1. Startseite
  2. Lokales
  3. Nidda

Heller Kopf, flottes Mundwerk: H.G. Butzko im Alten Dorfladen Wallernhausen

Erstellt:

jub_butzko1_150822_4c
»Ach ja«: Auch das zwölfte Bühnenprogramm von H.G. Butzko ist treffsicheres, amüsantes Politkabarett. © Elfriede Maresch

T-Shirt, Jeans und Turnschuhe, auf dem Kopf die Batschkapp - so kennen seine Zuhörer den Künstler. Im Programm »ach ja!«verwandelt er 25 Jahre Rückblick in ein kleines Jüngstes Gericht.

Das Programm »ach ja« ist Kabarett pur. Ohne Requisiten, ohne Anflug von Kostümwechsel, in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen, auf dem Kopf die Batschkapp - so steht H.G. Butzko auf der Bühne im Alten Dorfladen in Wallernhausen, so kennen und lieben ihn seine Zuhörer. Noch eine Tradition hat er beibehalten. Schon drei Tage zuvor kam er nach Wallernhausen, hatte beim letzten Schliff am Programm den Gastgeber Michael Glebocki als Erst-Zuhörer und freundschaftlichen Dialogpartner an der Seite. Das historische Anwesen, dessen Zukunft zweitweise ungewiss schien, hat sich erfolgreich verjüngt: als Hofreite mit Hunden, Schafen und Pferden, als Kleinkunstbühne und als Wiege von Kabarettprogrammen!

Pointengewitter

gegen Schönreden

»ach ja« klingt aufs erste melancholisch, aber das Publikum kann beruhigt sein, elegischer Rückzug ist Butzkos Sache nicht. Unter der Batschkapp stecken ein heller Kopf und ein flottes Mundwerk. Dem Schönreden von Politik und Wirtschaft rückt er mit Pointengewitter zu Leibe. Butzko verwandelt 25 Jahre Rückblick in ein kleines Jüngstes Gericht. Etwa der erste Satz der Ampel-Regierungserklärung: »Wir wollen in der Bundesrepublik eine neue Dynamik«. Butzko: »Nach 16 Jahren Mutti bekommen wir jetzt Opi!« Vor 25 Jahren sagte die damalige Bundesumweltministerin Angela Merkel: »Wenn wir jetzt nicht konsequenten Klimaschutz betreiben, haben wir bald Dürre, Hunger und Flüchtlingskatastrophen.« Steht CDU für »Crew Der Unterlassung« oder für »Ciemlich Dunkle Umtriebe?«, fragt Butzko. Da war doch was mit einer 100 000 Mark-Wahlkampfspende von Waffenlobbyist Schneider, an die der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble sich nicht so recht erinnern konnte … Aber magische Fähigkeiten fänden sich bei Politikern aller Couleur.

Da tauchte doch nach dem 11. September ein Bekennervideo Osama Bin Ladens auf und mit froher Gewissheit sagte Gerhard Schöder: »Das Ding ist echt.« Dazu Butzko: »Bemerkenswert. Das wusste er auf Tausende Kilometer Entfernung - dank telepathischer Antennen.« Ein Blick auf »Verdienste« um den Klimaschutz: Was hat Jürgen Trittin in sieben Jahren als Umweltminister auf den Weg gebracht? »Das Dosenpfand - wow!« 2010 sollte die Laufzeit von Atomkraftwerken verlängert werden. 2011 nach der Fukushima-Katastrophe ließen Kanzlerin Merkel und Umweltminister Röttgen acht AKWs auf einmal abschalten. Butzko: »Ist da eine einzige Glühbirne ausgegangen?«

Und die jetzige ernste Weltlage - stimmt da die Sichtweise? »Die Guten erzählen die Wahrheit, die Bösen machen Propaganda«? Auch da zeigt sich Butzko als hellsichtiger Kenner der Zeitgeschichte. Er erinnert an die Implosion des Sowjetreiches 1989, die »irgendwie« gemachte, aber nie vertraglich fixierte Aussage: »Es gibt keine Nato-Osterweiterung«. Und dann rückt das Militärbündnis immer weiter vor. Als ob eine Gruppe durchtrainierter Nachbarn sich mit Baseballschlägern vor dem Gartenzaun postiert: »Wir wollen nur spielen!«

Der Kabarettist aus Gelsenkirchen plädiert dafür, politische Situationen nicht nur aus der eigenen Interessenlage, sondern auch einmal aus der des Gegners zu sehen: »Empathie ist die beste Voraussetzung für Diplomatie. Diplomatie ohne Empathie ist Idiotie.« Dieses Prinzip ist es wert, in Stein gemeißelt zu werden. Hat Butzko nach etlichen Kabarettpreisen jetzt womöglich einen Lehrstuhl im Fach Politische Ethik verdient?

Der Mann aus Gelsenkirchen tappt nicht in die Falle des Schwarz-Weiß-Denkens. Klar benennt er den russischen Präsidenten als Unterdrücker von Meinungsfreiheit, als Autokraten, als Förderer krummer Oligarchengeschäfte.

Ein Blick auf

die Vergessenen

»Ein Wladimir Putin schafft es, dass ich dankbar bin, von einem Olaf Scholz regiert zu werden.« Aber ist die komplexe Ukraine-Russland-Konfliktlage nach Gut-Böse-Schema zu lösen, ist Putin nur das Monster und Selenskyj nur die Lichtgestalt? Dringender erscheint Butzko der Blick auf die Leiden der Vergessenen, der Kriegsopfer.

Warum ist so oft Spontanapplaus zu hören, warum gibt sich das Publikum erst nach mehreren Zugaben zufrieden? Weil Butzko Pointen mit Denkanstößen verbindet, weil er gescheites, hellsichtiges Politkabarett macht. Und gelacht werden darf außerdem.

Auch interessant