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Höhlen waren Luxus

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Einen nützlichen Austausch gibt es beim Rundgang der Gießener Gruppe mit Museumsleiter Reinhard Pfnorr (l.). © Elfriede Maresch

Die Cloos’sche Druckerei, die Möbelwerkstätten Ringshausen oder auch die grüne Revolution sind viel beachtete Themen des Heimatmuseums in Nidda. Dort meldete sich Besuch an.

Die Cloos’sche Druckerei, Arbeiten von Niddaer Fotografen des 19. und 20. Jahrhunderts, die Möbelwerkstätten C. Ringshausen: Die besonderen Themenschwerpunkte des Niddaer Heimatmuseums sind Alleinstellungsmerkmale und geben dem Museum ein unverwechselbares Gesicht. Und es spricht für ein zeitgemäßes Museumskonzept, wie es auch vom Hessischen Museumsverband (HMV), dem landesweit tätigen Fachverband für staatliche, kommunale und privatrechtliche Einrichtungen, konsequent vertreten wird. Jetzt kam eine Gruppe von Haupt- und Ehrenamtlichen des Oberhessischen Museums Gießen mit Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch nach Nidda.

Einrichtung eines Migrationszimmers

In Zusammenarbeit mit benachbarten Museen wird im Heimatmuseum Nidda die Lokal- und Regionalgeschichte in ihren vielen Aspekten abgebildet. 2019 hat man das Konzept mit der Einrichtung des Migrationszimmers weiterentwickelt. Hauptsächlich während der pandemiebedingten Schließungszeit des Museums wurde ab Mitte 2020 bis zum Februar 2021 im Raum Siedlungs- und Stadtgeschichte die Archäologieabteilung eingerichtet. Bronzezeitliche Exponate, zum überwiegenden Teil auf Niddaer Gemarkung gefunden, konnten vom Schottener Heimatmuseum, das sich andere Themenschwerpunkte gesetzt hat, als Leihgabe übernommen werden. Eine größere Anzahl der Fundstücke stammt aus den Beständen des Oberhessischen Museums in Gießen.

Museumsleiter Reinhard Pfnorr führte die Gießener Gruppe durch das Haus und bald war ein lebhafter Dialog im Gang. Dazu trug auch Irmhild Kaiser bei, IT-Fachfrau bei der Stadt Nidda, die den aktuellen Kontakt hergestellt hatte. Als Mitglied des Arbeitskreises Archäologie war die Geschichtsinteressierte schon bei Feldbegehungen, Vorträgen, Exkursionen dieses Arbeitskreises dabei, half als Ehrenamtliche bei Grabungen auf einem Hügelgräberfeld am Muschenheimer Vorderwald wie auch auf der Wüstung Kirch-Grass in der Nähe des Hofes Grass bei Hungen. Sie macht laufend Feldbegehungen, insbesondere in Geiß-Nidda, und hat sich so intensiv in die Vorgeschichte des oberhessischen Raumes eingearbeitet, dass sie eine wichtige Dialogpartnerin bei der Gestaltung und der Beschriftung der Archäologievitrinen im Museum war. Reinhard Pfnorr nannte den Archäologen Sebastian Pfnorr sowie den Museumsarchitekten Thomas Scheuermann als beteiligte Fachleute.

Vier Schwerpunkte - Alt- und Jungsteinzeit, Bronze- und Eisenzeit - werden mit Fundstücken aus der Großgemeinde dargestellt. Die Lebensbedingungen jener Epochen sollen anschaulich dargestellt werden. So hat ein auf den ersten Blick unscheinbarer Steinbrocken aus Kieselschiefer als »ältestes Werkzeug Niddas« eine eigene Vitrine bekommen. Dieser Schaber ist Beweis dafür, dass in der Altsteinzeit vor etwa 40 000 Jahren Neandertaler als Jäger und Sammler den Niddaer Raum durchzogen. 2016 wurde der Schaber vom Landwirt Stefan Gremlica auf einem Geiß-Niddaer Acker gefunden und von Professor Lutz Fiedler, einem Experten für oberhessische Frühgeschichte, datiert. Ein Schlaglicht auf das Leben damals: Mit solchen Schabern wurde die Jagdbeute gehäutet und zerlegt, sie dienten zum mühsamen Meißeln, Bohren, Schneiden und Kratzen. Dazu kam das raue Nomadenleben, ständig auf der Suche nach Essbarem, Wind und Wetter ausgesetzt. Schon Felsüberhänge, vor allem aber Höhlen, waren »Luxuswohnungen«. Das Auftauchen der ersten »Oberhessen« kann man durch Steinwerkzeugfunde bei Münzenberg nachweisen, diese Epoche aber nur ungefähr zwischen 300 000 bis 30 000 v. Chr. festlegen.

Bandkeramische Scherben, Steingeräte, Mahlsteinfragmente, steinerne Axtschneiden - weit spezialisierter sind Werkzeuge aus der Jungsteinzeit, verwendet von Menschen, die vor etwa 7500 Jahren hier lebten.

Ein Diorama, schon lange Teil der Museumsbestände, zeigt die einschneidenden Veränderungen, die die »grüne Revolution« in jener Epoche brachte. Die Menschen wechselten zu Ackerbau und Viehzucht, wurden sesshaft, lebten in Sippenhäusern, entwickelten spezialisierte handwerkliche Techniken. In der Wetterau mit ihren fruchtbaren Lößböden, auch im Raum Nidda, finden sich mehr Nachweise jungsteinzeitlicher Siedlungen als im rauen Hohen Vogelsberg.

Einen Fernhandel in der bronzezeitlichen Wetterau, also etwa von 2000 bis 800 v. Chr., muss es trotz schwierigster Verkehrsbedingungen gegeben haben, wie zahlreiche Fundstücke belegen. Weder Kupfer noch Zinn, die Zutaten für diese Legierung, gab es in der Region. Sie mussten über weite Strecken, das Zinn wahrscheinlich aus Cornwall, herbeigeschafft und kunsthandwerklich verarbeitet werden. Das zeigen die schönen Schmuckstücke in der entsprechenden Vitrine: Radnadeln, schlichte oder mit Spiralen verzierte Arm- und Fußreifen, bronzene Werkzeugteile.

Die Entwicklung der Schmiedekunst

Eisen hingegen fand sich auch in der Umgebung, wurde etwa seit 800 v. Chr. hier in Rennöfen verhüttet und weiterverarbeitet - ein stabiler Werkstoff, mit dem sich die Schmiedekunst entwickelte. Frühkeltische Fürstensitze wie der Glauberg wurden gegründet. »Im Gefolge eines breiten Wohlstandes entstand ein reger Handel mit den Mittelmeerländern«, schreibt die Archäologin Dr. Vera Rupp im Buch »Nidda - die Geschichte einer Stadt und ihres Umlandes«.

Als besonders schönes Beispiel ist eine Kopie des Borsdorfer Henkels ausgestellt, wohl von etruskischen Bronzegießern gefertigt und hier 1855 auf einem Acker gefunden. Zwei junge Athleten, je auf einer Bogenattache stehend, stoßen mit den Köpfen zusammen, bilden einen Griff. Ergänzend gibt es eisenzeitliche Töpferware, schon gleichmäßig gerundet und dünnwandig, in dieser Vitrine.

Das Museum hat dienstags, donnerstags und sonntags von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Es gilt die 2G-Regel.

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Auf einem Geiß-Niddaer Acker gefunden: Irmhild Kaiser gibt Informationen zu einem altsteinzeitlichen Schaber. © Elfriede Maresch

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