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Lumpen, Batist und Wolle für Papier

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Ein »Holländer« ist das Prunkstück auf dem Dorfplatz in Ober-Schmitten. Die Kommentare zu ihm und den weiteren Exponaten hat der Dorfchronist Helmut Schmollack verfasst. © Corinna Willführ

Im Jahr 1629 beginnt die Geschichte der Papiermühlen in Ober-Schmitten. Es ist die Zeit, in der sich die Erzvorkommen dem Ende neigen und immer mehr Papier gebraucht wird.

Das Paar aus Wiesbaden ist auf der Route Regionalpark Rhein-Main unterwegs, macht Halt in Ober-Schmitten. »Uns interessieren Stätten alter Industriegeschichte«, sagen sie. Während er Fotos macht, liest sie die Texte der Tafeln zu den Exponaten auf dem Dorfplatz: Die Infos zu dem »Holländer«, zum Grabmal von Friedrich Jakob Mattfeld oder den Stein des Kollergangs. Nicht zuletzt über die Historie, die »von Erz und Papier geprägt« ist.

Die Geschichte der Papiermühlen in Ober-Schmitten beginnt 1629. Ein Anfang, der zugleich ein Ende ist. Denn das Jahr wird als »Aus« für den letzten Eisenhammer vermerkt. Die Eisenhämmer (Waldschmetten) sind »Betriebe« zur Verarbeitung von Eisenerzen. Deren Vorkommen sind allerdings dort schnell erschöpft. Was indes gebraucht wird: Papier. Denn mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg 1448 nimmt der Bedarf an diesem zu.

Was man für dessen Herstellung benötigt: Wasser. Und das der Nidda hat gute Qualität. Die erste in den Annalen verbürgte Papiermühle, die »Hintermühle im Ahrn«, übersteht den 30-jährigen Krieg aber nicht.

Fast fünf Jahrzehnte vergehen, bis der Papiermacher Rudrauf abermals beginnt, aus Lumpen (Hadern) das begehrte Material herzustellen. Denn alte Kleidung ist der Grundstoff für die Schreibunterlage. Für Postpapier wird Batist benötigt, für weißes Druckpapier »feine Hausleinwand«, für Löschpapier Wollgewebe. 1802 wird Friedrich Johann Mattfeld erster privater Eigentümer der Papiermühle. Ein findiger Kaufmann, der auch einen Weinhandel betreibt. Da er kinderlos bleibt, führt sein Neffe Wendel Schneider die Mühle weiter. Schneider ist nicht nur ein cleverer Geschäftsmann, sondern bringt es bis zum Kommerzienrat. Neben der Papiermühle hat er ein Vermögen von 90 000 Gulden geerbt. Mit diesem kann er nicht nur die obere Papiermühle ausbauen, sondern Mitte der 1820er-Jahre auch die Herrenmühle erwerben.

»Am 6.6. (1828) wurde in feierlicher Form in der neu erbauten Papierfabrik das erste Papier geschöpft«, ist in der Publikation des Heimatmuseums Nidda zur Schau »Papier - Herstellung und Verarbeitung« 1989 zu lesen. Schneider ist es auch, der das Grabmal für Friedrich Jacob Mattfeld anfertigen lässt, das heute auf dem Dorfplatz steht.

Es folgen wechselvolle Jahre für das Unternehmen. Nach dem Tod von Schneider wird dessen Erbe aufgeteilt. Sohn Wilhelm bekommt die untere, Sohn Friedrich die obere Papierfabrik. Doch die Industrialisierung ist vorangeschritten. Was einst in Handarbeit oder mit Muskelkraft erledigt werden konnte, musste, um im Wettbewerb mitzuhalten, rationeller werden.

1873 läuft die erste Papiermaschine. Bis circa 1970 ist der Kollergang, der auf dem Dorfplatz zu sehen ist, an der Papiermaschine 3 in Betrieb. Ein Kollergang ist das Mahlwerk, in den die zuvor sortierten und zerfetzten Lumpen zusammen mit Wasser eingetragen werden.

Die Besitzverhältnisse in den Mühlen wechseln. 1880 heißt ihr Eigner Robert Jäger. Ihr Produktionsvolumen damals: »Büttenpapier mit einer täglichen Leistung von 800 bis 1200 Kilogramm.«

Doch die Herstellung ist nur eine Sache. Der Transport eine andere. Bis Friedberg ziehen drei Doppelgespanne jede Woche die Ware zum dortigen Bahnhof. Anfang des 19. Jahrhunderts wird die Lage für die Papierfabrikanten immer schwieriger.

Am 24. August 1893 wird Josef Moufang einziger Eigentümer der oberen Fabrik, die fortan den Namen »Papierfabrik Oberschmitten - W & F Moufang« trägt. Das Unternehmen produziert nicht nur Papier, sondern liefert auch den Strom für die Beleuchtung der Straßen, der Schule und der Gasthäuser (1904). Mit einer »beträchtlichen Spende« sorgt der Fabrikant dafür, dass in Ober-Schmitten 1951 der erste Schulneubau nach dem Zweiten Weltkrieg im Altkreis Büdingen entsteht. Offiziell trägt sie den Namen Josef-Moufang-Schule allerdings erst seit 2002.

Wäre da noch der »Holländer«. Mit schwerem Gerät wird das tonnenschwere »Zerkleinerungsaggregat« auf dem Dorfplatz aufgestellt. Wasserkraft treibt die Walze mit Schneidmessern an. Durch deren stete Bewegung konnte das Gemisch aus Fasern und Wasser als Basis für das Papier schneller gewonnen und dessen Substanz besser kontrolliert werden als in den früheren Stampfwerken. Bekannt sind »Holländer« bereits aus dem 17. Jahrhundert. Mitunter kommen sie heute noch zum Einsatz, etwa bei der Herstellung von Banknoten.

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