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Zeugen aus Stein und Schrift für Ortenbergs jüdische Vergangenheit

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Von: Corinna Willführ

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Mitte des 18. Jahrhunderts entstand die Mikwe, das jüdische Ritualbad, hinter der alten Hainmühle am Mühlbach. © Corinna Willführ

Seit 1936 hat Ortenberg keine jüdischen Bürger mehr, ihr historisches Erbe findet sich aber vielfach in der Stadt. Auch im Stadtarchiv gibt es Zeugnisse der 600-jährigen jüdischen Geschichte.

E s gibt sie noch: Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Ortenberg. Die Gräber auf dem jüdischen Friedhof in der Stadt. Auch die Mikwe, das Ritualbad der einstigen Israelitischen Gemeinde, ist erhalten. Es befindet sich heute in Privatbesitz. Am Mühlgraben gelegen, ist das »kleine Häuschen« ein beliebtes Fotomotiv. Zudem findet man Reste der Bruchsteinmauer der ersten Synagoge. In der Wilhelm-Leuschner-Straße steht auch noch das Gebäude, das den Menschen mosaischen Glaubens ab 1877 als »neues« Gotteshaus diente. Und auf »schriftliche Zeugen« der 600-jährigen jüdischen Geschichte trifft man im Stadtarchiv.

Dokument aus dem 15. Jahrhundert

»Und Du, Heiliger, der Du thronst über den Lobgesängen Israels. Du bist, dessen Jahre nicht aufhören, Du erhebst Dich, erbarmst Dich Zions, die Zeit der Begnadigung ist da, der Moment ist gekommen.« Mit diesen Zeilen beginnt das Morgengebet zu Jom Kippur (Versöhnungsfest), dem höchsten jüdischen Feiertag. Das älteste erhaltene Dokument der einstigen Israelitischen Gemeinde im Stadtarchiv »ist wohl um 1400 entstanden«, so der Kunsthistoriker und Stadtarchivar Michael Schroeder. Zwei Seiten des Shaharit (des Morgengebets) »umhüllen« das »Schatz-Register der Statt Ortenbergck de Anno 1656«. 1422 sind es zwei jüdische Familien, die nachweislich ihren Wohnort in der Wetteraustadt haben: »Samuel und Kalme mit Familien«. 1880 leben 68 jüdische Bürger in der Stadt. Ihre Glaubensgemeinde war »keinesfalls sehr vermögend.« In den Archiven der Jüdischen Gemeinde Frankfurt ist eine »Hannah von Ortenberg« bereits für das Jahr 1322 verzeichnet.

Für Michael Schroeder ist »das Dokument, in Ashkenasischer Quadratschrift verfasst, eines der ganz wenigen sehr alten Erinnerungsstücke«. Aus späteren Jahrhunderten sind die »Handbücher der israelitischen Gemeinde« komplett erhalten. Sie belegen etwa die Besoldung des Gemeindedieners oder die Ausgaben für das »Anzünden der Lichter« in der Synagoge, das christliche Mitbürger übernahmen.

Ein Zeitensprung: Aus dem Jahr 1838 stammt der Lageplan der Alten Synagoge unweit des damaligen Stadtwirtshauses. Von dieser ist nur noch das Fundament aus Bruchsteinen erhalten. Darüber heute: eine verfallene Fachwerkscheune. Erst 26 Jahre zuvor hatten die jüdischen Gläubigen Familiennamen erhalten. »Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts erlangen sie nach und nach die volle Gleichberechtigung mit ihren christlichen Nachbarn«, ist in der »Ortenberger kleinen historischen Schrift«, Heft 4, von 2018 zu lesen, verfasst von Michael Schroeder und Manfred Meuser, dem langjährigen Leiter des Kulturkreises Altes Rathaus. Dem pensionierten Lehrer ist es stets ein Anliegen gewesen, die Geschichte der Juden vor Ort unvergessen zu machen. Auch mit der Gedenktafel an einer Mauer in der Schlossstraße. Realisiert wurde sie, an der man seitdem jährlich an die Pogromnacht des 9. November 1938 erinnert, auch durch intensive Rechercheunterstützung von Schülerinnen und Schülern der Gesamtschule Konradsdorf.

1936: Letzte Juden verlassen Ortenberg

Eine Pogromnacht in Ortenberg, wie sie anderorts zu beklagen war, gab es so aber nicht. Denn »bis Juni 1936 haben dann alle Mitglieder der verbliebenen jüdischen Familien Ortenberg verlassen«. Vorausgegangen war eine Anordnung durch das Hessische Kreisamt Büdingen »Anlegung einer Judenkartei spätestens bis 1. April 1936.« Der endgültige »Wegzug« der letzten Mitglieder der Israelitischen Gemeinde wird am 6. August 1936 von der damaligen Bürgermeisterei verkündet. »Ab den 1850er Jahren finden wir bis zum Untergang der jüdischen Gemeinde in Ortenberg folgende Namen von Großfamilien: Bauer, Hess (auch Heß), Friedmann, Kaufmann, Löwenstein, Lorsch, Marx, Oppenheimer, Schiff, Stern, Marcus, Prechner, Rosenberg, Levy, Röthler, Goldschmidt.«

»Kinder und Jugendliche badeten gemeinsam in der Nidder. In der Schule saßen sie gemeinsam auf den harten Bänken, halfen sich bei den Hausaufgaben und stritten und balgten sich.« Im Frühjahr 2013 schrieb Ernest Kaufmann an Michael Schroeder. Seine Familie sei bereits 1934 aus Ortenberg nach Palästina verzogen. Später in die USA. Ihr kleines Schlachthaus hätte auf die Rückseite der Metzgerei Mann in der »Strack Gass« gegrenzt. Aber »no problem«, das Verhältnis sei gut gewesen.

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Kunsthistoriker Michael Schroeder an der Bruchsteinmauer der ersten Ortenberger Synagoge im »Würmlingsgässchen«. © Corinna Willführ

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