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Himbachs Fachwerkhäuser - alt, aber voller Lebensqualität

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Bei einer zweiten Sanierung mussten Ulrike Melzer-Egold und ihr Mann die Fehler der ersten Sanierung in den 80er Jahren beseitigen, wie sie den Rundgangteilnehmerinnen und -teilnehmern berichten. FOTOS: POTENGOWSKI © Oliver Potengowski

Der Erhalt historischer Bausubstanz erfordert viel Einsatzbereitschaft und Aufwand, gibt aber mindestens ebenso viel zurück, wie ein Rundgang im Himbach zeigt.

F achwerkhäuser prägen in den Ortskernen der Region das Straßenbild. Damit die historische Bausubstanz erhalten bleibt und wo nötig restauriert wird, braucht es engagierte Eigentümer. Bei einem Rundgang durch Himbach und Gesprächen mit Hausbesitzern wirbt Gustav Jung, Vorsitzender des Denkmalbeirats, dass dieses Engagement auch mehr Lebensqualität bringt.

Der typische Hof in der Wetterau besteht aus einem zweistöckigen Fachwerkhaus, dessen Giebelseite zur Straße weist, und einer Scheune, die hinten quer im Hof steht. Zahlreiche solcher Höfe prägen Himbachs Ortsdurchfahrt. Dabei diente nicht nur die Scheune zum Einlagern der Ernte. Auch die Dachböden waren dafür konstruiert, erläutert Jung. Dabei gingen die Bauern im Wortsinne rustikal vor und hätten die Statik der Häuser bis an die absolute Grenze belastet. »Wir haben immer so lange Frucht draufgeladen, bis die Stocktür klemmte«, zitiert Jung einen Landwirt.

Neue Konzepte für alte Häuser

Inzwischen nutzt man viele der Gehöfte längst nicht mehr landwirtschaftlich. Um sie zu erhalten, müssen neue Konzepte her, wie neues Leben in die Gebäude einziehen kann. Ein positives Beispiel, die Kulturscheune auf dem ehemaligen Hof Paul, stand am Beginn und Ende des Rundgangs. Rund 580 000 Euro habe die Gemeinde in Sanierung und Umgestaltung investiert, sagt Bürgermeister Adolf Ludwig. Dazu erhielt sie 140 000 Euro Zuschuss aus dem Leader-Programm.

Kulturscheune und das ebenfalls sanierte historische Rathaus sind zentrale Bausteine des Ortsbilds. Jung lobt, dass Himbach auch durch den Dorfladen, in den die Gemeinde 300 000 Euro investierte (120 000 Euro Leader-Zuschuss), eine außergewöhnlich gute soziale Infrastruktur hat. Abgerundet und ergänzt werden Ortsbild und Lebensqualität durch viel Privatinitiative. Hinter der Dorflinde beim Backhaus etwa hat Renate Schmidt eine Straußwirtschaft eingerichtet. Bei Ludwig rannte sie offene Türen ein.

Vor dem Hof bleibt Jung stehen und macht die Rundgangteilnehmer auf ein niedriges, einstöckiges Haus aufmerksam. Ludwig erläutert, dass es ein Landarbeiterhaus sei, in dem Arbeiter aus dem Raum Fulda übernachtet hätten. Solche Gebäude seien wichtig für das Ortsbild aber andererseits durch Effizienzüberlegungen gefährdet, sagt Jung. »Warum soll man das erhalten, da könnte man gut zwei- oder eineinhalbgeschossig bauen.«

Während des Rundgangs macht er darauf aufmerksam, dass viele Fachwerkwände, die man heute sehen kann, ursprünglich verputzt waren. Die Erbauer hätten versucht, ihren Häusern das Aussehen von Steinhäusern zu geben. Ein Beispiel dafür ist das historische Rathaus. Neben den fehlenden Schmuckelementen sind die Beilspuren an den Balken, damit der Putz besser hält, ein deutliches Zeichen.

Wichtig für den Erhalt des Fachwerks sei der Feuchtigkeitshaushalt des Holzes. An einem frisch sanierten Haus zeigt er, dass der Putz auch am Schwellbalken nicht komplett anschließt, damit der Balken abtrocknen kann. Von dieser Problematik berichtet Kerstin Melzer-Egold. Der Hof, den sie mit ihrer Familie bewohnt, wurde nach dem Kauf 1987 schon einmal saniert. Dabei strich man die Balken mit Kunstharzfarbe und dichtete sie mit Silikon ab, um zu verhindern, dass Wasser eindringt. Weil trotzdem Feuchtigkeit ins Holz gelangt und durch die dichte Oberfläche nicht abtrocknen kann, beginnt das Holz zu faulen. Inzwischen hat das Haus deshalb eine zweite Sanierung hinter sich. »Das ist eine ewige Baustelle«, stellt Melzer-Egold fest. Im Laufe der Jahre haben sie und ihr Mann immer neue Vorstellungen und Projekte entwickelt. Als nächstes soll ein Windfang vor die Eingangstür. »Das Wichtigste bei einem alten Haus ist Geduld«, ergänzt Jung. »Es muss nicht alles perfekt sein.«

Die Bestätigung liefert Corinna Pockrandt, die mit ihrem Mann einen der größten Höfe des Dorfes saniert. »Wir sind jetzt seit zwölf Jahren dran und haben drei Räume fertig«, berichtet sie. »Jetzt sind die nächsten beiden dran.« Weil sich die Kosten so über einen langen Zeitraum verteilen und ebenso durch viel Eigenleistung bleibt das Projekt für die junge Familie bezahlbar.

Gegenüber hat sich Ulrike Meergans mit ihrem Mann eine Reihe von Träumen in einem Fachwerkhof aus dem 18. Jahrhundert erfüllt. Und das gleich zweimal. Denn nach der ersten Sanierung brannte das Gehöft 2004 nahezu vollständig nieder. Das Ergebnis der zweiten Sanierung lässt alle Teilnehmer des Rundgangs bewundernd staunen und zeigt, wie viel Kreativität und Lebensqualität in alten Gemäuern möglich ist.

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Das Landarbeiterhaus unter der Dorflinde stellt nun einen wichtigen Teil des Ortsbildes dar. © Oliver Potengowski
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Viel Bewunderung bekommt Ulrike Meergans für die gemütliche Atmosphäre, die sie gemeinsam mit ihrem Mann in ihrem Fachwerkhaus geschaffen hat. © Oliver Potengowski

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