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Aussicht für das Kurwesen: Wolkig bis düster

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Das neue Gradierwerk in Bad Salzhausen ist nicht nur ein touristischer Anziehungspunkt, sondern auch Anlaufstelle für viele Gesundheitsbewusste. © Myriam Lenz

Die Prognosen für die Kurorte sind düster und frustrierend, sagt der Verband der Hessischen Heilbäder und fordert mehr finanzielle Unterstützung vom Land. Wie steht es um Bad Salzhausen?

Als düster und frustrierend bezeichnet der Vorsitzende des Hessischen Heilbäderverbandes, Michael Köhler, die Aussichten für die hessischen Kurorte. »Die Umsatzausfälle sind enorm und führen dazu, dass die Finanzierung der kurspezifischen Infrastruktur immer fraglicher wird.« Der Verband vertritt 30 Heilbäder und Kurorte in Hessen. Darunter auch Bad Salzhausen.

Rund 891 Millionen Euro Verlust durch Umsatzausfälle mussten die Heilbäder und Kurorte in Hessen verkraften - das allein 2020. Das zeigt eine Studie des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts (DWIF) zum Wirtschaftsfaktor Kur und Tourismus auf, die der Hessische Heilbäderverband in Auftrag gegeben hat.

Größtes Sorgenkind sind die Thermen

Das größte »Sorgenkind« der Heilbäder und Kurorte seien nach wie vor die Thermen. »Die schrittweise Öffnung der Thermen war ein wichtiger und richtiger Schritt, denn gerade ältere Menschen brauchen die Bewegung im warmen Wasser«, bringt Vorsitzender Köhler zum Ausdruck. Doch wirtschaftlich gesehen sei die Öffnung der Thermen mehr als fragwürdig. Die Anzahl der Besucher war stark begrenzt, die Anforderungen durch die Hygienekonzepte dagegen sehr hoch.

»Die Kompetenz-Zentren für Vorsorge, Rehabilitation und medizinische Versorgung brauchen mehr denn je finanzielle Unterstützung«, macht Köhler deutlich.

Der aktuelle finanzielle Ausgleich des Landes sehe für die 30 Heilbäder und Kurorte zwar in den Jahren 2020, 2021 und 2022 jeweils zusätzliche fünf Millionen Euro vor. »Diese Mittel werden jedoch nicht ausreichen, um die Löcher zu stopfen, geschweige denn die Infrastruktur weiterzuentwickeln«, sagt Köhler und fordert, dass die finanziellen Hilfen des Landes von fünf Millionen Euro dauerhaft eingerichtet und ein Investitionsprogramm aufgelegt werden. »Nur so können die Heilbäder und Kurorte in Hessen konkurrenzfähig bleiben.«

Drei wichtige Lebensadern der Kurorte würden extrem unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie leiden.

So konnten zahlreiche Kliniken 2020 und 2021 nicht ausreichend belegt werden, um eine Kostendeckung herbeizuführen. Die Patienten mussten zeitweise tagelang wegen Corona in den Häusern bleiben, weitere Umsätze im Ort konnten also nicht erzielt werden.

Die Branchen Hotellerie und Gastronomie stehen laut Heilbäderverband vielerorts durch die langen Schließungszeiten und den Besucherrückgängen vor einem Scherbenhaufen. Eine Situation, die gerade im ländlichen Raum auch in den nächsten Jahren nicht zu heilen sei. Gleiches gelte für den Einzelhandel.

Übernachtungen gehen zurück

Die Übernachtungszahlen für Bad Salzhausen sprechen eine deutliche Sprache: 2019 nächtigten noch 112 510 Gäste in dem kleinen Niddaer Kurort. 2020 sank diese Zahl auf 84 174. Im Jahr 2021 waren es bis Oktober 69 895 Übernachtungen.

Die Anzahl der Gäste, die 2020 und 2021 die Justus-von-Liebig-Therme besuchten, bewegt sich in etwa auf dem Niveau der Vorjahre. 2020 waren es 42 743, es wurden 410 Dauerkarten verkauft. 2021 waren es sogar mehr, 43 509 Besucher wurden gezählt, 789 Dauerkarten veräußert. Die Höhe des Defizits der Therme will die Verwaltung zunächst dem Magistrat bekannt geben.

Auch Nidda bekam einen Anteil von fünf Millionen des Landes. 2020 erhielt die Stadt eine Finanzspritze von etwa 56 000 Euro, 2021 bekam Nidda 121 480 Euro als Corona-Ausgleich. Hinzu kamen die sogenannten November- und Dezember-Hilfen für geschlossene Betriebe von zirka 60 000 (Nov. 2020) und 70 000 Euro (Dez. 2020), die größtenteils der Therme zuzuordnen sind. »Generell ist ja alles, was das Defizit mindert, wertvoll«, sagt Bürgermeister Hans-Peter Seum. »Wir sind für jede Hilfe dankbar gewesen.«

Im Verhältnis zum Gesamtdefizit der Justus-von-Liebig-Therme unabhängig der Pandemie von jährlich rund einer Million Euro, scheint der Betrag in einem übersichtlichen Verhältnis. Das Minus durch Corona sieht der Rathauschef relativ. »Durch Einsparungen sind wir während der Pandemie nicht in einen so großen Defizitbereich wie andere gerutscht.« Durch die zeitweilige Schließung wurden auch die Kosten deutlich gesenkt. Die Gesamtsituation sei jedoch eine andere, fügt der Rathauschef hinzu.

Bewusst stellte der Heilbäderverband in seiner Studie die Jahre 2019 und 2020 nebeneinander. Geschäftsführerin Almut Boller erklärt, warum. »Damit wird deutlich, wie facettenreich die wirtschaftlichen Effekte des Kur- und Bäderwesens sind und warum es so wichtig ist, dass Politik und Gesellschaft in die Kurzentren investieren.« Die Heilbäder und Kurorte gaben allein mit ihren Kernaufgaben 2019 rund 38 000 und 2020 rund 23 500 Menschen Arbeit.

In Bad Salzhausen sind es in der Regel zirka 400 Arbeitsplätze, die durch die vier Kliniken, die Ärzte, andere Gesundheitseinrichtungen und die Gastronomie bestehen.

Doch die in die Jahre gekommene Therme steht auch ohne Corona im Dauer-Fokus der Entscheider. Ob sich die Stadt eine Therme leisten könne, müsse politisch diskutiert werden, sagt Seum: »Verschiedene Studien zeigen: Die Therme ist ein Ankerpunkt in Bad Salzhausen und für den Kurort wichtig. Man muss schauen, wie man die Kosten reduziert.«

Das Gradierwerk und der Kurpark in Bad Salzhausen seien in der Pandemie von noch deutlich mehr Besuchern angesteuert worden. Auch aus gesundheitlichen Gründen. Das gelte ebenfalls für die Therme.

Gespräche in alle Richtungen

Der städtische Therapiebereich in der Justus-von-Liebig-Therme lief während der Pandemie weiter, die Nachfrage ist laut Seum hoch. Im Stadtparlament wurde auch eine mögliche Privatisierung diskutiert. »Der Therapiebereich ist wichtig für den Kurort. Wir sind in allen Richtungen in Gesprächen. Die Privatisierung ist eine von vielen Möglichkeiten«, sagt Seum und betont, dass noch nichts konkret sei.

Wie schätzt der scheidende Bürgermeister die Aussichten für Bad Salzhausen ein? Für Seum hat die Pandemie nicht nur Negatives gehabt, sondern gezeigt, was die Stadt an Infrastruktur brauche. »Die Menschen haben die Heimat wieder schätzen gelernt«.

Von Bad Salzhausen gelange man zu etlichen Ausflugszielen in der Nähe wie zum Beispiel den Steinbruch Michelnau, den Hoherodskopf, man sei schnell in Büdingen oder auch in der Keltenwelt. »Daher spielt der Kurort eine wichtige Rolle.«

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