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Handwerk bedeutet ein Stück Freiheit

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Geschafft! Mit Vertretern von Innung und Berufsverbänden sowie dem Ausbildungsteam des ABZ stellten sich die neuen Bauhandwerksgesellen zum Bild. © Elfriede Maresch

Zwölf Auszubildende konnten ihren Gesellenbrief im Ausbildungszentrum der Bauwirtschaft in Empfang nehmen.

Vertreter der Innung, des Holz- und Bautenschutzverbandes, der Ausbildungsbetriebe konnte der Obermeister der Bauinnung Wetterau, Thomas Jüngel, im Ausbildungszentrum der Bauwirtschaft (ABZ) zur Freisprechungsfeier begrüßen.

Jüngel begann seine Rede mit einer nachdenklichen Fabel. Ein Herr befiehlt seinem Diener, nach allen Regeln der Kunst ein Haus zu bauen, muss dann aber für lange Zeit verreisen. Der Diener beginnt, es locker zu nehmen, baut nachlässig, bessert Fehler nicht nach. Nach einem Jahr kommt der Herr zurück. Er schenkt dem Diener das Haus. Der muss drin wohnen, alle Fehler, allen Pfusch ausbaden - ein kluges Plädoyer für Selbstkritik und Selbstdisziplin. Jüngel ermutigte auch: »Mit der Prüfung haben Sie Ihr ›Haus der Zukunft‹ in guter Statik und Architektur fertig gebaut. Nach einer langen intensiven Ausbildung stehen Sie zu Recht im Mittelpunkt.«

Tragende Säule des Wirtschaftssystems

Jüngel dankte Eltern, Ausbildern, Lehrkräften und Ausbildungsbetrieben. »Die Ausbildungsbetriebe leisten eine gesellschaftlich höchst wertvolle Aufgabe. Das Handwerk ist eine tragende Säule unseres Wirtschaftssystems.« Er schloss mit der Hoffnung auf eine weltpolitisch verbesserte Lage und guten Wünschen für die jungen Gesellen.

»Nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen, sondern mit den Augen die Tür öffnen«. Auch Bürgermeister Thorsten Eberhard wählte für sein Grußwort ein einprägsames Bild. Er freue sich darüber, dass es mit dem ABZ und etwa dem Betrieb Lupp gute Ausbildungsmöglichkeiten in der Region Nidda gebe.

Dr. Friedrich Remes, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Holz- und Bautenschutzverbandes, hob die spezielle Art des Lernens im Handwerk hervor: »Man lernt am besten das, was man tut. Theorien, Materialien, Arbeitsschritte, die man ›begreifen‹ kann, prägen sich ein.« Mit einem Augenzwinkern erinnerte er die jungen Leute der »Generation Z« daran, dass ihr Freisprechungstag medial unvergesslich geworden ist: »Vier Milliarden Menschen, auch aus Ihrer Generation, sehen die Fernsehübertragung der Beerdigung einer fast Hundertjährigen - sie ist ein Symbol für 70 Jahre Pflichtbewusstsein geworden!« Es war klar, dass er diese Schlüsseleigenschaft jedem jungen Berufstätigen wünscht.

Eigenen strengen Maßstab anlegen

Manfred Fleischmann, Prüfungsausschussvorsitzender der Bauinnung, sprach von der Begleitung während der Ausbildung: »Jetzt ist jeder für sich allein auf sich gestellt. Sie müssen standhalten, wenn Ihnen Kunden mit unberechtigter Kritik kommen. Denken Sie an den Selbstbewertungsbogen, den Sie zur Prüfung bekommen haben. Legen Sie Ihren eigenen strengen Maßstab an Ihre Arbeit an. Dann können Sie unfaire Kritik zurückweisen!«

Anschließend übergaben Jüngel, Dr. Remes, Fleischmann und Gerlach die Gesellenbriefe und gratulierten. Besonders geehrt wurde der Innungsbeste, der Maurergeselle Julian Gaar, der in der Baufirma Gerhard Hildebrand in Butzbach seine Ausbildung gemacht hatte. In geselligem Beisammensein ging die Freisprechungsfeier zu Ende.

»Warum gehen so wenig junge Leute in Handwerksausbildungen, was ist daran so unattraktiv?« Julian Gaar war gern zu einem Gespräch über diese Frage bereit. Er selbst hat Abitur gemacht, war angesichts von Corona-Bedingungen wenig motiviert für ein Fernstudium und entschied sich zunächst für eine Maurerlehre. Im Oktober will er sein Studium als Bauingenieur beginnen, aber gleichzeitig als Werkstudent in seiner Ausbildungsfirma weiterarbeiten - eine konstruktive Kombination von Theorie und Praxis und zugleich für seine Firma von Nutzen.

Gaar: »In meiner Generation, auch in meinem Freundeskreis, ist ein Studium fast selbstverständlich. Manche Berufe - Juristen, BWLer, die ganze Medienbranche - haben ein hohes Prestige, das Handwerk überhaupt nicht«. Woran liegt das?

Selbst bei der zweiten Nachfrage betont Gaar, es sei die Abneigung gegen körperliche Arbeit, dagegen »sich die Hände schmutzig zu machen«.

Dem Einwand, es gebe doch viele Studierende, die ihre WG selbst streichen, Umzüge mit Miet-Lkw selbst machen, junge Frauen, die sich Kleider selbst nähen, stimmt Gaar zu: »Das spart Geld und macht sogar Spaß. Aber dann haben sie schon einen bestimmten Weg eingeschlagen. Auch wenn sie später solides Handwerk schätzen, sind sie beruflich anders festgelegt. Für mich bedeutet Handwerk Freiheit. Ich kann mir in vielem selbst helfen oder habe Kumpels, mit denen ich in gegenseitiger Hilfe vernetzt bin.«

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