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Wirbeley-Konzert in Ortenberg begeistert Publikum

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»Le Chaim! - Auf das Leben!«: Mit diesem hebräischen Trinkspruch verabschieden sich Jalda Rebling (Mitte) und Wirbeley, (v. l.) Michael Sapp, Georg Arthur Schumann, Cornelia Schumann und Anna Katharina Schumann, von ihrem Publikum. © Ingeborg Schneider

Mit jüdischer Musik, bereichert durch verschiedene Einflüsse aus aller Welt, eröffnete die Gruppe Wirbeley die Reihe »600 Jahre jüdisches Leben in Ortenberg« - sehr zur Begeisterung des Publikums.

Ortenberg (mü). Mit einer Reise durch die jüdische Musik vieler Länder und Zeiten begeisterten das Dresdner Weltmusik-Ensemble Wirbeley und die Berliner Kantorin Jalda Rebling auf Einladung des Ortenberger Kulturkreises Altes Rathaus ihr Publikum im Festzelt der Kalbsvilla. Der Abend unter dem Motto »Mazel tov für Ortenberg - Spuren unserer uralten Beziehung zu den Töchtern und Söhnen Zions« bildete den Auftakt zur Veranstaltungsreihe »600 Jahre jüdisches Leben in Ortenberg«, wie Kulturkreis-Vorsitzende Manuela Baumann eingangs erläuterte.

Sie dankte ihrem Stellvertreter Pfarrer Martin Schindel für die Ideengebung sowie Hans Schwab und Ronka Nickel für die Verbindung zu den Dresdner Multiinstrumentalisten, die bereits mehrfach im Brettl-Palast reüssiert hatten. Dementsprechend war der Abend für viele auch ein willkommenes Wiedersehen und -hören mit Michael Sapp, Cornelia Schumann, Anna Katharina Schumann und Georg Arthur Schumann, die gemäß ihres Ensemblenamens einen wirbelnden Reigen jüdischer Melodien zwischen Melancholie und Aufbegehren, purer Lebensfreude und Leidenschaft, Psalmen, Volks- und Minneliedern anstimmten und dabei die Traditionen des Judentums in Deutschland, Polen und Österreich-Ungarn, in Spanien, Portugal und Marokko, in Israel, der Türkei und Indien streiften.

Brauchtum und Spiritualität

Zusätzlichen Tiefgang, Authentizität und Strahlkraft entfaltete das Konzert durch die Präsenz von Jalda Rebling, der Kantorin (Chasanit) der Berliner Synagoge Als Solistin übernahm sie viele tragende Passagen und schuf dem Publikum mit ihrer Moderation einen Zugang zu jüdischem Brauchtum und der Spiritualität des Judentums.

Den Auftakt des Konzerts bildete das würdevolle Blasen des Schofars durch Anna Katharina Schumann: Die Hallposaune aus dem Horn eines Kudu oder eines Widders gehört zu den liturgischen Instrumenten des Judentums und erklingt in der Synagoge. Ebenso feierlich und rituell gestaltete sich der Einzug Jalda Reblings, die den hebräisch-arabischen Gebetsgesang »Sha’alu Shalom Yerushalayim - Betet um Frieden für Jerusalem« intonierte. Und schon öffnete sich der Fächer der Emotionen in Liedern und Texten von Itzik Manger (1901 bis 1969), Mordechaj Gebirtig (1877 bis 1942) und des mittelalterlichen jüdischen Spruch- und Minnedichters Süßkind von Trimberg, der das Motiv der freien Gedanken vorwegnahm, aber auch des christlichen Komponisten Heinrich Schütz (1585 bis 1672).

Musik-Einflüsse aus aller Welt

Neben dem Jiddischen erklangen das alltägliche und das liturgische Hebräisch, speziell zur Wiedergabe der Psalmen (Tehillim), dazu die mittelhochdeutsche Sprache sowie türkische und indische Facetten. Ebenso vielgestaltig - und wie von den Philharmoniemitgliedern und Musikdozentinnen bei Wirbeley nicht anders zu erwarten - stellte sich das Spektrum der Instrumente dar: Es reichte von Hörnern und Flöten über die Viola, das Akkordeon und die Singende Säge bis hin zur Davul. Die Themen der Psalmen entfalteten angesichts der jüdischen Geschichte und der aktuellen Weltlage eine bewegende Aktualität. So etwa die Zeilen aus Psalm 58 in der Vertonung von Heinrich Schütz: »Wie nun, ihr Herren, seid ihr stumm, dass ihr kein Recht künnt sprechen? Was gleich und grad, das macht ihr krumm, helft niemand zu seim Rechten. Mutwillig übt ihr Gwalt im Land, nur Frevel geht durch eure Hand, was will zuletzt draus werden?« Dem gegenüber standen die fröhlichen Liebes- und Hochzeitslieder, die das Publikum zum Mitklatschen brachten, und die Einblicke ins Familienleben, wo das Töchterchen keinen Schmuck begehrt, sondern einzig eine Hochzeit, und die »Mome« den geliebten Sohn mit so viel wärmender Kleidung eindeckt, dass er den Traum vom Fliegen aufgeben muss. Deutlich wurden die vielfältigen Wurzeln und die weltweite Verbreitung jüdischen Liedguts. So wandert »Et dodim kala - Ein Augenblick der Liebe« mit den marokkanischen Juden nach Israel, von dort aus in die Türkei und nach Indien, ein Rabbi erwirbt in Ungarn eine Hirtenmelodie und macht sie in seiner Gemeinde berühmt, ein sephardisches Lied aus Spanien greift den christlichen Mythos vom jungen Mann auf, der einer Marienstatue seinen Verlobungsring ansteckt und sein Versprechen als Mönch einlösen muss. Mit begeistertem Applaus und dem sanften jiddischen Lied »Stiller Abend, dunkelgold, ich sitz beim Glaserl Wein« ging dieser beeindruckende Konzertabend zu Ende.

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