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Welches ist der richtige Weg, um den Wald zu retten? Naturschützer und private Waldbesitzer sind sich nicht grün in der Lösung.

Forstwirtschaft

Waldkrise: Naturschützer auf dem Holzweg?

Ein Forderungskatalog von Naturschutzverbänden für die Waldnutzung schlägt bei privaten Waldeigentümern hohe Wellen. Der Erhalt ist das übergeordnete Ziel, die Wege dorthin variieren deutlich.

Der Wald soll nachhaltig, ökologisch und generationengerecht werden. Dafür sprechen sich 24 Natur- und Umweltschutzorganisationen in einer Pressemitteilung des DNR aus. DNR steht für den Deutschen Naturschutzring, dem Dachverband vieler deutscher Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen. Die Verbände fordern einen Paradigmenwechsel in der Betrachtung des Waldes verbunden mit vielen Veränderungen für die Waldwirtschaft. Damit stoßen sie jedoch bei den privaten Waldbesitzern in der Wetterau auf Kritik. Diese halten einige Inhalte des DNR-Papiers für praxisuntauglich und auch unwissenschaftlich. Einig sind sich sowohl die Verbände als auch die Privatwaldbesitzer über die Bedeutung des Naturschutzes. Doch der jeweilige Weg ist ein anderer.

In dem Papier des DNR wird auf die Wichtigkeit von strukturreichen, biologisch vielfältigen und sich weitgehend selbst regulierenden Wäldern für zahlreiche ökologische Schlüsselfunktionen hingewiesen. Die wichtigsten Punkte: Die ausschließlich auf eine Optimierung der Holzerzeugung ausgerichtete Waldbewirtschaftung dürfe, so steht es in dem Papier, nicht länger an erster Stelle stehen. So sollen unter anderem das Bundeswaldgesetz und die Biodiversitätsstrategie novelliert werden. Gefördert werden soll künftig nur noch ein hoher Anteil von alten naturnahen Waldflächen, Biotopbäumen und anderes. Die Bezuschussung des Waldwegebaus möchten die Verbände auf ein Mindestmaß reduzieren, die traditionelle Waldbewirtschaftung mit Pferden stärker fördern. Bis 2030 sollen mindestens zehn Prozent der Waldfläche dauerhaft als Naturwald ohne forstliche Nutzung ausgewiesen werden. Eine Aufforstung mit standortfremden Baumarten ist nicht erwünscht. Die Holzverwendung für kurzlebige Produkte, wie zum Beispiel Papier und Pappe soll über den politischen Weg reduziert werden.

Strategie kritisch hinterfragen

Grundsätzlich erlaubt das Gesetz allen Erholungssuchenden, den Wald, egal ob staatlich, kommunal oder privat, zu betreten. Das Betretungsrecht für jedermann ist für die Waldeigentümer auch mit Pflichten verbunden, wie zum Beispiel der Verkehrssicherungspflicht. Zahlreiche offizielle Wander- und Radwege führen durch Privateigentum. Zu diesen kommen Jogger, Spaziergänger, Reiter oder Hundehalter. Und natürlich nicht jeder der Baumumarmer, Geocacher, Sporttreibenden oder auch Pilzsucher bleibt auf den befestigten Wegen.

»Für die forstliche Nutzung würde eine grob geschotterte Piste ausreichen«, gibt Forstingenieur Wolfram Peppler zu bedenken. Er betreut zirka 550 Hektar Privatwald vorwiegend in Nidda und Gedern von Dr. Albrecht von Harnier. Ein Wegfall der Förderung des Waldwegebaus und auch der Bewirtschaftung würde jeden Waldbesucher treffen. Auf groben Schotterwegen würde wohl keiner gerne spazieren gehen, geschweige denn einen Kinderwagen schieben, vermutet er.

Für Peppler sind viele der aufgeführten Ziele gar nicht umsetzbar. Die Waldbewirtschaftung mit Pferden sei früher möglich gewesen. Heute gebe es kein Personal dafür. Auch seien die Pferdekräfte nicht für das Ziehen von dickem, schwerem Holz ausgelegt, sondern für kleinere Arbeiten zwischen den Rückegassen. Und auch das nur in Wäldern, die nicht geschädigt seien. Denn herabbrechende Äste bedeuten eine Gefahr für Rücker und Pferde. Große Rückemaschinen könnten dagegen auch in Abschnitten mit Kalamitätsholz arbeiten.

»Einen starken Anteil an alten Baumbeständen kann man sich wünschen. Das letzte Wort hat die Natur.« Viele alte Bäume könnten sich nicht mehr auf die klimatischen Veränderungen einstellen. »Waldökosysteme sind immer dynamisch«, betont Peppler. Baumarten hätte eine unterschiedliche Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit. Schwarznuss-Bestände im Forstamt Lampertheim zum Beispiel würden die bisherigen Trockenperioden einwandfrei überstehen. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet liegt nicht in Deutschland, sondern im Süd-Osten Nordamerikas.

Außer den Fichten haben auch die Buchenbestände unter der Trockenheit der vergangenen drei Sommer sehr gelitten. »Wir können uns nur wünschen, dass der Buchenwald in der Wetterau erhalten bleibt«, sagt Peppler. Zumindest müsse man die Frage nach der Anpflanzung zum Beispiel der Orient-Buche - einer verwandten Art, die im Osten verbreitet ist und heiße trockene Sommer verträgt - zulassen.« Es sei sehr kurz gegriffen, wenn man diese Möglichkeiten ideologisch ausschließen würde. Peppler hätte sich gewünscht, dass, wenn es um den Wald geht, auch die Vertreter der Waldverbände mit an dem Tisch sitzen.

Strategie kritisch hinterfragen

Das Forstamt Nidda der Behörde Hessen Forst betreut die Waldflächen von zahlreichen Kommunen der Region, ist verantwortlich für insgesamt 18 000 Hektar.

Vom Grundsatz her stimmt die Forstamtsleitung den allermeisten Forderungen und Zielen der DNR für ein umfassend nachhaltig ausgerichtetes Waldmanagement zu. An der ein oder anderen Stelle, betont Forstamtsleiter Bernd Reißmann, ist die strategische Ausrichtung allerdings kritisch zu hinterfragen.

Waldflächen aus Gründen der Biodiversität aus der Nutzung zu nehmen, um sie einer natürlichen Entwicklung zu überlassen, mache in begrenztem Umfang sicherlich Sinn. Hier habe Hessen schon einiges auf den Weg gebracht.

»Eine generelle Strategie gegen den Klimawandel oder zur Förderung der Biodiversität ist die Waldstilllegung hingegen aus meiner Sicht nicht«, betont Reißmann und verweist auf Schweizer Wissenschaftler, die naturnahe Wirtschaftswälder unserer Breiten mit transkarpatischen Urwäldern verglichen hätten.

Sie seien zu dem Schluss gelangt, dass in den Primärwäldern der Karpaten nicht unbedingt mehr Arten, aber dafür andere Arten vorkommen. Davon hatte er sich persönlich überzeugt. Vögel oder die hier so bekannten Wildtiere bekäme man dort kaum zu Gesicht.

Reißmann: »Eine ganz andere Frage ist die, welche Auswirkungen ein Nutzungsverzicht im Wald auf den vom Menschen verursachten Klimawandel hat. Die Befürworter eines möglichst großflächigen Nutzungsverzichts gehen davon aus, dass nicht genutzte Wälder in unseren Breiten dauerhaft etwa die doppelte Biomasse akkumulieren können, wie unserer derzeitigen Wirtschaftswälder. Dadurch sollen sie dauerhaft mehr Kohlenstoff binden. Diese Vorstellung steht allerdings im Widerspruch zur wissenschaftlichen Erkenntnis.« Reißmann bezieht sich auf den bekannten Urwaldforscher und Forstwissenschaftler Korpel. Er habe in seinen Untersuchungen aufgezeigt, dass europäische Primärwälder etwa gleich große oder nur geringfügig größere Holzvorräte aufweisen als bewirtschaftete Wälder.

Der positive Effekt der Waldbewirtschaftung im Hinblick auf die CO2- Bilanz liege aber gerade in der geänderten Nachfrage an der verwendeten Biomasse. Hierdurch ließen sich energieintensive Rohstoffe und fossile Brennstoffe einsparen. »Durch die nachhaltige Waldbewirtschaftung in Deutschland verbessern wir unsere CO2-Bilanz jährlich um zirka 14 Prozent. Eine Leistung, auf die wir gerade angesichts des Klimawandels nicht grundlos verzichten sollten. Hierzu zählt aus meiner Sicht auch die energetische Nutzung von Holz.«

Reißmann geht auf die Auswirkungen für die Kommunen ein. Kommunen und Privatwaldbesitzer stünden zunehmend vor großen Herausforderungen. Einerseits sind es Verluste durch Extremwetterereignisse der vergangenen Jahre, eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten sowie Einnahmenverluste. Andererseits sind hohe Investitionen für die Wiederaufforstung und Pflege notwendig. Die Waldbesitzer erhielten zwar Hilfen, doch würde dieser Prozess noch längere Zeit so weiterlaufen.

»Daher arbeiten wir in diesen Betrieben schon seit vielen Jahren an einem klimatoleranten, struktur- und artenreichen Waldaufbau. Die Waldeigentümer nehmen nach unserer Erfahrung die Konzepte gerne an und vollziehen mit uns gemeinsam eine Wende hin zu einem Waldmanagementkonzept, welches dem Walderhalt höchste Priorität einräumt. Um diese Aufgaben zu stemmen, sollten den kommunalen und privaten Waldeigentümern die Öko-Systemdienstleistungen ihrer Wälder von der Gesellschaft angemessen gegenfinanziert werden.«

Reißmann fügt hinzu: »Das Thema Waldbewirtschaftung muss wissenschaftlich, nicht dogmatisch behandelt werden.«

Ein Eingriff in das Eigentum

Ein Blick nach Büdingen: Die Constantia Forst GmbH ist mit über 9000 Hektar der zweitgrößte private Waldbesitzer in Hessen. Geschäftsführer Matthias Becker sieht in dem Vorstoß der Naturschutzverbände einen erheblichen Eingriff in das Eigentum, der weit über den ordnungspolitischen Rahmen des Waldgesetzes hinausgeht. Eine Flächenstilllegung ohne Entschädigung in der Größenordnung von zehn Prozent bedeute einen enormen Eingriff in die Substanz eines jeden Betriebes.

»Die Forderungen sind in Teilen praxisfern«, erklärt er und macht das ebenfalls an dem Beispiel der Biodiversität fest. Umfangreiche Untersuchungen im Bergwinkel hätten gezeigt, dass die Artenvielfalt in einem bewirtschafteten Wald größer ist als in einem Naturwaldreservat.

Becker weiter: »Die Gesellschaft braucht den nachhaltig nachwachsenden Rohstoff unter anderem für den Holzbau, als CO2-Senke oder für Verpackungen mehr denn je. Und er sollte bei uns produziert werden und nicht in irgendwelchen Regionen, in denen dem Raubbau Tür und Tor geöffnet ist.«

Im internationalen Vergleich werde die nachhaltige Forstwirtschaft in Deutschland sehr geschätzt. Die Bestände von 300 Jahre alten Bäume seien von Förstern bewirtschaftet worden. »Ein Großteil des Waldes ist schon mit besonderen Restriktionen belegt. Die Forstwirtschaft und der Wald produzieren den nachhaltigen Rohstoff Holz. Das ist ein essenzieller Beitrag zum Klimaschutz.«

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