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Wallernhausens Dorfladen - Mehr als ein Geschäft

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Der Dorfladen, hier mit Silke Parlow (r.) und Koordinatorin Martina Clotz bei der Arbeit, ist längst mehr geworden für die Wallernhäuser, als nur eine Einkaufsmöglichkeit. Hier trifft man sich, tauscht sich aus und hilft sich auch. © Detlef Maresch

Vor zehn Jahren startete in Wallernhausen der Dorfladen als Teil des Dorftreffs. Schon bald entwickelte er sich zu mehr als einem reinen Lebensmittelgeschäft.

Wallernhausen (det). Vor zehn Jahren konnte ein wichtiges Element des Dorftreffs Neue Mitte in Wallernhausen eingeweiht werden: der Dorfladen. Ein Teil des historischen Dreiseitenhofs, in dem sich der Laden heute befindet, musste damals abgerissen werden, es entstand ein barrierefreier Neubau für einen Verkaufsraum mit Bistro, Lager und Büro. Damit hatte Wallernhausen nach Jahren ohne Einkaufsmöglichkeit wieder einen Ort der Nahversorgung und der Bewirtung. »Kein kommerzieller, aber nach Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit geführter Einzelhandelsbetrieb und zugleich Arbeitsort für Menschen mit psychischen Behinderungen« - das war das Konzept des Trägers, des Diakonischen Werkes Wetterau. Wie hat sich der Dorfladen entwickelt, wie die Corona-Einschränkungen überstanden?

Infobörse, Plattform und Kontaktort

»Laden und Bistro haben eine Multitasking-Funktion entwickelt«, sagt Martina Clotz, Koordinatorin des Dorftreffs. »Sie werden als Info-Börse genutzt - manchmal wandern Nachrichten in einer Geschwindigkeit, die Glasfaser noch zu übertreffen scheint. Sie sind soziale Begegnungsorte, insbesondere von älteren, nicht mehr mobilen Menschen. Aber dank des Mehrgenerationen-Cafés montags von 15 Uhr bis 17 Uhr auch von jungen Familien. Sie sind Plattformen der Ortsvereine, denn hier liegen vor Festen Kuchenlisten aus, man kann Eintrittskarten kaufen und Terminänderungen sowie neue Projekte hängen an der Pinnwand. Sie helfen Neubürgern, hier Kontakt zu bekommen und bieten Arbeit und soziales Übungsfeld.« Neben den beiden Hauptamtlichen Liliane Grohmann und Corinna Thoma sind hier Menschen mit psychischen Erkrankungen tätig, die das Teilhabezentrum Nidda (Tagesstätte und Betreutes Wohnen) in Trägerschaft des Diakonischen Werks Wetterau nutzen. Ihre Arbeitszeit wird auf ihre individuelle Befindlichkeit abgestimmt. Silke Parlow (Name wurde von der Redaktion geändert) hat vor sechs Jahren mit zwölf Wochenstunden begonnen und hat inzwischen auf dreimal sechs Stunden pro Woche aufgestockt. Sie hat früher in der Kundenbetreuung der Deutschen Bundesbahn gearbeitet und ist hier in Wallernhausen im Verkauf, an der Kasse und der Bestandspflege des Sortiments tätig. Sie kommt aus einem Dorf in einem der ostdeutschen Bundesländer und mag die ländliche Struktur Wallernhausens gern: »Hier kennt fast jeder jeden, beim Einkauf nimmt man Anteil aneinander: Ist das kranke Enkelkind wieder gesund? Was machen die Renovierungsarbeiten am Haus? Wir vom Ladenteam gehören mit dazu.« Aber trotz nachbarschaftlicher Nähe spricht sie von Heimweh: »Ich wäre gern wieder da, wo ich aufgewachsen bin.«

Markus Fuchs (Name von der Redaktion geändert) zieht es nicht so sehr in den Verkauf. Er arbeitet jeweils vier Stunden im Büro und ist zufrieden damit: »Ich war Verwaltungsfachangestellter, hab mich mit kameralistischer Verwaltung ausgekannt, aber nicht mit kaufmännischer. Hier habe ich vieles dazugelernt.« Gibt es auch Schattenseiten der Arbeit? »Ja, zum Beispiel die monatliche Bestandserfassung. Die Zählerei in den Ladenregalen bis zu den Bodenfächern ist lästig. Aber in jedem Beruf gibt es Arbeiten, die man weniger gern macht.«

Corona samt den wechselnden Hygienekonzepten und Einschränkungen sei auch in der Neuen Mitte nicht einfach gewesen, sagt Martina Clotz. Der Dorfladen als Ort der Nahversorgung konnte offen bleiben, das Bistro nicht. Bei sommerlichen Lockerungen stellte man ein Zelt im Hof auf und die Gäste trafen sich dort. Mittagessen konnte man bestellen, eine Metzgerei lieferte es an, sodass sich Kunden wenigstens beim Abholen trafen und auf Abstand unterhalten konnten. Clotz: »Aber wir alle hoffen auf Lockerungen und wünschen uns wieder uneingeschränkte Geselligkeit.«

Einwohner tragen »ihren« Laden

Nicht nur in Oberhessen halten nicht alle kleinen Dorfläden dem wirtschaftlichen Druck stand, werden wieder aufgegeben. Wie schafft es der Dorftreff Neue Mitte? Clotz: »Zum einen, weil durch die Beschäftigung der Mitarbeitenden aus dem Teilhabezentrum Mittel aus der Eingliederungshilfe in den Haushalt einfließen. Zum andern, weil wir - auch aufgrund geringer Lagekapazität - sehr sorgfältig kalkuliert einkaufen. Wir stellen uns täglich dem Spagat, ein vielseitiges Sortiment zu moderaten Preisen zu bieten. Aber wir merken auch, dass sich die Wallernhäuser für den Bestand ihres Dorfladens verantwortlich fühlen.« Verständlicherweise machten die meisten ihre Großeinkäufe beim Discounter, kaufen aber bewusst einen Teil des Bedarfs auch hier ein. Das sei gut so, nur von gelegentlichen Lückenkäufen - das vergessene Päckchen Backpulver, die Schachtel Pralinen für eine Einladung - wäre das wirtschaftliche Überleben des Ladens nicht gesichert. »Wir schätzen unsere treuen Kunden und wir hoffen, dass das Vereinsleben bald wieder Fahrt aufnimmt. Auch das ist eine wichtige Einkommensquelle für uns.«

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