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Wetterauer Familie über steigende Kosten: »Wir rechnen jetzt genauer«

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Bisher sorgte ihre Finanzplanung für Sicherheit. Explodierende Preise lassen auch Cindy und André Kaltenschnee mit ihren Töchtern Pia (oben) und Mara sowie Hündchen Banu nun genauer rechnen. © Judith Seipel

Mit steigender Inflation schwindet so manche Gewissheit. Die vom guten Leben zum Beispiel. Wie kommt man bei den Preisen über den Winter? Auch Familie Kaltenschnee aus Gedern rechnet jetzt genauer.

Eigentlich sind wir zuversichtliche Menschen. Wir nehmen es, wie es kommt. Wenn es ein Problem gibt, dann finden wir dafür auch eine Lösung«, sagen André und Cindy Kaltenschnee. Seit Wochen aber kommt es auch für die größten Optimisten knüppeldick. Unternehmen, Landwirtschaft, Privathaushalte - alles ächzt unter der Kostenexplosion. Die Inflation stieg im August auf 7,9 Prozent, der Gaspreis schießt weiter in die Höhe, der Liter Benzin kostet wieder über zwei Euro. Was kommt da noch?

Ohne zweites Auto geht es nicht

Die Kaltenschnees sind eine Familie wie viele andere in diesem Land. Nicht reich, nicht arm, strebsam und zufrieden mit ihrem Leben, das sich um die beiden Töchter Pia und Mara dreht, zu dem ein großer Freundeskreis gehört und in dem Tischtennis eine wichtige Rolle spielt. André, im Sommer 40 Jahre alt geworden, ist Schweißer und arbeitet in Altenstadt in der Metallindustrie. Cindy, 33, ist Sozialpädagogin und hat eine Stelle als Schulsozialarbeiterin an der Hugo-Buderus-Schule in Hirzenhain. 16 Stunden wöchentlich, daneben wuppt sie den Familienalltag.

Vor dem Häuschen, das die Familie 2015 in Gedern gekauft hat und das sie noch abbezahlen muss, stehen zwei Autos, ohne die es in der östlichen Wetterau nicht geht, wenn beide Eltern außerhalb arbeiten, die Kinder zum Arzt oder zum Training müssen. Die acht Jahre alte Pia und die siebenjährige Mara, zwei aufgeweckte Mädchen, besuchen die Grundschule in Gedern. Hündchen Banu, ein Chihuahua, macht die Familie komplett. In den Sommerferien haben die Kaltenschnees Urlaub in der Türkei gemacht.

Alles also ganz normal. Jetzt aber könnte auch ihr bescheidener Wohlstand brüchig werden.

»150 Euro, das ist mein Budget für den Wocheneinkauf«, sagt Cindy Kaltenschnee. »Bisher bin ich mit 100 bis 120 Euro ausgekommen. Jetzt sind die 150 Euro weg.«

Die Ersparnis hat sie zuvor beispielsweise in Trainerstunden für Pia investiert, die erfolgreich in der Hessenliga Tischtennis spielt und gerade zu einer Talentsichtung des Deutschen Tischtennis-Bundes eingeladen wurde.

Pias Sport nimmt breiten Raum ein im Familienalltag, sowohl zeitlich als auch zunehmend finanziell. Wöchentliche Trainingsfahrten nach Bad Soden-Salmünster und regelmäßig zu Lehrgängen irgendwo in Hessen schlagen bei Spritpreisen von zwei Euro und mehr ordentlich zu Buche. »Es gibt Wochenenden, da fahren wir Samstag und Sonntag jeweils 100 Kilometer zu einem Turnier«, sagt der Vater.

Nun sind die Kaltenschnees keine überambitionierten Eltern, die ihre Kinder vor sich hertreiben. »Pia ist ehrgeizig und hat Talent, und das unterstützen wir gerne, solange sie das möchte«, sagt André Kaltenschnee, der selbst seit seiner Jugend Tischtennis spielt. »Bei mir gab es keine Förderung. Dafür war nie Zeit.« Pia soll es da besser haben. Gerade hat sie neue Turnschuhe gebraucht. »100 Euro. Wir hoffen, dass sie dieses Mal länger passen als ein paar Monate«, sagt ihre Mutter. Gespart wird an anderer Stelle, etwa bei der Kleidung für die Mädchen. »Ich kaufe vieles secondhand und verkaufe Sachen, die zu klein geworden sind, auch wieder. Das läuft gut.«

Nicht verhandelbar ist das, was auf den Tisch kommt. »Wir legen Wert auf Qualität und Frische, schon allein wegen der Kinder«, so Cindy Kaltenschnee. Die Butter mache sie jetzt selbst. Und der Garten hinterm Haus, der ohnehin neu gestaltet werden soll, wird ein Gemüsebeet erhalten.

Gasheizung auf Sparflamme

»Sonntags sind wir öfter mal zum Essen gegangen oder haben uns etwas nach Hause bestellt, das machen wir jetzt nicht mehr«, räumt der Familienvater ein. Auch Stadionbesuche haben die Eintracht-Fans gestrichen. »Dafür haben wir ein Sky-Abo und DAZN, das ist unter dem Strich billiger.«

Heizen werden sie ihr Energiesparhaus im Winter mit zwei Öfen. Die Gasheizung läuft auf Sparflamme und nur für das Warmwasser. Ansonsten sind es die kleinen Dinge, die sich läppern sollen: Licht ausschalten, kein Stand-by-Modus für Elektrogeräte, Ladekabel ziehen…

Bisher haben die Kaltenschnees es mit ihrer Finanzplanung und regelmäßigem Sparen geschafft, Anschaffungen zu tätigen, Arbeiten am Haus vorzunehmen und in der Freizeit unterwegs zu sein. Cindys Großeltern leben im 450 Kilometer entfernten Dresden. »Ich weiß nicht, ob wir dort noch mehrmals jährlich hinfahren können.« Sollte es eng werden, fällt der nächste Sommerurlaub unter den Tisch. Abwarten. »Leben wie ein Hund möchte man ja auch nicht.«

Vergleich zu 2021

Die Teuerungsrate kratzt wieder an der 8-Prozent-Marke. Nach zwei Monaten mit rückläufigen Werten sprang sie im August auf 7,9 Prozent. Seit Monaten sind Energie und Lebensmittel die größten Inflationstreiber. Im August kosteten Heizöl, Kraftstoffe und Strom vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zufolge in der Summe 35,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Auch Nahrungsmittel verteuerten sich mit 16,6 Prozent überdurchschnittlich. dpa

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