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Angeklagter und Kronzeuge in einem

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Um Drogenhandel in erheblichem Umfang geht es bei einem Prozess, der aktuell vor dem Gießener Landgericht verhandelt wird. Der Angeklagte tritt jedoch gegenüber seinem früheren Dealer als Kronzeuge auf, weshalb er auch eine neue Identität erhielt. © IMAGO/SHOTSHOP

Wegen Drogenhandels steht ein früher in Limeshain wohnender Mann vor dem Gießener Landgericht. Weil er als Kronzeuge auch gegen Hintermänner auftritt, erhielt er eine neue Identität.

W egen Handelns mit Rauschgift in nicht geringer Menge eröffnete das Landgericht Gießen in dieser Woche das Verfahren gegen einen 35-jährigen Mann, der zum Tatzeitpunkt in Limeshain wohnte. Jetzt lebt der Angeklagte mit neuer Identität an einem für die Öffentlichkeit unbekannten Ort, weil er ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde, was allein widerspiegeln mag, welch außergewöhnlicher Prozess vor der 2. Großen Strafkammer derzeit stattfindet.

Denn der Beschuldigte, der als freier Mann dem Geschehen beiwohnt, hat als Belastungszeuge gegen Hintermänner der internationalen Bandenkriminalität große Bedeutung. Staatsanwältin Mareen Fischer wird deswegen nach eigenem Bekunden noch darlegen, ob sie aufgrund der besonderen Statussituation des Tatverdächtigen auf eine Haftstrafenforderung gegen ihn beharren wird.

Konsum penibel dokumentiert

Als im März dieses Jahres vor dem Gießener Landgericht das Urteil gegen ein »Rauschgift-Pärchen« aus Nidda mit mehr als sechs Jahren Haft für den Mann und über vier Jahren für die Frau gesprochen wurde, da war der Polizei durch deren Verhaftung ein Riesenschlag gegen die Rauschgiftszene im hiesigen Raum gelungen, was sich auch beim aktuellen Verfahren zeigt. Das Paar fungierte im Reigen der verschiedenen Funktionsträger einer kriminellen Kette zwar nur als Bunker-Halter, das große Mengen an Rauschgift zwischenlagerte, doch im Abnehmerkreis befanden sich offenbar Dealer, die im oberen Bereich des Milieus angesiedelt waren und keineswegs in der »Kreisliga« spielten.

Von einem solchen Dealer, dem die Polizei so auf die Spur kam, hat offenbar auch der jetzt Beschuldigte seinen Stoff bezogen. Das Pech für die Organisation: Der aktuell Angeklagte war offenbar ein recht penibler Abnehmer von Cannabis und Kokain, das er selbst in hohem Maß konsumierte, es aber auch gewinnbringend weiterverkaufte, wie er jetzt vor Gericht aussagte. Dieser recht große Kundenkreis in Wetterau- und Main-Kinzig-Kreis hat im Zuge der Aussage des 35-Jährigen jetzt ebenfalls ein Problem. Insbesondere aber jener Zeitgenosse, der dem Beschuldigten den Stoff zukommen ließ. Denn der Abnehmer führte haargenau Buch über die illegale Ware, die er bezog, trug Mengen und Preise ein sowie Namen der Käufer, sodass der Polizei, die den Mann im Juni 2020 festnahm, ein Schriftstück in die Hand fiel, das aus ermittlungstechnischer Sicht ein Volltreffer war.

Voll geständiger Beschuldigter

Der Beschuldigte zeigte sich vor Gericht in allen Anklagepunkten voll geständig, nannte auch Hintergründe, wenn er von Jost Holtzmann danach gefragt wurde. Der Vorsitzende Richter der 2. Großen Strafkammer führte seinen Job mit großer Achtsamkeit aus, wies den Beschuldigten immer wieder darauf hin, dass er auf gar keinen Fall etwas sagen darf, was Rückschlüsse auf seine neue Identität preisgeben könnte.

Insofern entpuppte sich das gesamte Verfahren als schmaler Grat zwischen notwendiger juristischer Aufarbeitung hinsichtlich eines mutmaßlichen Gesetzesbrechers einerseits und andererseits der Berücksichtigung dessen, was dieser Mann an Mut und Rückgrat aufbringen muss, um als wichtiger Zeuge in anderen Verfahren auszusagen.

Nach seiner Verhaftung war der Beschuldigte zunächst in Untersuchungshaft genommen worden, was aber später außer Vollzug gesetzt wurde, nachdem sich der Mann kooperativ zeigte. Dieser war in Nidderau groß geworden, lebte dort in verschiedenen Ortsteilen und kannte sich bestens aus in Wetterau und Main-Kinzig. Seinem gelernten Beruf als Koch ging er bei diversen Arbeitgebern nur jeweils kurzzeitig nach, »denn nach einem Jahr wurde mir das zu eintönig, weil es immer das gleiche Gedöns war«. Mit 16 Jahren rauchte er erste Joints, mit 21 nahm er erstmals Kokain. Später wurde es zusehends mehr. 2014 versuchte er eine Entgiftung, doch das schlug letztendlich fehl.

Den Dealer, der ihn später mit großen Mengen Betäubungsmitteln versorgen sollte, lernte er bei der Arbeit kennen. Es entstand ein Vertrauensverhältnis. Richtig ins Geschäft sei er gekommen, weil ein Kumpel, der bei ihm wohnte, beim Umgang mit dem Stoff nichts auf die Reihe bekam, sodass er selbst quasi für ihn einsprang. Und das richtig. Wie Richter Holtzmann aufgrund vorliegender Unterlagen addieren konnte, setzte der Beschuldigte in den Jahren 2019 und 2020 bis zu seiner Festnahme über 150 000 Euro an Rauschgift um, bis zum nächsten Verhandlungstag möge der Angeklagte einmal dazurechnen, wie viel 2018 anstand.

Mehrere Kurierfahrer

Über seinen Lieferanten wusste der Beschuldigte einiges, etwa dass dieser fünf Kurierfahrer beschäftigte, die den Kunden ihren bestellten Stoff aushändigten. »Diese fünf waren alle clean, da hat keiner irgendwas an Rauschgift zu sich genommen.« Ausgangspunkt von Lieferungen sei ein Onkel des Großdealers in Spanien gewesen, der auch mit Waffen gehandelt haben soll. Da fällt zwangsläufig auf, dass einst im Prozess gegen das Pärchen aus Nidda bei einem Großfund von Rauschgift auch zwei Faustfeuerwaffen mit Schalldämpfern eine Rolle spielten, die im Verfahren aber keine richtige Zuordnung fanden. Nach dieser Aussage schaut das etwas anders aus. Was aufzeigen mag, dass der Beschuldigte in recht großem Bereich viel zur Wahrheitsfindung beitragen kann. Er ist zwar ein freier Mensch, aber im Hintergrund scheint offenbar auch die Polizei für seine Sicherheit zu sorgen.

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