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»Dorf mit allen Sinnen« - ein Spaziergang durch Lißberg

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jub_dorf11_120922_4c_3 © Judith Seipel

87 Ortschaften wollen oder sollen sich 2027 in Szene setzen. Bloß wie? Dorfrundgänge sollen den Akteuren auf die Sprünge helfen und die Sinne schärfen für die Besonderheiten ihres Dorfes.

Aufschlussreich war dieser sonnige Spätsommer-Sonntag nicht nur für Lißberger. Fünf Jahre sind es noch bis zur Landesgartenschau 2027. Aber was heißt das überhaupt, »Wir sind Garten«? Noch ist das ziemlich abstrakt. Es gibt eine Machbarkeitsstudie, eine Fülle von Ideen und Plänen. Viel Papier, wenig Greifbares. 96 Projekte sind aktuell für das Großereignis gelistet. Nicht alle werden zum Tragen kommen. Sie zeigten aber, »es gibt viel Potenzial«, wie Florian Herrmann, Geschäftsführer der Landesgartenschau GmbH, am Sonntag sagte.

87 Ortschaften wollen oder sollen sich also 2027 in Szene setzen. Bloß wie? Dorfrundgänge sollen den Akteuren auf die Sprünge helfen und die Sinne schärfen für ihren Ort: Was macht ihn besonders? Wo braucht es eine Aufwertung? Was ist es wert, den Blick darauf zu lenken? Und wie bringt man das Entdeckte zur Geltung, damit das Dorf und seine Menschen lange etwas davon haben?

Expertise ist gefragt

Eine »Blümchenschau« soll die Landesgartenschau nicht werden. Die Erwartungen in den Rathäusern der elf beteiligten Kommunen sind riesig: Einen Innovations- und Entwicklungsschub in Sachen Mobilität, Vernetzung, Klimaschutz und Tourismus soll die interkommunale Veranstaltung auslösen.

Expertise ist gefragt. Die brachten die Landschaftsarchitektin Anette Schött aus Büdingen und der Bad Nauheimer Gustav Jung, Architekt in der Denkmalpflege und Vorsitzender des Wetterauer Denkmalbeirates, mit nach Lißberg. Bei einem dreistündigen Rundgang lenkten sie die Blicke einer großen Gruppe vornehmlich auf das, was im Kleinen schon gelingen kann, ohne tief in die Tasche greifen zu müssen.

Viele Menschen kennen Lißberg nur, weil die B 275 sie auf dem Weg in den Ballungsraum zur Arbeit oder in den Vogelsberg zur Erholung durch den Ort führt. Die Kopfsteinpflastergassen mit ihren Fachwerkhäuschen, die sich unterhalb des weithin sichtbaren Bergfrieds schlängeln, lohnen einen Abstecher. Nicht zuletzt, weil man von der Schlossgasse aus hinunter zum Wasserkraftwerk einen grandiosen Ausblick genießt. »Fast wie im Mittelrheintal«, schwärmte Anette Schött. Hier zu sitzen sei »unschlagbar«. Ein Aussichtsplatz sei mit wenig Aufwand zu schaffen und nachhaltig. Und zudem mit Mittteln aus dem Leader-Programm großzügig zu fördern, wie Bernd-Uwe Domes, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau, ergänzte. Die Wirtschaftsförderung war neben dem Verein Oberhessen, der Stadt Ortenbrg und dem Ortsbeirat Lißberg Veranstalter des Rundganges.

Auf dem verwunschenen Burgrundweg wies Anette Schött auf große Feldahorne hin, wie sie sie bisher selten gesehen habe. Ein nur noch lose baumelndes Schild »Naturdenkmal« schien zu mahnen, dass es nicht allein aufs Geld ankommt, sondern dass helfende Hände für den großen Pflegeaufwand einer Gartenschau unabdingbar sind.

Lißberg habe ihn schon immer fasziniert, gestand Gustav Jung. Die »Hanglage mit See« sei »außergewöhnlich für Oberhessen« und »der Inbegriff einer schönen Landschaft«. Beim Gang durch Schlossgasse und Mühlgasse wies er hin auf das kulturelle Erbe, das historisch Gewachsene und das Erhaltenswerte, erläuterte Ursprung und Bedeutung: in den Basalt gestemmte Felsenkeller zur Bevorratung, Holzschindeln an den Fassaden als regional typischer Wetterschutz oder das letzte noch genutzte von drei Backhäusern. Erklären, verstehen, überzeugen, darauf setzt Jung. Das Ergebnis müsse nicht immer perfekt sein, aber stimmig.

Viele Lißberger waren mit von der Partie: Kräuterfrau Beate Schubert, die malerisch gleich neben der Burg wohnt, servierte Limonade mit Kräutern aus der Region und gewährte einen Blick in ihren liebevoll gestalteten Garten, in dem die Natur die Hauptrolle spielt. Rudi Beck, Manfred Redling und Wilhelm Vonhof berichteten aus der Ortsgeschichte.

Vordenker aus Lißberg

Der ehemalige Lißberger Pfarrer Kurt Racky öffnete das Musikinstrumentenmuseum für Führungen durch die Sammlung. Sigrid Torff-Behrens und Matthias Burhenne, die in Friedberg das Projekt »Urban Sketching« leiten, luden dazu ein, Lißberg mit Stift und Skizzenblock zeichnerisch neu zu entdecken.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts erhielt der Ort Stadtrechte. Eine Tatsache, die sich noch heute im Engagement der Bürgerschaft niederschlage, findet Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring, die die Lißberger als »Vordenker« würdigte und das vor knapp 100 Jahren gebaute Wasserkraftwerk zur Erzeugung regenerativer Energie erwähnte.

Mit einem oberhessisch inspirierten Büffet vom Rauhen Berg in Gelnhaar fand der Rundgang unter der Linde vor der Kirche seinen Abschluss.

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jub_dorf2_120922_4c_2 © Judith Seipel
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jub_dorf12_120922_4c_3 © Judith Seipel
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