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Nidda: Wie man Gefahrensituationen selbstbewusst meistert

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Sich im Zweifel auch gegen Angriffe zu verteidigen, lernen Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Krav-Maga-Lehrgang in Nidda. © Elfriede Maresch

Mit gefahrvollen Situationen angemessen und selbstbewusst umgehen - dieses Ziel verfolgte ein Selbstverteidigungsseminar in Nidda als Teil eines umfangreicheren Workshop-Angebots

Nidda (em). Eine Frau wird von hinten am Hals gepackt und rücklings zu Boden gerissen. Eine brutale Attacke gegen ein wehrloses Opfer? Nein, ein Übungsszenario auf weicher Matte. Und offensichtlich hatte die Angegriffene vom Trainer schon einiges gelernt. Blitzschnell wälzt sie sich auf die Angreiferin und hält sie mit einem Klammergriff fest, was zu anerkennendem Nicken ringsum führt. Denn es sind Frauen - und auch einige Männer - aus acht verschiedenen Nationen, die in Niddas Grundschulturnhalle die Selbstverteidigungstechnik Krav Maga trainieren.

Deeskalation und Selbstverteidigung

Initiatorin Daniela Rack-Döll organisierte das Wochenend-Training im Rahmen ihrer Integrationsarbeit. Projektträger, auch bei vorangegangenen Präventionsveranstaltungen, ist der Ortsverein Nidda der Arbeiterwohlfahrt. Unterstützung kam vom Programm »Demokratie leben!« des Bundesfamilienministeriums und dem Landesprogramm »Hessen aktiv für Demokratie und gegen Extremismus«. Denn das Selbstverteidigungstraining war nur ein Mosaikstein eines umfangreichen Konzepts, das Selbstbewusstsein sowie Techniken zur Selbstverteidigung und Deeskalation vermitteln will. Wohl waren Migrantinnen die Hauptzielgruppe, um sie bei niedrigschwelligem Alltagsrassismus mit Selbstbewusstsein zu stärken, und in wirklichen Angriffssituationen erst recht. Aber, so Rack-Döll: »Im Sinne der Nachbarschaftskultur luden wir auch deutsche Frauen ein sowie Männer, die ehrenamtlich im sozialen Bereich tätig sind. Die Hemmschwelle ist gesunken - gegenüber Migrantinnen, aber auch gegenüber Ehrenamtlichen, Fachkräften des öffentlichen Diensts, Sozialarbeitern. Wir wollen, dass alle diese Personen mit übergriffigen Situationen umgehen können.« So gab es einige Zeit vor dem Krav-Maga-Training Präventionsveranstaltungen für Erwachsene und Kinder, bei denen man das Vermeiden von Gefahrensituationen und deeskalierendes Verhalten übte.

Um insbesondere geflüchtete, alleinstehende Frauen gut vorzubereiten, gab es für sie eine Gesprächsvorbereitung mit den Dolmetschern Frieda Schütz (Ukrainisch), Karina Franz und Hanane Amane (Französisch und Arabisch) und Markus Döll (Englisch). In Nachgesprächen arbeitete man die Krav-Maga-Erfahrungen auf. »Das Betreuungsteam arbeitet seit 2015 mit Geflüchteten zusammen und verfügt über Grundkenntnisse im Bereich Psychotraumatologie. Ein Vertrauensraum hat sich aufgebaut«, sagt Rack-Döll.

Und was ist Krav Maga? Trainer Jay Paul Keever erklärt: »Es ist eine in Israel entwickelte Abwehrtechnik, die Elemente von Judo, Karate und weiteren Kampfsportarten insbesondere für Nahkampfsituationen enthält.« Keever war jahrelang im amerikanischen Polizei- und Militärdienst tätig. Als Krav-Maga-Trainer hat er seine Angebote auch während seiner jetzigen Tätigkeit als Professor für amerikanische Politologie und Weltgeschichte nicht aufgegeben. Er hält Krav-Maga-Seminare in mehreren Ländern. Dem durchtrainierten Mann sieht man seine Kampfsporterfahrung an.

Aber angenommen, er wäre ein »echter« Angreifer? Haben Frauen nach einem einzigen Wochenendseminar in einer solchen Situation überhaupt eine Chance? »Oh ja! Selbstverteidigung fängt im Kopf an mit dem Gedanken: ›Ich bin was wert, ich verteidige mich bis zum letzten mit Schreien, Treten und mehr«, weiß Keever. Das mache es dem Angreifer schwerer und erhöhe die Chance, dass andere aufmerksam werden und helfen. Er macht das an einem Beispiel deutlich: »Wenn eine Frau von einem potenziellen Vergewaltiger zu Boden geworfen wurde und er auf ihr liegt, versucht sie meist instinktiv, ihn wegzuschieben. Das ist ungünstig, besser ist, ihn zu umklammern, in seiner Bewegungsfreiheit zu behindern, im Gesicht anzugreifen.«

Positive Resonanz

Und wie empfanden die Teilnehmerinnen im Alter von 15 bis 63 Jahre das Training? Turkmani Samar, aus Syrien geflüchtet, sagt, es habe ihr etwas gebracht, sich als widerstandsfähig zu empfinden, nach einem Wurf zu Boden blitzschnell aufzuspringen und eine Verteidigungsposition einzunehmen. Sie erlebte auf ihrer Flucht bedrohliche Situationen, Krav Maga sei für sie eine Art Gegenerlebnis. Die Niddaerin Martina Merz musste am Anfang erst Hemmungen überwinden, um kräftig auf die Übungs-Pads zu treten. Auch Turkmani Samar ging es ähnlich. Aber Trainer Keever hatte da den entscheidenden Rat: »Stellen Sie sich vor, Ihre Tochter würde angegriffen!« Das gab den Frauen Power!

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