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In der Gemeinschaft neuen Mut schöpfen

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Die Welt im Innern scheint stillzustehen, während sich draußen das Karussell dreht. Was alleine in manchen Momenten fast undenkbar ist, kann in Gruppen in Gang gesetzt werden. SYMBOLFOTO: IMAGO/ROLF PROSS © pv

Ob Sucht, Einsamkeit, Krankheit oder Trauer - unter Gleichgesinnten fällt es oft leichter, Schicksalsschläge zu verarbeiten. In Nidda gibt es sechs Angebote von helfenden Gemeinschaften.

Selbsthilfegruppen sind Mutmacher, fasst ein Mitglied des Niddaer Freundeskreises Altenburg kurz und bündig zusammen. In dieser Gruppe treffen sich suchtkranke Menschen vor allem mit Alkoholproblemen. Seine Aussage deckt sich mit der Beschreibung auf der Website der Fachstelle Prävention im Wetteraukreis: »Die Mitglieder von Selbsthilfegruppen verstehen, helfen und stärken sich gegenseitig, sie sind und werden ›Experten in eigener Sache«. In Nidda gibt es einige Angebote, der Kreis-Anzeiger beleuchtete exemplarisch vier Gruppen.

Betroffene möchten sich informieren und ihre Erfahrungen austauschen. Sie helfen sich gegenseitig, die Gemeinschaft der Gruppe stärkt. Die Teilnehmer sammeln Wissen und lernen gemeinsam, auch zum Beispiel wie sie mit Versorgungseinrichtungen kooperieren und ihre Interessen vertreten werden.

Bewegung in der Gruppe hilft

Aber wie lässt sich der Austausch unter Corona-Einschränkungen durchhalten? Mitglieder und Organisatoren von Niddaer Selbsthilfegruppen erzählen.

Eigentlich hätten die Mitglieder der Osteoporose-Selbsthilfegruppe Nidda gern im vergangenen Jahr ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert und dazu auch Ehemalige eingeladen, die aus Altersgründen nicht mehr aktiv mitmachen können. Die Krankheit Osteoporose wird auch als Knochenschwund bezeichnet. Bewegung kann den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Daher steht die Bewegung im Mittelpunkt der Gruppenaktivitäten, wenn auch pandemie-bedingt 2020 und 2021 die Zusammenkünfte nur in der zweiten Jahreshälfte stattfinden konnten. Dafür erstellte die Gruppe ein eigenes Hygienekonzept, zwei Hygienebeauftragte desinfizierten abschließend das Inventar und die sanitären Einrichtungen.

Die Mitglieder trafen sich einmal pro Woche zur Gymnastik unter Leitung eines Physiotherapeuten im Niddaer Bürgerhaus und an zwei Auswahlterminen pro Woche auch zur Wassergymnastik in der Bad Salzhäuser Justus-von-Liebig-Therme. »Es stimmt nicht, dass Osteoporose nur die Krankheit der Frauen ist«, sagt Renate Hantel vom Vorstand. »Wir haben drei Männer in unseren Reihen. Es kommen auch Mitglieder mit anderen Skeletterkrankungen, nach Gelenk-Op oder Knochenbrüchen, auch Rheumapatientinnen. Nun hoffen wir sehr, unser 20-Jähriges im April 2022 zu feiern und überhaupt bald die normalen Gruppenaktivitäten wieder aufnehmen zu können.« Dazu gehören auch die Kontakte zum Bundes- und Landesverband, zu benachbarten Gruppen wie in Gedern, Gießen oder Bad Soden-Salmünster.

Die Selbsthilfegruppe Löwenherzen hat Margherita Castellano-Weber 2019 für die Zielgruppe Eltern mit schwerbehinderten Kindern gegründet. Die eigene Erfahrung hat dabei mitgespielt, Castellano-Weber hat ihren schwerbehinderten Sohn bis zu dessen Tod im Jugendalter in der Familie gepflegt und weiß, wie sehr darauf geachtet werden muss, dass auch die nichtbehinderten Geschwister die Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen, die sie brauchen. So hat sich eine kleine Gruppe von Familien gebildet, in denen die schwerbehinderten Kinder zwischen zwei und 16 Jahren alt sind. Alles, was im Alltag an Aufgaben zu lösen ist, kann hier besprochen werden.

Umgang mit den Krankenkassen

Die Förderung der Kinder sei kein vordringliches Thema. Durch Physiotherapie, Ergotherapie, Frühförderung, auch Reittherapie, Integration im Kindergarten, Aufnahme in Förderschulen fühlten sich die Familien meist gut begleitet. Ein Hauptthema sei dagegen der Umgang mit Krankenkassen. Nicht selten werden Mutter-Kind-Kuren abgelehnt. Mühsam müssten die Familien die Rechtsgrundlagen für ihr Anliegen selbst recherchieren, lange Auseinandersetzungen führen. Daher sind die Eltern dankbar für Tipps anderer. »Oft kommt es zu der schmerzlichen Frage: Wie geht die Gesellschaft mit meinem Kind um?« Da die Kinder in besonderem Maß vor Infektion geschützt werden müssen, wird auf ein strenges Hygienekonzept geachtet. So gibt es momentan keine regelmäßigen Treffen, sondern Telefon- und WhatsApp-Kontakt, in der wärmeren Jahreszeit dann wieder im Außengelände des Johannes Pistorius-Hauses oder auf dem Spielplatz.

Sucht ist das Kernthema des schon erwähnten Freundeskreises Altenburg, aber Mitglieder und Ratsuchende kommen aus individuell verschiedenen Lebenssituationen. »Wir sind Erstanlaufstelle, bevor Therapien einsetzen, begleiten Betroffene nach stationärem Aufenthalt in Kliniken weiter, sind solidarische Ansprechpartner für Menschen, die es schaffen, in ihrem gewohnten Lebensumfeld aus der Sucht auszusteigen, aber auch für Angehörige in der schwierigen Balance zwischen Hilfe und notwendiger Abgrenzung«, ist aus dem Vorstand zu hören. »Drei von uns haben sich beim Diakonischen Werk Gießen zu Suchtberatern ausbilden lassen. Der schwierigste Schritt, das Eingeständnis der eigenen Abhängigkeit vom Alkohol, fällt in unserer Gruppe leichter, weil viele da sind, die in derselben Problematik steckten und den Absprung geschafft haben.« Für die Gruppenmitglieder werden auch Einzelgespräche angeboten, Wert auf Geselliges gelegt, auf Wunsch Kontakte zu entsprechenden Fachkräften von Caritas und Diakonie vermittelt. Die regelmäßigen Treffen unter Beachtung der jeweils gültigen Hygieneregeln finden im großen Saal des Johannes Pistorius-Hauses jeweils freitags um 19.30 Uhr statt.

Gesprächskreis für Trauernde

Eine Anlaufstelle nach schmerzlichen Verlusten ist der Gesprächskreis für trauernde Menschen, der sich jeweils am letzten Donnerstag im Monat um 15 Uhr im Karl- Dietz-Haus mit Ehrenamtlichen und einer ausgebildeten Trauerbegleiterin trifft. Abschied nach einer langen Beziehung, unerwartete tragische Todesfälle, selbst das Vermissen eines verstorbenen Haustieres - alle solche Verluste können in der Gruppe besprochen werden. Vierteljährlich trifft sich der ebenfalls fachlich begleitete Gesprächskreis für trauernde Eltern, auch für solche von sogenannten Sternenkindern.

Weitere Gruppen listet die Selbsthilfekontaktstelle Wetterau unter der Adresse www.selbsthilfe.wetterau.de/selbsthilfegruppen auf.

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