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600 Jahre jüdische Tradition in Ortenberg

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Von: Corinna Willführ

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Sandra Kreisler wird am 5. November »nicht ganz glatt koschere Lieder« singen. Begleitet wird sie dabei von Gennadij Desatnik (l.) und Valeriy Khoryshman. © Corinna Willführ

Vor 600 Jahren ließ sich erstmals jüdisches Leben in Ortenberg urkundlich nachweisen. Grund genug für Stadt und Kulturkreis, dieses Jubiläum mit einer Veranstaltungsreihe zu begehen.

Ortenberg (cow). Mit einer Veranstaltungsreihe feiert Ortenberg eine 600-jährige Tradition jüdischen Lebens in der Stadt. Auftakt der Veranstaltungen der Reihe 600 Jahre jüdisches Leben in Ortenberg unter Federführung des Kulturkreises Altes Rathaus macht am Samstag, 17. September, um 19.30 Uhr, das Konzert der Gruppe Wirbeley auf der Bühne der Kalbsvilla. Es trägt den Titel: Mazel tov für Ortenberg - Spuren unserer uralten Beziehung zu den Töchtern und Söhnen Zions.

Mazel tov bedeutet: Viel Glück. »Mittel- und Bezugspunkt des Abends«, wie es vom Kulturkreis heißt, ist dabei Jalda Rebling, die Kantorin der Berliner Synagoge. Sie kommt mit der Gruppe aus Dresden nach Ortenberg. Für diesen wie für die weiteren Termine der Reihe sind Kulturkreis und Stadt Veranstalter. Den erneuten Auftritt des Ensembles in der Wetteraustadt, konnte Hans Schwab, langjähriger Leiter des Fresche Keller, realisieren.

Feministin, queer und bald Rabbinerin

Initiator und Ideengeber für die Veranstaltungsreihe ist Pfarrer Martin Schindel, Zweiter Vorsitzender des Kulturkreises. Aufgrund gesundheitlicher Probleme, verbunden mit einem Reha-Aufenthalt, wird er voraussichtlich nicht am Auftakt der Reihe teilnehmen können. Mit den Veranstaltungen, so Kulturkreis-Vorsitzende Manuela Baumann, wolle dieser nicht nur an einen Teil der Geschichte der Stadt erinnern, sondern auch ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen. »Im Jahr 2022, wo es wieder beschämende Übergriffe auf jüdische Einrichtungen gibt, darf man nicht nachlassen.«

Für Montag, 3. Oktober, um 19 Uhr lädt der Kulturkreis zu einem Gesprächsabend in den Karo-Keller ein. Ein Termin, der sehr zu empfehlen ist, denn zu Gast ist Helene Shani Braun. Die junge Frau aus Potsdam lässt sich derzeit zur Rabbinerin ausbilden. Sie ist Feministin und queer. Da ist eine spannende Diskussion zu erwarten, wenn es um Fragen geht, wie sich die Tradition des Judentums mit feministischer Lebenseinstellung verbinden lässt. Oder auch, welche Bedeutung der Glaube für ihre Identität - und die Menschen eines anderen Glaubens hat. Die Veranstaltung wird vom Wetteraukreis aus dem Förderprogramm »Demokratie Leben« unterstützt. Das ermöglicht einen freien Eintritt.

Mit Schmerz und feiner Ironie

Der gilt auch für das »Musikalische Lesetheater« über Hilda Stern Cohen. Dargeboten wird es am Samstag, 8. Oktober, um 20 Uhr ebenfalls im Karo-Keller der Altstadtbühne. Und zwar von der Ortenberger Schauspielerin Lilli Schwethelm (Theater Mimikri) und dem Gitarristen Georg Crostewitz. Ihr Programm trägt den Titel: Genagelt ist meine Zunge an eine Sprache, die mich verflucht. Die Jüdin Hilda Stern Cohen stammte aus dem Vogelsberg. Aus ihrem Nachlass gingen 2001 Proben an die Universität Gießen. Lilli Schwethelm sieht ihre Aufgabe als Protagonisten des Programms darin, Gefühle von Hilda Stern Cohen erlebbar zu machen: »Schmerz, feine Ironie, tiefes Mitgefühl, leiser Sarkasmus und eine bewegende Freude über die Schönheit der Natur.« Zu ihrer Darstellung malt Georg Crostewitz auf der Gitarre ein musikalisches Bild.

Der nächste Termin zum Vormerken ist ein Liederabend am 5. November. Wenige Tage bevor man am 9. November an der Gedenkstätte in der Ortenberger Altstadt an die jüdischen Männer, Frauen und Kinder erinnert, die ihr Hab und Gut und ihre Heimat verloren. Viele davon auch ihr Leben. Sandra Kreisler gastiert mit ihrem Programm Schum davar und singt in diesem »nicht ganz glatt koschere Lieder«. Ein Auftritt, auf den sich die Tochter von Georg Kreisler sehr freut, wie sie in einer E-Mail an die Organisatoren schreibt. Schum davar bedeutet »Keine Sache« oder auch »gar nichts«. Aber Schum ist auch das hebräische Wort für Knoblauch - viel mehr »des Juden Speise« als die Zwiebel, wie Wilhelm Busch einst abfällig dichtete. Begleitet wird Sandra Kreisler an diesem Abend von Gennadij Desatnik an Geige, Bratsche, Gitarre und Valeriy Khoryshman am Akkordeon.

Zur Gedenkveranstaltung der Stadt an die Pogromnacht vom 9. November an der Gedenkstätte für die vertriebenen, ins KZ verbrachten und getöteten Jüdinnen und Juden wird es noch ausführliche Informationen geben. Die Veranstaltungsreihe soll 2023 fortgesetzt werden. Möglichst auch mit der Präsentation der Publikationen von Pfarrer Martin Schindel, die dieser aufgrund seiner Gesundheit in 2022 nicht fertigstellen kann.

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