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Die ständige Suche nach den Traumwelten

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Plakate im Foyer kündigen den Disney-Klassiker Cap und Capper an. Alle ausgewählten Filme werden zeitlich und räumlich auf die Säle zugeordnet. © Myriam Lenz

Das noch relativ junge Lumos-Kino in Nidda muss die Berg- und Talfahrten der Corona-Restriktionen meistern. Wie sich das auf die Filmauswahl auswirkt, erzählt Wolfgang Groß.

Freitag der 13.« war für Wolfgang Groß der Film überhaupt. Ein amerikanischer Horrorstreifen aus dem Jahr 1980 von Sean S. Cunningham. »Ich hatte ihn wirklich toll in Erinnerung gehabt«, erzählt der 59-Jährige. Packend, überraschend, erschreckend bis ins Mark. Kürzlich hatte er sich den Streifen nochmals mit ein paar Jüngeren angeschaut und wurde sich urplötzlich bewusst, dass zwischen seinen Erinnerungen voller Begeisterung und heute über 40 Jahre liegen. »Die jungen Leute haben gekichert«, sagt er etwas verschämt und fügt hinzu: »Die sind heute eine ganz andere Technik gewöhnt. Das kann man heute wirklich nicht mehr anschauen«.

Wolfgang Groß ist im Lumos Lichtspiel und Lounge in Nidda für das Kinoprogramm zuständig. Er arbeitet gerne hier. Vor ihm liegt das Angebot des Verleihs. Circa 350 Einträge stehen über die einzelnen Monate verteilt auf der Liste. Der letzte Filmvorschlag ist für den 16. Dezember 2026 vorgemerkt. Dann soll »Avatar 4« laufen. Groß winkt ab: »Die müssen erst einmal Avatar 2 herausbringen.«

Jede Woche aktualisiert der Verleiher sein Angebot. Einige Filme hat Groß mit einem Stift markiert. Diese werden im Lumos in den nächsten Wochen und Monaten laufen. Groß geht die ersten Seiten durch: »Charlatan ist nichts für uns, das läuft eher in Programmkinos«. Die Komödie »Sing - Die Show deines Lebens« schon eher. Denn schon der erste Teil lief mit Erfolg. »Das ist ein schöner Familienfilm«, sagt Groß. Ab dieser Woche ist »Sing« im Lumos zu sehen. Am 3. Februar kommt »In 80 Tagen um die Welt« auf die Leinwand, am 30. Januar ist bereits die Preview.

Science Fiction ist immer angesagt

Der Science-Fiction-Action Film »Moonfall« von Roland Emmerich mit Halle Berry und Patrick Wilson steht auch auf der Liste, sollte eigentlich schon am 3. Februar anlaufen. Im Foyer des Kinos wirbt bereits ein großer Aufsteller dafür. Allerdings wurde der Start auf den 10. Februar verlegt. Science Fiction ist immer angesagt, die Konfrontation der Menschheit mit fremden Wesen und Galaxien scheint die Seelen nachhaltig zu reizen. Der bekannteste dieses Genres war »Star Wars«. Im Mai 2018 kam mit »Solo: A Star Wars Story« der bislang letzte Ableger in die Kinos. Der Planet ist bereit. Wolfgang Groß weiß das. In Moonfall wird der Mond aus den Bahnen geworfen und steuert im Kollisionskurs auf die Erde zu.

Doch bis dahin werden am ersten und zweiten Montag im Monat besonders friedliche Wesen das Lumos erobern. Zwischen Zeichentrick-Abenteuer und spätere Animations-Meisterwerke ist viel Platz fürs Herz. Was mit Mickey Mouse 1928 begann, wurde seit 1937 mit bisher 57 Stück veröffentlichten Walt-Disney-Klassikern fortgesetzt. Der »König der Löwen«, »Das Dschungelbuch« und »Bambi« sind die Top-Produktionen. »Früher hat sich die ganze Familie auf Walt Disney gefreut«, weiß Wolfgang Groß. Daran will das Lumos nun anknüpfen. Erstmals am 7. Februar wird ein Disney-Classic-Überraschungsfilm gezeigt, und eine Woche später ein weiterer angekündigter Film aus der Disney-Welt präsentiert. Der Montag ist ein ruhiger Tag. Die Pandemie hat zwischenzeitlich zahlreiche Kinos dazu veranlasst, montags und dienstags nicht mehr zu öffnen, weiß Groß von seinen Kollegen.

2015 war allgemein das stärkste Kinojahr, das Geburtsjahr des Lumos Lichtspiel und Lounge. Das Niddaer Kino wurde ab 2017 drei Jahre in Folge von seinen Besuchern und Gästen unter die 100 beliebtesten Kinos deutschlandweit gewählt. 2020 gelang der große Coup: Das Lumos Lichtspiel und Lounge wurde bei der Filmwoche in München mit dem Titel »Deutschlands Lieblingskino« dekoriert. Dann kam Corona und bescherte eine Berg- und Talfahrt. Ab März 2020 war bis 2. Juli komplett geschlossen, im Anschluss wieder unter Einschränkungen erlaubt. Die Vorschriften muteten wie eine schlechte Geschichte an: Um ein Pärchen im Kino mussten in den Reihen davor und dahinter jeweils vier, und rechts und links drei Plätze frei gehalten werden. Was für Verliebte zur verordneten Kuschelzone wurde, schränkte den Verkauf der Kinokarten stark ein, die Regelung musste zudem den Kinobesuchern erklärt werden. »Das war Chaos«, sagt Groß verärgert. Am 1. November 2020 blieb es in den Sälen wieder komplett dunkel. Bis zum 2. Juli 2021. Die Bedingungen waren etwas unkomplizierter, nun war nur ein freier Platz zwischen den Besuchern Pflicht, alle Reihen durften besetzt werden, was sich deutlich auf die Anzahl der Kinogänger ausgewirkt hatte. Von Juli bis 31. Dezember 2021 verkaufte das Lumos trotz Pandemie 61 000 Kinokarten.

Ab 15. Januar 2022 gilt die 2G-plus-Regel für den Einlass. Zudem müssen die Besucher die Maske auch auf dem Sitzplatz während der gesamten Vorstellung tragen. Lediglich während des Essens und Trinkens darf sie kurz abgenommen werden.

Weniger Filme auf Messen gesehen

Die Pandemie hat auch Auswirkungen auf die Auswahl der Filme. Für die Kinomacher sind folgende Events wichtige Termine: Die Münchener Filmwoche wurde in diesem Jahr von Januar auf März verschoben. Die »Filmtheater-Kongress-Messe« in Baden-Baden im April ist die größte Fachmesse im deutschsprachigen Raum. Auch dort werden, sofern sie stattfindet, ein paar Filme oder Sequenzen gezeigt. Im August steht die Filmmesse in Köln und im September die Filmkunstmesse in Leipzig an. Die beiden letzteren waren 2021 die einzigen Ausstellungen rund um das Kino. Die Gelegenheit, Trailer oder Ausschnitte vor den Filmstarts zu sehen, wurde somit deutlich beschnitten. Wolfgang Groß: »Wir haben im vergangenen Jahr viel weniger vorab gesehen.«

Corona wirkte sich auch auf die Kinostarts aus. James Bond nahm dreimal Anlauf, brauste schließlich erst am 30. September in die Kinos. Weltweit wurden Millionen Euro für die Werbung in den Sand gesetzt. Andere Filme wurden gleich gestreamt.

Das große Kinosterben hat bisher jedoch nicht stattgefunden. Die Hilfsprogramme von Bund und Ländern haben demnach gegriffen, lautet eine Schlussfolgerung der Berliner Förderungsanstalt FFA. In Hessen gaben 2020 vier von 130 Kinos auf. Der Umsatz der Kinobranche stürzte in den ersten sechs Monaten 2021 um mehr als siebenundneunzig Prozent auf 6,4 Millionen Euro ab. Auch das Lumos erhielt Hilfen. »Bis jetzt läuft alles gut«, sagt Wolfgang Groß.

Das Auf und Ab ist die Kinobranche gewöhnt. In den 70er Jahren fand ein regelrechtes Kinosterben statt, in den Neunzigern verdrängten die Multiplex-Riesen viele kleinere Spielstätten, sorgten jedoch auch für einen Aufschwung. Dann kam die Digitalisierung. Die Komödie »Fack ju Goehte« war der letzte Film, der parallel zur digitalen Version noch in 35-Millimeter-Format gezeigt wurde, bei dem die Filmstreifen auf einer Kunststoff-Spule aufgewickelt sind.

33 Millimeter ist für Wolfgang Groß Kult

Groß ist seit 45 Jahren im Kino-Geschäft und wird ein wenig wehmütig. »35 Millimeter« ist für ihn Kult. Er greift in eine Kiste Dekomaterial und zieht eine Filmrolle auf. Seit er sechs Jahre ist, haben ihn diese begleitet.

In seiner Heimatstadt, dem rheinland-pfälzische Schifferstadt, hatte seine Mutter ihn samstags und sonntags mit einer Packung Colafläschchen ins Kino gesetzt. »Wenn der Film fertig ist, gehst du zu Oma«, hieß es. Er sah Heintjes »Mein Herz geht auf Reisen« und viele andere Kassenschlager. »Da habe ich Blut geleckt.« Noch als Jungspund wurde er von den Kinoinhabern gefragt, ob er nicht Vorführer werden möchte. Er wollte.

Mit 15 Jahren hatte er diese Prüfung in der Tasche, ist seiner Leidenschaft bis heute treu geblieben und lernte auch die Digitaltechnik schätzen: kein Kratzen mehr, keine Bildstriche. Und die Kinobetreiber können einen beliebten Film gleichzeitig in mehreren Sälen zu zeigen.

Das könnte am 24. Februar bei dem Film »King Richard« mit Golden-Globe-Gewinner Will Smith passieren oder bei »Batman«, der am 3. März ins Kino kommt. »Viele setzen auf diesen Film«, sagt Wolfgang Groß.

Am 26. Mai wird »Top Gun Maverick« zu sehen sein. Und nach seiner Erfahrung mit »Freitag der 13« ist er voll damit einverstanden, dass man auf das Doppelkino verzichtet. Also den Ursprungsfassung wie bei Top Gun oder dem damaligen Horrorstreifen und die modernen Versionen an einem Abend nacheinander zu zeigen.

Pärchenfilme und Kindchenschema

Diesen Sonntag gibt es um 17.30 Uhr den Pärchen-Film »Spencer«, der das Leben von Prinzessin Diana inszeniert. Am Montag, 7. Februar, 16.30 Uhr ist Action und Kindchenschema mit den Disney-Klassikern angesagt. Welcher Film läuft, wird nicht verraten. Montag, 14. Februar, tapsen »Cap und Capper« über die Kinowand.

Am 10. Februar, nicht vergessen, geht es mit »Moonfall« in fremde Galaxien und Sternenwelten - oder einfach zu einem kurzweiligen Abend ins Lumos Lichtspiel und Lounge.

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Wolfgang Groß mit seiner früheren Leidenschaft, dem 35 Millimeter-Film. Im Lumos-Kino Nidda ist der Pfälzer für die Auswahl des Programms zuständig. © Myriam Lenz

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