1. Startseite
  2. Lokales
  3. Nidda

Dark Dirndl: Geschichten, die in Kleidern stecken

Erstellt:

myl_groeszerDarkDirndlD3_1_4c
myl_groeszerDarkDirndlD3_1_4c © Steffen Frühbis

Nicole Friedersdorf fertigt seit über zehn Jahren detailgetreue historische Modestücke. Im Niddaer Schloss, recherchiert und schneidert sie für Museen, Theater und Privatpersonen.

Wer heute das ehemalige Niddaer Amtsgericht betritt, muss nicht mehr befürchten, von einem Richter verdonnert zu werden oder in einer Zelle zu landen. Seit das Ehepaar Friedersdorf 2018 das Schloss-Ensemble erwarb, weht hier ein anderer Wind. Neben ihrer beider Leidenschaft, dem auf historischem Vorbild beruhenden Vollkontakt-Schwertkampf, betreibt Nicole Friedersdorf im ehemaligen Gerichtssaal ein Atelier unter dem Namen »DarkDirndl«. Passend zu dem sinister klingenden Firmennamen ist auch Friedersdorfs Arbeitszimmer eingerichtet. In einer Melange aus präparierten Tieren, Meyers Konversationslexikon und Harry-Potter-Artefakten empfängt sie Kunden und Geschäftspartner. »Ich habe durchaus einen gewissen Hang zum Düsteren«, gibt die jugendlich wirkende Mittvierzigerin augenzwinkernd zu. Ihr ansteckendes Lachen und ihre lebhafte Art heben sich hingegen hell und positiv von der etwas morbiden Kulisse ab.

Ein Erbe: Das Talent zum Schneidern

»Ich kam schon sehr früh in Kontakt mit dem Schneiderhandwerk«, erläutert die gebürtige Offenbacherin die Entstehungsgeschichte ihres Ateliers. »Eigentlich bin ich Autodidaktin. Meine Großmutter war Schneiderin von Beruf, deren Tante wiederum Hutmacherin. Es fiel mir daher nicht schwer, insbesondere während meiner Phase in der Gothic-Szene, individuell gestaltete Kleidung selbstständig anzufertigen. Irgendwann versucht man dann konsequenterweise, das auch beruflich zu machen.«

Auftragsarbeiten und Geschäftsideen kamen über die Jahre hinzu, die Marke »Dark Dirndl« war geboren. »Ursprünglich standen Aufträge von Privatpersonen oder Vereinen im Vordergrund«, erinnert sich die studierte Molekularbiologin an die Anfangszeit. »Da gab es Aufträge zur historisch korrekten Ausstattung von Fanfarenzügen beispielsweise, oder zum Ausstaffieren von Festlichkeiten und Jahrfeiern auf Schlössern und Burgen.«

Private Stammkunden bedient Friedersdorf aktuell nur noch im kleineren Rahmen. »Eines Tages kamen erste Aufträge von Museen hinzu, die unsere Kapazitäten derzeit voll ausschöpfen.«

Die Bandbreite der Aufträge reicht von der musealen Erlebnis-Didaktik bis hin zum Ersatz wertvoller, textiler Originale. Das Dreieichmuseum sowie das Schlossmuseum Weilburg gehörten zu den ersten größeren Auftraggebern.

»Der Auftrag für Weilburg war sehr speziell«, erinnert sich Friedersdorf. Für die Ausstellung »L’esprit de Baroque« rekonstruierte das Team von Dark Dirndl die Barockgewänder von Fürst Johann Ernst zu Nassau-Weilburg und dessen Gemahlin Maria Polyxena.

Verwendung fanden fünf Meter Brokatstoff, drei Meter Seide und drei Meter Spitzenbordüren. »Bei der Reproduktion der Gewänder mussten wir darauf achten, dass sie von heutigen Museumsführern getragen werden können«, erläutert die Geschäftsführerin die Herausforderung. Das Anlegen barocker Gewänder war im 17. Jahrhundert eine langwierige Angelegenheit und bedurfte - inklusive Korsett-Verschnürung - eines kleinen Hofstaats. »Die Museumsführer müssen jedoch in der Lage sein, während ihrer Führungen in zehn Minuten selbst in das Kostüm zu schlüpfen. Wir mussten somit einen Kompromiss aus historischer Korrektheit und ein paar praktischen Zugeständnissen finden.« Verarbeitet werden nach Möglichkeit stets Materialien, die auch in der jeweiligen Epoche verfügbar waren.

Heute arbeiten zehn freie Mitarbeiterinnen aus der ganzen Welt Friedersdorf zu. Kommuniziert wird per Internet- und Videokonferenzen auf Englisch. Jeder hat sein eigenes Fachgebiet. Da gibt es beispielsweise Stickerinnen, Schneiderinnen, Hutmacherinnen, Modistinnen. Oder Spezialistinnen, die sich nur auf das Herstellen von Spitzen und Bordüren konzentrieren.

Jüngster Auftrag kam von der Stiftung Preußischer Schlösser und Burgen, genauer vom Schlossmuseum Oranienburg. Friedersdorf: »Der Auftrag war, die Kurfürstin von Brandenburg, Luise Henriette von Oranien, quasi zum Leben zu erwecken, in dem wir eines ihrer Barockgewänder reproduzieren.« Vorlage war ein mehrere Quadratmeter großes Prunkgemälde aus dem 17. Jahrhundert. Auf die Frage nach dem Preis für eine Auftragsarbeit in diesem Umfang antwortet die Wahl-Niddaerin diplomatisch: »Verhandlungssache. Hochwertige Handarbeit wird tendenziell in den USA, in Frankreich oder England höher wertgeschätzt als hierzulande, was sehr schade ist.«

Wanderausstellung mit 200 Exponaten

Friedersdorf geht mit Dark Dirndl noch einen Schritt weiter. »Im Laufe unserer Kooperation mit verschiedenen Museen stellten wir fest, dass nicht nur der handwerkliche Teil eine Rolle spielt. Viele Ausstellungsmacher lassen sich inzwischen gerne von uns beraten hinsichtlich Museumsdidaktik oder den historischen Hintergründen zu verwendeten Materialien und zeitgenössischen Schnittmustern. ›Museums-Consulting‹ gewissermaßen.« »Story Behind The Dress« nennt Nicole Friedersdorf heute ihr Gesamtkonzept, aus dem sich über die Zeit hinweg eine buchbare Wanderausstellung entwickelte. Mit über 200 Exponaten zeichnet »Story Behind The Dress« den Lebensweg einflussreicher, weiblicher Persönlichkeiten nach. Das Spektrum reicht von Liselotte von der Pfalz über Queen Victoria und Marlene Dietrich bis hin zu Dorothy Levitt, die als erste britische Autorennfahrerin und als Erfinderin des Autorückspiegels gilt.

Besonderheit: Bikini aus der Antike

Ältestes Objekt der Ausstellung: Der rekonstruierte Bikini einer antiken Sportlerin. »Das römische Mosaik, das uns als Vorlage diente, stammt aus dem vierten nachchristlichen Jahrhundert«, vermutet Friedersdorf. »Das Mosaik ist so filigran gestaltet, dass wir sogar den Faltenwurf des Bikinis nachempfinden konnten. Als Material diente uns Leinen, das in römischer Zeit jedoch deutlich feiner gewebt wurde als heutzutage.«

Unter dem Etikett »Schloss-Geflüster« plant Ehepaar Friedersdorf, die Ausstellung im Niddaer Schloss zu präsentieren. Mit Lesungen und Vorträgen zu den historischen Persönlichkeiten will sie die Schau ergänzen. Gerne in der Rolle der portraitierten Damen und in originalgetreuen Kostümen, versteht sich.

Auch interessant