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Jüdisches Museum in Nidda: Erinnerung wachhalten

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Lucia Puttrich, Matthew Strauss und Hildegard Schiebe nutzen die Zeit nach der offiziellen Feierstunde für einen Kurzbesuch des Museums. © Ingeborg Schneider

Während einer informativen und berührenden Feierstunde haben der Verein jüdisches Museum, die Stadt Nidda und zahlreiche Gäste an die Eröffnung des Jüdischen Museums vor 20 Jahren erinnert.

Im Gemeindehaus der evangelischen Stadtkirche ist das 20-jährige Bestehen des Jüdischen Museums in Nidda gefeiert worden. Die Vorsitzende des Museumsvereins, Hildegard Schiebe, begrüßte als Ehrengäste die hessische Europaministerin und ehemalige Niddaer Bürgermeisterin Lucia Puttrich (CDU), den aus den USA angereisten Enkel Matthew Strauss der Gründer- und Sponsorenfamilien sowie Ulrike Wagner-Stingl, die Schwester des verstorbenen Pfarrers Dr. Wolfgang Stingl, auf dessen Initiative und primäre Sammlung die Gründung des Jüdischen Museums zurückgeht.

Umrahmt wurde die Feierstunde durch das ergreifende Wiegenlied »Wiegala«, zu dessen Klängen die jüdische Komponistin Ilse Weber (1903 bis 1944) die ihr anvertrauten Kinder in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau begleitet haben soll. Pfarrerin Hanne Allmansberger rezitierte zudem Texte der sensiblen Künstlerin, der laut Hildegard Schiebe in absehbarer Zeit ein Themenabend des Jüdischen Museums gewidmet werden soll.

Gedenken und Aufarbeitung

Daran anknüpfend erläuterte sie, das Museum sei nicht nur ein Ort des Gedenkens sowie der Erinnerung, Rekonstruktion und Aufarbeitung jüdischer Geschichte in und um Nidda, sondern eine Stätte der Begegnung und Vermittlung an Schulklassen und Konfirmandengruppen, Vereine und Gruppen. »Ebenso dient unser Haus aber der Prävention: Der Antisemitismus in unserem Land nimmt seit geraumer Zeit wieder zu. Wir stellen unsere Besucher immer wieder vor die Frage: Wie hätte ich mich damals verhalten? Und was kann ich heute tun?« Schiebe erinnerte außerdem an den Einweihungstag des Jüdischen Museums in Gegenwart von Otto von Habsburg und seiner Ehefrau Regina sowie an den Großmut des Sponsors Siegfried (Fred) Strauss: »Er sagte nach seinen ersten, vorsichtigen Besuchen in Nidda und der Kontaktaufnahme mit unserer damaligen Bürgermeisterin Lucia Puttrich immer wieder: Vergessen kann ich nicht, aber verzeihen.«

Diesen Impuls nahm Puttrich in ihrer Festrede auf. Sie erinnerte an ihre Begegnungen mit Fred Strauss, den sie auch in den USA besucht hatte. Puttrich zeichnete das Bild eines ungebrochenen, großherzigen und humorvollen Mannes, der ihr in vielen Details im Gedächtnis bleiben werde. »Ebenso wie Pfarrer Dr. Wolfgang Stingl, der seine berufliche Laufbahn als Azubi im Rathaus begann und schon damals sein Interesse und seine Sammelleidenschaft in Bezug auf die Geschichte der jüdischen Familien in Nidda entwickelte«, sagte Puttrich. Bezüglich der Gründung des Jüdischen Museums habe Stingl durchaus Dringlichkeit und Druck aufgebaut. Die Unterstützung der Familie Zimmermann-Strauss habe letztlich den Durchbruch gebracht, ebenso wie das bis heute andauernde »enthusiastische ehrenamtliche Engagement des Vereins« unter Hildegard Schiebe und ihrem Team sowie die Hilfe des Heimatmuseums unter Reinhard Pfnorr.

»Wenn Pfarrer Stingl uns heute von oben zuschaut, so wird er wohl feststellen: Der Druck hat sich gelohnt«, stellte Puttrich mit einem Dank an alle Beteiligten fest. »Sie tragen durch ihre Arbeit dazu bei, die Erinnerung an Niddas jüdische Familien wachzuhalten. Das Judentum hat in dieser Stadt eine 900-jährige Geschichte, es waren keine Fremden, sondern alteingesessene Niddaer, Nachbarn, Kollegen, Vereinsmitglieder und Freunde, die man isolierte und ausgrenzte, auswies und deportierte«, betonte die Europaministerin. »Gegen Antisemitismus und jede Form von Diskriminierung wegen der Hautfarbe, des Glaubens, des Geschlechtes oder des kulturellen Hintergrundes vorzugehen, das ist unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe heute, an der Sie engagierten Anteil nehmen.«

»Hausaufgabe« für Eberhard

Ebenso wie Niddas Bürgermeister Thorsten Eberhard sicherte Puttrich dem Jüdischen Museum Unterstützung in der aktuellen Sanierungsphase zu. Reinhard Pfnorr gratulierte im Namen des Niddaer Heimatmuseums ebenfalls zum Jubiläum und gab Bürgermeister Eberhard »als Hausaufgabe« mit auf den Weg, über die Verlegung von Stolpersteinen in Erinnerung an jüdische Bürger vor dem Rathaus nachzudenken. Im Anschluss gingen Lucia Puttrich, Matthew Strauss und Hildegard Schiebe zu einem Kurzbesuch in das nahe Jüdische Museum, um sich über den Stand der Sanierungsarbeiten zu informieren.

INFO:

Seinen Ursprung hat das Jüdische Museum Nidda in der umfangreichen Privatsammlung des Niddaer Pfarrers Dr. Wolfgang Stingl. Die Gründung wurde durch die finanzielle Förderung des Niddaer Bürgers Siegfried (Fred) Strauss ermöglicht, dem zur Zeit des Nationalsozialismus die Flucht in die USA gelang. Im Anschluss an die Gründung des Vereins jüdisches Museum und den Erwerb und Umbau des Hauses in der Raun 62 öffnete das Haus 2002 erstmals seine Pforten. Zur Erinnerung an seinen Sponsor trägt es den Familiennamen von dessen Eltern: Zimmermann-Strauss. Das Museum verfügt über eine Ausstellung und eine umfangreiche Bibliothek, die Werke über das Judentum und seine Geschichte, die Geschichte der jüdischen Gemeinden in Hessen und Deutschland, über Antisemitismus und den Holocaust beinhaltet. Derzeit wird das Museumsgebäude wegen eines Wasserschadens saniert. VON INGE SCHNEIDER

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