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Noch bewirbt die Stadt Büdingen ihren Weihnachtsmarkt. Ob er wirklich stattfindet, entscheidet der Magistrat in seiner Sitzung am Donnerstag.

Weihnachtsmarkt

»Gesundheit geht vor Kommerz«: Büdinger Weihnachtsmarkt wohl vor der Absage

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Der Weihnachtsmarkt in Büdingen wird auch im zweiten Pandemie-Winter aus dem Kalender wohl gestrichen. Die endgültige Entscheidung fällt der Magistrat in seiner Sitzung am Donnerstag.

Warnungen und Appelle aus der Wissenschaft und Medizin gab es monatelang. Die steigenden Zahlen, die vierte Corona-Welle, Krankenhäuser an ihren Belastungsgrenzen - es sind beileibe keine Überraschungen. Trotzdem wähnten sich weite Teile der Gesellschaft in Sicherheit. Ausverkaufte Fußballstadien, volle Tanzflächen und zuletzt enthemmtes Treiben beim Straßenkarneval ließen viele Menschen wieder an eine normale Welt glauben.

»Die Läden sind offen, der Büdinger Weihnachtszauber wird stattfinden - juhu. Wir gehen normalen Zeiten entgegen«, heißt es im Vorwort der aktuellen Ausgabe des Büdinger Magazins »Stadtleben«, mit dem sich Tanja Kolb, die Vorsitzende des Gewerbe- und Verkehrsvereins, an die Leser wendet. Und noch in der Vorwoche berichtet Erste Stadträtin Henrike Strauch (SPD), dass der Markt stattfinden wird, stellt dem Parlament das Hygienekonzept der Veranstalter vor. Am selben Tag meldet das Robert-Koch-Institut mit über 50 000 Neuinfizierten einen Rekord. Längst ist klar, dass Volksfeste wie der Büdinger Weihnachtsmarkt, der für die ersten fünf Tage im Dezember geplant ist, nicht zu halten sein werden.

Bürgermeister mit klarer Haltung

»Ich werde mich im Magistrat dafür aussprechen, den Markt abzusagen. Einerseits laufen wir sonst Gefahr, neuer Corona-Hotspot zu werden. Andererseits trage ich die Verantwortung für die Gesundheit meiner Verwaltungsmitarbeiter, der Leute vom Bauhof und der Rettungskräfte der Feuerwehr«, erklärt Büdingens Bürgermeister Erich Spamer am Dienstag auf Nachfrage dieser Zeitung. Er geht davon aus, dass die Stadträte, die am Donnerstag tagen, seiner Empfehlung nachkommen. Mit seinen Rathauskollegen habe er sich schon besprochen.

Einer, der vor dem Hintergrund der pandemischen Entwicklung seine Bedenken bereits der Verwaltungsspitze mitgeteilt hat, ist Stadtbrandinspektor Stephan Naumann. »Es gibt fast täglich Einsätze, die wir nicht vermeiden können. Der Markt sowie der damit verbundene Brandsicherheitsdienst an allen Tagen sind in Zeiten von Corona aber sehr wohl vermeidbar«, sagt der Feuerwehrchef. Er äußert es nicht direkt, man merkt aber, dass er seine Leute nur ungern zur Arbeit auf den Markt schicken will. »Wenn wir müssen, stehen wir zur Verfügung, keine Frage.« Die Einsatzkräfte würden sich dann aber eher im Hintergrund aufhalten. In der Feuerwehr seien zwar fast alle geimpft. Angesichts steigender Zahlen und Impfdurchbrüche wäre es Naumann aber lieber, niemanden in die Altstadt schicken zu müssen.

Reaktionen aus der Neustadt

Hinter den Sandsteinmauern sind die Menschen ohnehin sensibel. Vor allem nach dem Hochwasser zu Jahresbeginn vertritt das Gros eine klare Haltung. »Gesundheit geht vor Kommerz«, sagt Helga Fink, Inhaberin des Geschenkartikel-Lädchens »Pünktchen« in der Neustadt. »Büdingen wird zum Hotspot, sollte der Weihnachtsmarkt stattfinden.« Sie appelliert an die Vernunft und spricht auch für die Geschäftsleute der Stadt, wenn sie sagt: »Für den Einzelhandel ist die Absage des Marktes besser, da sonst die Kunden nicht kommen.« Die Geschäftsfrau wisse von der Kundschaft, dass sie kein Verständnis dafür aufbringe, sollte in der engen Büdinger Altstadt Markt gefeiert werden«, so Fink. »Wer das Gegenteil behauptet, verkennt die Realität.« Das Hygienekonzept könne noch so ausgeklügelt sein. Leute seien dicht beieinander, der freundschaftliche und familiäre Bummel funktioniere nicht ohne Nähe. »Für das Virus sind das Festtage, nicht für die Marktbesucher und uns Geschäftsleute.«

Verweis auf Gelnhausen

Ähnlich sieht das auch Stefanie Kleta-Schubert vom Juwelier Gebrüder Türck direkt gegenüber. »Andere Städte hatten bestimmt auch gute Hygiene- und Sicherheitskonzepte. Dennoch haben sie bereits ihre Märkte abgesagt.« So wie ihr geht es vielen Büdingern. »Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Die Stadt hat einen so schönen Markt. Wir haben uns alle darauf gefreut.« Weil aber losgelöste Stimmung, Emotionen, eine Umarmung lange nicht gesehener Freunde, das Gedrängel und das Verweilen am Glühweinstand in einer Runde, die immer größer wird, für Stefanie Kleta-Schubert dazu gehören, kann sie gut verstehen, dass Märkte wie der in Gelnhausen nicht stattfinden.

Der Magistrat der Barbarossa-Stadt hat bereits am 9. November entschieden, den für das dritte Adventswochenende geplanten Weihnachtsmarkt abzusagen. »Wir bedauern das sehr. Aber wir können eine solche Veranstaltung angesichts der hohen Inzidenzen nicht verantworten«, erklärt Bürgermeister Daniel Christian Glöckner als Vorsitzender des Gremiums.

Kommentar: Alles andere wäre fahrlässig

Gewiss, die Absage des Weihnachtsmarktes wäre schmerzhaft. Der Gesellschaft würden unbeschwerte Festtage mit der Familie, mit Freunden und der Nachbarschaft zum Ende eines Jahres, das in Büdingen mit dem verheerenden Hochwasser begonnen hat, sicher guttun. Den Geschäften wäre der Umsatz zu gönnen, genauso den Marktbeschickern, den Vereinen und der städtischen Kulturlandschaft, die gerne ein Signal senden würden, das Hoffnung auf bessere Zeiten macht. Doch das einzige Signal, das angesichts der angespannten Corona-Lage, die sich in Teilen Deutschlands zum Drama entwickelt, gesetzt werden muss, lautet: Menschenansammlungen müssen unter allen Umständen vermieden werden.

In Zeiten steigender Neuinfektionen, in denen Menschen Abstandsgebote aufgebürdet werden, in denen Kommunikation in vielen Lebensbereichen nur mit Maske funktioniert und in denen das Gesundheitssystem abermals an seine Grenzen stößt, braucht es klare und vernünftige Entscheidungen. Veranstaltungen, die Leute gezielt und in Scharen anlocken und zumal in einer Altstadt zwangsläufig für Gedränge sorgen, sind mit der Pandemie nicht vereinbar. Da verbieten sich auch Kompromisse, etwa ein Markt, den ausschließlich Büdinger besuchen dürfen. Das wäre provinziell und naiv zugleich.

Bürgermeister Erich Spamer hat die Richtung vorgegeben. Alles andere als eine Absage des Weihnachtsmarktes wäre fahrlässig.

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