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»Wesentlicher Teil meines Lebens«

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Edgar M. Böhlke liest in Gedern nicht nur Werke der Gruppe 47, sondern spricht auch die Streitigkeiten und Rivalitäten an. © Elfriede Maresch

Gedern (em). Vor Kurzem jährte sich zum 75. Mal das Gründungstreffen der legendären Gruppe 47 am Schwangauer Bannwaldsee. Ursprünglich war es als Redaktionskonferenz für eine neue literarische Zeitschrift geplant, entwickelte sich dann aber zu einem Vorlese- und Diskussionsforum für unveröffentlichte Texte vorwiegend junger Autoren. Es war die Geburtsstunde einer Vereinigung, die in die Literaturgeschichte Deutschlands eingegangen ist und fast 20 Jahre lang die Nachkriegsliteratur beeinflusste.

Bestand sie aus »Banausen und Nichtskönnern«, wie es einst Bundeskanzler Ludwig Erhard formulierte, oder gelang diesem Forum das »Wiederfinden der Sprache nach zwei Jahrzehnten Sprachverwüstung«, wie ihr Initiator Hans Werner Richter es betonte? Die Vorsitzende der »Kulturfreunde Galerie am Alten Markt«, Dörte Herrler, konnte jetzt als Zeitzeugen den Schauspieler Edgar M. Böhlke zu einer Lesung in der voll besetzten Kulturremise begrüßen.

Lebhafte Erzählungen

Böhlke, Jahrgang 1940, erzählte lebhaft von seinen Begegnungen mit der Literatur in der Nachkriegszeit und der Jahrhundertmitte. So gelang eine dichte authentische Skizze. Am Gymnasium Gunzenhausen waren Böhlke und seine Mitschüler noch der vom Dritten Reich geprägten Lehrergeneration ausgesetzt, die »stramme Kerle« aus ihnen machen wollte. Aber: »Da kamen die jungen Referendare, die den Krieg blutjung als Flakhelfer miterlebt hatten und jetzt im Frieden eine Bugwelle von Humor, Lebens- und Abenteuerlust mitbrachten.« Ihnen, insbesondere seinem Deutschlehrer, habe er viel zu danken, meinte Böhlke - auch sein anhaltendes Interesse an der Gruppe 47.

Der Sprecher las »Inventur«, ein Gedicht des ersten Gruppe 47-Preisträgers Günter Eich. Es ist eine lakonische Aufzählung der »Überlebensgegenstände« in einem Kriegsgefangenenlager, die bis zum wichtigsten Utensil reicht, der Bleistiftmine, mit der er die erdachten Verse wenigstens festhalten kann. Anschließend zitierte Böhlke aus Heinrich Bölls erst kürzlich postum veröffentlichten Gedichten: dem nüchtern-erschütternden »Lied eines armen Soldaten« und dem wunderbar ironischen »Preußentum«, das von »Ra Ta, Tra Ra« bis »Romm Bomm Bomm« nur aus Geräusch-Silben besteht.

Damals nicht selbstverständlich: Die Gruppe 47 bot auch Autorinnen Raum. Die dritte Preisträgerin war Ilse Aichinger mit ihrer Arbeit »Spiegelgeschichte«. Böhlke las »Seegeister«, eine ihrer anderen Erzählungen. Es ist die absurde Geschichte eines Mannes in einer Notlage, der nicht um Hilfe bittet, um sein Gesicht nicht zu verlieren.

Markante Gestalten von damals tauchten in Böhlkes Erzählungen und in seiner Rezitation von Gedichten auf: Die fragile Ingeborg Bachmann, bei ihrer ersten Lesung vor der Gruppe in Niendorf »aufgeregt und den Tränen nah«, stellte er mit ihrem metaphernreichen Gedicht »Nebelland« vor. Dann Paul Celan mit seiner längst zum Klassiker gewordenen, erschütternden »Todesfuge«, die vor der Gruppe hoffnungslos floppte, und schließlich der von Hans Werner Richter »Barockdichter« genannte Günter Grass, von dem Böhlke die berühmt gewordene Kartoffelacker-Eingangsszene aus der »Blechtrommel« las.

Ein großer Vorzug des Gruppen-Porträts: Böhlke idealisierte nicht. Er sprach auch die Streitigkeiten und Rivalitäten an, das Platzhirsch-Gehabe mancher Teilnehmer, die Fehleinschätzungen wie bei Celans Gedicht.

Und die Pannen: etwa bei Wolfdietrich Schnurres nicht enden wollender Lesung, als Richter schließlich mit gesenktem Daumen ein gnädiges Verstummen auslöste. Nicht zu vergessen die Literaturkritiker, etwa Fritz Raddatz, Marcel Reich-Ranicki oder Hellmuth Karasek, die von Begeisterungsfähigkeit bis Gnadenlosigkeit über alle Register verfügten.

Visionäres Gedicht

»Er war gerade mal elf Jahre älter als ich«, sagte Böhlke über Hans Magnus Enzensberger und las dessen sarkastisches Gedicht »Letztwillige Verfügung«. Er nannte den hochgeschätzten Arno Schmidt, den Schweizer Peter Bichsel, den DDR-Bürger Johannes Bobrowski mit dem visionären Gedicht »Ansprache zu Justus’ Geburtstag« an seinen kleinen Sohn, las Wolfgang Hildesheimers ironische Kurzerzählung »Größere Anschaffung«.

»Die Werke der Gruppe 47 sind ein wesentlicher Teil in meinem Leben. Das möchte ich dankbar weitergeben«, sagte Böhlke. Der wichtigste Kommentar stammte aus dem Nachgespräch: »Das hat mir richtig Lust gemacht, mal wieder Andersch, Aichinger oder Böll zu lesen«, meinte eine Zuhörerin.

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