+
Medizinstudent Moritz Schneider, Ulfa, bricht eine Lanze für Ärzte auf dem Land.

Medizinische Versorgung

Moritz Schneider: Gerne der Arzt auf dem Land

Ist ein Hausarzt im ländlichen Bereich 24 Stunden im Einsatz? Füllt er nur Krankmeldungen aus? Moritz Schneider aus Ulfa ist angehender Mediziner und widerlegt ein paar Vorurteile.

Eine gesicherte ärztliche Grundversorgung im ländlichen Raum? Sowohl in der haus- wie in der fachärztlichen Versorgung wird es schwieriger, den Status quo der ärztlichen Dienstleistungen aufrecht zu erhalten, bezog schon vor Monaten die Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV) Stellung. Zum Jahresende schloss eine allgemeinärztliche Praxis in der Niddaer Kernstadt, die Schließung weiterer Praxen aus Altersgründen ist abzusehen, die Nachfolge ist zum Teil offen.

Hildegard Schneider, Seniorenbeauftragte der Stadt Nidda, ist viel mit älteren Menschen im Gespräch, die ja im besonderen Maß auf wohnortnahe ärztliche Versorgung angewiesen sind. Sie fasst die Patientenwünsche kurz und bündig zusammen: »Wir wünschen uns gesicherte Weiterführung der Allgemeinpraxen, die bei dringlichem Bedarf auch noch Hausbesuche machen.« Erfreulicherweise gebe es in Nidda Fachärzte der Kinder- und Jugendmedizin, der Gynäkologie, der Orthopädie und der HNO-Fachrichtung. Was fehlt, sind ein Augen- und ein Hautarzt in der näheren Umgebung.

Stipendium guter Lösungsansatz

Über einen guten Lösungsansatz kann der Ulfaer Moritz Schneider, Medizinstudent an der Uni Frankfurt im neunten Semester, berichten.

Sein Berufsziel ist Facharzt für Allgemeinmedizin auf dem Land. »Ich bin in Ulfa aufgewachsen, fühle mich hier wohl, möchte in der Nähe meines Heimatortes tätig sein«, ist sich Schneider sicher.

Moritz Schneider ist Teilnehmer am Stipendienprogramm »medizin+" des Vogelsbergkreises. Schneider hat die damit verbundenen Praktika unter anderem in einer Allgemeinarztpraxis in Mücke und am Kreiskrankenhaus Alsfeld absolviert, wird weitere regionale Praktika machen und seine Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner an einem der Krankenhäuser Alsfeld, Lauterbach oder Schotten absolvieren. »So konnte ich weit mehr Erfahrungen in der ärztlichen Versorgung auf dem Land machen, als es sonst in den klinischen Semestern üblich ist« sagt er. »Ein Pluspunkt für die Qualität meines Studiums.« Dass wenige Medizinstudenten dieses Ziel anstreben, sei wohl eine Mischung aus Vorurteilen und zu wenig Information.

Im Gespräch mit dieser Zeitung geht Moritz Schneider auf einige Vorurteile über den Beruf des Hausarztes auf dem Land ein. Öfter bekommt er zu hören: »Da machst du doch nichts anderes als Krankmeldungen auszufüllen und Hustentropfen zu verschreiben!« - sozusagen Medizin auf niedrigstem Niveau. »Das ist definitiv eine Fehleinschätzung: Der Hausarzt, der Patienten langfristig begleitet, nimmt sie als Ganzes wahr, kennt ihre Lebensumstände, ihr berufliches Umfeld. Er ist ein Brückenglied zwischen Erstdiagnostik, medizinischer Grundversorgung, Überweisung zum Facharzt oder Einweisung in die Klinik.

Immerhin begleite der Hausarzt auch Patienten mit chronischen Erkrankungen und deren gravierenden Folgen, etwa bei altersbedingt zunehmenden Herz-Kreislauf-Beschwerden.

Da hat er unter anderem die Aufgabe der Aufklärung, wenn der Patient Ursachen und Verlauf seiner Erkrankung nicht einschätzen kann oder einen Bericht eines Facharztes der Klinik nicht verstanden hat. »Der Hausarzt leistet zudem oft die Erstdiagnostik. Er kann dem Patienten Ängste nehmen, kann unter Umständen auch die Überlastung der Notfallambulanzen durch Patienten mit Bagatellerkrankungen verhindern.«

Schneider nennt ein Beispiel: Ein Patient kommt mit Brustschmerzen und dadurch erschwerter Atmung in die Praxis, ist verängstigt. Das kann sich im EKG als Herzinfarkt herausstellen und er muss schleunigst in die Klinik gebracht werden. Ein scheinbar ähnliches Bild bietet sich aber auch, wenn der Patient einen Nervenschmerz im Zwischenrippenraum habe, im Fachjargon intercostale Neuralgie genannt. Dann müsse er zunächst gut mit Schmerzmitteln versorgt und über die nicht bedrohliche Krankheit aufgeklärt werden, brauche Ruhe und gegebenenfalls eine weitere Behandlung, bis die Symptomatik abklingt.

24-Stunden-Einsatz ist ein Vorurteil

Das Arbeitsfeld des ländlichen Allgemeinarztes ist von der Prävention bis zur Palliativmedizin breit aufgestellt.

Ein weiteres Vorurteil: Der Hausarzt auf dem Land ist 24 Stunden im Dienst, fürs Privatleben bleibt keine Zeit.

Schneider widerspricht: »Diese Vorstellung geistert herum, trifft aber nicht zu. Übersehen wird dabei, dass ein ganzes System medizinischer Notfallversorgung aufgebaut wurde, in dem der Hausarzt zwar ein wichtiger, aber bei weitem nicht der einzige Faktor ist.« Auf niedrigschwelliger Ebene seien dies die Zentralen des ärztlichen Bereitschaftsdienstes. In Nidda ist dieser im Burgring, wochentags von 19 bis 23 Uhr, samstags und sonntags von 8 bis 24 Uhr besetzt. Zu anderen Zeiten und in Situationen, die nicht lebensbedrohlich sind, in der aber dringend ärztliche Hilfe benötigt wird, könne bundesweit die 116117 angerufen werden. So erreiche man den ärztlichen Bereitschaftsdienst und erfährt die Nummer der nächsten Bereitschaftsdienstpraxis, die man aufsuchen kann. Bei nicht mobilen Patienten komme eventuell ein Arzt nach Hause. »Und in lebensbedrohlichen Situationen kann über die 112 Hilfe geholt werden«.

Ärzte sollten auf die Politik einwirken

Ein niedergelassener Arzt sei durch verantwortungsvolle Aufgaben gebunden, aber er habe selbstverständlich auch Freizeit. »Die berühmte Work-Life-Balance stimmt auch«, ist Schneider überzeugt.

Sollte der Wetteraukreis ein ähnliches Stipendienprogramm wie der Vogelsbergkreis auflegen, wäre das eine kurzfristige Lösung des Problems? »Kurzfristig sicher nicht«, meint Schneider. Die Anschubzeit eines Facharztes für Allgemeinmedizin sei lang. Schneider zählt auf: Das medizinische Regelstudium dauert sechs Jahre, die Facharztausbildung bis zur Niederlassung weitere fünf Jahre. Es gibt mehr als 20 Facharztausbildungen, die Auswahl ist groß. In der Wetterau sieht er ein Problem der Ungleichheit: In Städten wie Bad Nauheim ist der Ärzteanteil höher, im Ostkreis sehe es anders aus.

»Es wäre gut, wenn die Ärzteschaft stärker auf die Politik einwirken würde, um das Problem in mehreren Schritten zu lösen.«

Bestätigung erhält Schneider von Dr. Andreas Ritter aus Nidda. Der 69-Jährige war immer gerne Allgemeinarzt auf dem Land und das bereits in der dritten Generation. Sein Vater und auch sein Großvater waren Landärzte. Ritter arbeitet noch zwei Tage in der Woche in seiner ehemaligen Praxis in Nidda, war im Impfzentrum Büdingen aktiv, unterstützt jetzt im mobilen Impfteam.

Eine anspruchsvolle Herausforderung

»Die Hausarztpraxis ist eine anspruchsvolle medizinische Herausforderung. Die Patienten kommen zunächst mit diffusen Beschwerdebildern, es geht um die Entscheidung, was ist gefährlich und welche Patienten müssen in einer Klinik oder von einem Facharzt weiterbehandelt werden, oder was ist weniger gefährlich, aber subjektiv sehr belastend. Und wie kann man es behandeln oder lindern?« Dass der Hausarzt 24 Stunden im Einsatz ist, sei ein längst überholtes Bild. Durch die ärztlichen Notdienste und Bereitschaftsdienste sei die Arbeitszeit geregelt und überschaubar. »Für mich war das Schönste an der Hausarzttätigkeit, dass ich in der langfristigen und ganzheitlichen Begleitung von Patienten ein intensiver Vertrauensverhältnis aufgebaut habe. Das hilft bei der Differenzialdiagnose und den Krankheitsbildern, die auch psychosomatisch mit bedingt sind. Es zeigt auch, dass man medizinisch mit niedrigschwelligen Mitteln viel erreichen kann.«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema