine Hilfe. Aus diesem Grund war es Ines als Krankenschwester eine Herzensangelegenheit, gemeinsam mit den Ranstädtern die Senioren, die seit der Flut aufgrund zerstörter Aufzüge nicht mehr in die Öffentlichkeit gehen konnten, erstmals aus ihren Häusern zu begleiten und zur Weihnachtsfeier im »Hangahr-21« einzuladen.

Ehrenamtliche Kinderbetreuung

Johanna dagegen bastelt nachmittags unermüdlich mit den Kindern der umliegenden Dörfer, hat mit ihnen auch die Wunschzettel an die Ranstädter Weihnachtshelfer geschrieben, hilft ihnen bei den Hausaufgaben und kümmert sich gemeinsam mit anderen Helferinnen und Helfern um warme Speisen nach der Schule. Ein Beitrag, der diejenigen Eltern entlastet, die neben ihrer Berufstätigkeit auch die Aufräumarbeiten im Eigenheim bewältigen müssen. Aufgrund dieser Erfahrungen ließ sich Johanna sofort von der Idee der Ranstädter begeistern, Weihnachtswünsche für Betroffene aus dem Ahrtal zu erfüllen. Es sei nicht nur ein »Licht der Hoffnung« für die Kinder, sondern auch eine große finanzielle Last, die von den Eltern abfällt, betont sie.

Doch nicht nur Kinder konnten einen Wunschzettel schreiben. Auch alle anderen Betroffenen animiert Johanna dazu, einen Wunsch zu formulieren. So kommt es, dass der Ranstädter Trupp unter zahlreichen Playmobilfiguren, Barbies, Lego, Tonie-Boxen und Fußballtoren auch eine Spülmaschine, Scheibenwischer fürs Auto oder einen Elipsentrainer versteckt; sehr zum Erstaunen der Wünschenden.

Über die berührende Geschenkübergabe durch die Ranstädter berichtet der Kreis-Anzeiger in seiner Heiligabend-Ausgabe.

Noch immer ist das Ergebnis der Flutkatastrophe im Ahrtal vielerorts unübersehbar, so auch in Walportzheim. Der Regen der vergangenen Tage verwandelt die Region zusätzlich in eine Sumpflandschaft - kurz vor Weihnachten.

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