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Siena Ochs: Handel ist Wandel

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Von: Christina Jung

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Siena Ochs ist ab September für 100 Parfümerien zuständig - als Bindeglied zwischen HC-Geschäftsführung und den Bereichsleitungen. © Tina Jung

Die Kosmetik ist ihre Welt und wird es bleiben. Ihre Geschäfte hat Siena Ochs aber verkauft. Ab dem 1. September übernimmt die Parfümerie H. C. GmbH & Co. KG das Zepter in Nidda und Großen-Buseck.

Es ist an der Zeit, etwas zu verändern, sagt Siena Ochs. Die 45-Jährige sitzt entspannt in ihrem Hof im Schatten eines alten Essigbaumes. Die Morgensonne nimmt gerade an Fahrt auf. Auf einem Gartentisch strahlen Zinien und Sonnenblumen in leuchtenden Farben um die Wette. Ochs erzählt von einer nicht ganz einfachen Entscheidung, die sie getroffen hat. Nach der Parfümerie in Alsfeld gibt sie auch ihre Geschäfte in Nidda und Großen-Buseck ab. Am 1. September übernimmt die Parfümerie H. C. GmbH & Co. KG dort die Führung.

»Den Familienbetrieb zu verkaufen, ist mir nicht leichtgefallen«, sagt Ochs. Sie ist mit ihm groß geworden und er mit ihr. Doch die Entwicklungen der vergangenen Jahre setzten die Unternehmerin zunehmend unter Druck.

Vor 41 Jahren übernahm ihre Mutter Renate Kreuttner die Drogerie Enz in der Wilhelmstraße in Großen-Buseck. Siena Ochs war gerade vier und schon damals davon überzeugt, dass sie einmal die Chefin sein würde. Sie ging auf die Kosmetikschule, lernte Drogistin, ließ sich zur Visagistin ausbilden, studierte Betriebswirtschaftslehre. 2001 expandierte man, eröffnete Kosmetikstudio und Parfümerie am Anger, übernahm kurz darauf das Geschäft in Alsfeld und 2015 auch das in Nidda. Im selben Jahr vollzogen Kreuttner und Ochs den Wechsel in der Geschäftsführung.

Mittlerweile hat sich in der Branche vieles verändert, besonders die Bedingungen für kleine Einzelhändler. Der Kampf um Marken wie Chanel oder Clinique, die Konkurrenz mit den Marktführern, vor allem aber mit dem Online-Handel. Ochs: »Die großen Player bekommen ihre Ware immer zuerst.« Zwar hat sie selbst ein eigenes Online-Angebot aufgebaut, um mit der Zeit Schritt zu halten. »Aber dieses Geschäft ist nur profitabel, wenn es auf Masse angelegt ist«, sagt Ochs, die da nicht mitgehen wollte. »Ich bin ein Kind des Einzelhandels und der Kommunikation. Ich möchte für die Menschen da sein.«

Ein deutliches Mehr an Büroarbeit ging zulasten der Kreativität. »Statistiken, Diagramme, Dokumentationen - der administrative Aufwand ist heute enorm«, sagt Ochs. Auch mit Blick auf das Personal - und ganz besonders seit Corona. »Die ganzen Maßnahmen zu durchschauen und umzusetzen, Konzepte zu erstellen, die manchmal drei Tage später schon wieder hinfällig waren, das hat uns wie viele andere an unsere Grenzen gebracht«, sagt sie.

Damit der Gründe nicht genug: Der Fachkräftemangel und die immer mehr Zeit beanspruchende Kundenbetreuung bekräftigten sie letztlich bei dem Entschluss, ihre Läden abzugeben. »Ich könnte sechs Kosmetikerinnen einstellen«, sagt sie, »aber es gibt einfach keine.« Seit Jahren auf Wachstumskurs seien dagegen die Ansprüche der Konsumenten. Die wollten nicht nur im Laden oder am Telefon bedient, sondern heute auch über E-Mail, WhatsApp, Facebook, Instagram oder Google betreut werden. »Sämtliche Kanäle müssen bespielt werden - und zwar schnell«, sagt Ochs. »Sonst hat man gleich eine schlechte Bewertung.« Natürlich ist sie dankbar für ihre Kundschaft, die ihr über so viele Jahre die Treue gehalten hat. Aber sie hatte zunehmend das Gefühl, ihnen und allem anderen, vor allem ihren eigenen Ansprüchen, nicht mehr gerecht werden zu können. Denn dafür reichte die Zeit nicht mehr aus.

Vieles kam über Jahre zu kurz, ganz besonders ihre Familie und sie selbst. »Meine eigene Work-Life-Balance ist komplett zum Erliegen gekommen«, erzählt die Mutter eines zwölfjährigen Sohnes. Ochs: »Ich musste eine Entscheidung treffen, entweder noch größer werden oder mich verkleinern.« Im vergangenen Herbst beschloss sie, die Parfümerie in Alsfeld zu verkaufen. Weil HC schon einmal Interesse signalisiert hatte, fragte sie dort an - und man war sich schnell handelseinig. Ende April zog Ochs im Vogelsberg den Schlussstrich, was ihr über Wochen emotional zusetze.

Selbstzweifel beherrschten ihre Gedanken. Sie machte sich Vorwürfe, versagt zu haben. Glaubte, keine gute Unternehmerin zu sein. Mut machte der 45-Jährigen ihre Mutter: »Handel ist Wandel, hat sie zu mir gesagt«, so Ochs. Rückenwind kam aber auch aus den Reihen von HC. Zu einigen Mitarbeitern hatte die Großen-Buseckerin während der Übernahmevorbereitung enge Kontakte geknüpft. Man brachte ihr Wertschätzung für ihre Leistung entgegen. Und man wollte ihre Erfahrung und Expertise im eigenen Unternehmen. Als Verkaufsleitung für ganz Deutschland. Ochs war baff, berief den Familienrat ein, denn sie hatte eigentlich nicht vor, die Parfümerien in Buseck und Nidda aufzugeben. Doch Ende April stand die Entscheidung, dem Leben als Selbstständige den Rücken zu kehren.

Für die Kunden wird sich dadurch wenig ändern, weil die Mitarbeiter erhalten bleiben. Nur Siena Ochs wird nicht mehr vor Ort sein, da sie ab September für 100 Parfümerien zuständig ist. Als Bindeglied zwischen HC-Geschäftsführung und den Bereichsleitungen.

Den Kampf mit Marktführern und Onlinehandel oder die aufwendige administrative Arbeit werden andere machen, während sie kreativ sein und sich in ihrer Freizeit wieder mehr sich selbst und ihrer Familie widmen kann. Hin und wieder sicherlich auch im Schatten des alten Essigbaumes in ihrem Hof.

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