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»Tut-Nixe« und »Corona-Hunde«* Die häufigsten Fehler in der Hundeerziehung

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Vertrauen ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Beziehung zwischen Mensch und Hund. Nicole Beller zeigt mit ihren Labrador Retrievern, wie man Hunde beispielsweise an so eine Wippe heranführt. © Judith Seipel

Manche Tierheime wissen nicht mehr wohin mit all den Hunden, die keiner mehr haben will und deren Erziehung versäumt wurde. Ein Gespräch mit einer Hundetrainerin über sogenannte Corona-Hunde.

Man kann ohne Hund leben, es lohnt sich nur nicht.« Dass ein harmonisches Miteinander Zeit und Arbeit voraussetzt, hat der Schauspieler Heinz Rühmann, dem dieses Zitat zugeschrieben wird, nicht gesagt. Auch nicht, wie anstrengend und herausfordernd ein pubertierender Hund sein kann. Viele vierbeinige Hausgenossen, die während des Lockdowns als niedliche Welpen angeschafft wurden, sind jetzt im Flegelalter und bräuchten eigentlich klare Regeln. Herrchen und Frauchen aber müssen in ihr altes Leben zurückkehren. Manche Tierheime wissen nicht mehr wohin mit all den Hunden, die keiner mehr haben will und deren Erziehung versäumt wurde.

Frau Beller, was ist das größte Missverständnis zwischen Mensch und Hund?

Missverständnisse resultieren vor allem aus der Kommunikation, weil Mensch und Hund nicht die gleiche Sprache sprechen. Hunde kommunizieren non verbal, viel über Körpersprache. Wir Menschen neigen dazu, viel zu viel mit unseren Hunden zu reden, während diese uns genau beobachten und dabei auf unsere Mimik und Gestik achten. Wir sollten weniger reden und in unserer Körpersprache klar sein. Man kann Hunde gut über Handzeichen und Körpersprache führen. Andererseits sollte man in der Lage sein, seinen Hund zu lesen, also die Signale zu verstehen, die seine Mimik oder Körperhaltung aussenden.

Der schwanzwedelnde Hund gilt ja gemeinhin als der freundliche.

Aber ein Hund, der mit dem Schwanz wedelt, ist nicht unbedingt immer freundlich. Er zeigt lediglich einen Erregungszustand. Man sollte immer den ganzen Hund betrachten. Es kommt auch darauf an, wie er die Rute und die Ohren hält. Sind die Nackenhaare gesträubt? Erst dann kann man einschätzen, was der Hund ausdrücken möchte. Wenn es knallt, heißt es schnell, das sei aus heiterem Himmel passiert. Nein. Ehe ein Hund zubeißt, hat er schon zehnmal auf seine Art gesagt: Lass das! Man sollte seinen Hund gut beobachten, wie er sich in bestimmten Situationen verhält. Daraus kann man viel über die Kommunikation lernen.

Und was ist die größte Herausforderung in der Erziehung?

Ich würde schon vorher ansetzen. Bevor man sich einen Hund anschafft, sei es vom Züchter oder aus dem Tierschutz, sollte man sich ein paar Fragen stellen: Was will ich? Wie aktiv bin ich? Wieviel Zeit habe ich? Wie sieht unser Familienalltag aus? Da werden entscheidende Weichen gestellt. Es gibt Konstellationen, da weiß man einfach von vornherein, dass das nichts werden kann. Wenn sich ein Paar, das gerne gemütlich spazieren geht, einen jagdlich ambitionierten Hund zulegt, werden die sicher nicht glücklich miteinander. Man sollte seine Entscheidung nicht nur nach dem Aussehen treffen, sondern darauf achten, was ein Hund mitbringt. Es gibt so viele Spezialisten, deren Anlagen über Jahrhunderte gezüchtet wurden. Das kann man nicht einfach negieren. Ich biete Beratung vor dem Hundekauf an, komme dazu auch gerne ins Haus. Aber in zwölf Jahren ist das nur fünfmal nachgefragt worden.

Was sollte jeder Hund unbedingt können?

Die Basis einer gelingenden Erziehung ist eine gute Beziehung zwischen Mensch und Hund. Beziehung und Erziehung gehen Hand in Hand. Ein bisschen ist Erziehung auch Ermessenssache. Ich finde beispielsweise, dass ein Hund nicht an meinem Bein kleben muss. Unerlässlich aber ist, dass er kommt, wenn man ihn ruft. Egal, in welcher Situation. Wenn das funktioniert, hat er jegliche Freiheiten. Man sollte sich auch darüber im Klaren sein, dass Hunde ihre Grenzen austesten. Ein Leben lang. Deshalb muss man bereits in den eigenen vier Wände klare Regeln aufstellen, die es zu befolgen gilt, dann wird es auch draußen funktionieren. Es gibt viele Stellschrauben, die man nachziehen kann.

Viele Tierheime sind am Limit. Hunde, die während des Lockdowns angeschafft wurden, landen jetzt in der Abgabe, viele als schwer vermittelbar. Was ist da schiefgelaufen?

Man kann natürlich nicht alle Menschen über einen Kamm scheren, aber für einige wäre es sicher klüger gewesen, sich während der Pandemie ein Fahrrad zu kaufen, das kann man nämlich in den Keller stellen, wenn man keine Zeit oder keine Lust mehr hat. Wer sich einen Hund als Freizeitpartner und Seelentröster ins Haus geholt und vergessen hat, ihm die Hausordnung und zum Beispiel das Alleinbleiben beizubringen für die Zeit nach dem Lockdown, ist entsetzt, wenn der Hund nun Dummheiten macht und zum Beispiel die Einrichtung zerstört. Dann muss er eben weg. Die große Nachfrage hat außerdem den Welpenhandel enorm befeuert mit der Folge, dass kranke, viel zu junge Welpen oder problematische Kreuzungen unbedacht angeschafft wurden.

Wie haben Sie die letzten beiden Jahre erlebt?

Ich habe zum Glück keine krassen Erfahrungen gemacht. Man muss auch sagen, dass wir Hundeschulen während des Lockdowns gar nicht arbeiten durften. Das hat es für Ersthundehalter, die guten Willens sind und alles richtig machen wollen, natürlich erschwert. Für unsere Kunden habe ich in dieser Zeit regelmäßig Trainingsvideos gedreht und die in einer Gruppe veröffentlicht, so dass diese wenigstens Anleitungen für die Arbeit mit ihren Hunden daheim hatten.

Könnte der Hundeführerschein eine Lösung sein?

Das Problem sind nicht die Hunde, sondern die Menschen, deshalb halte ich es für unerlässlich, dass man eine gewisse Sachkunde erwirbt, ehe man sich einen Hund zulegt. In Niedersachsen ist dieser Sachkundenachweis Voraussetzung für die Hundehaltung. In Hessen jedoch gibt es noch immer keine derartige Verpflichtung. Mit finanziellen Anreizen, beispielsweise einer geringeren Hundesteuer, könnte man Menschen motivieren, sich einer Ausbildung zu stellen. Im Ergebnis würde das nicht nur vor Beißattacken schützen, sondern auch dem Tierschutz dienen. Mein Training ist auf den Erwerb des Hundeführerscheins ausgerichtet.

Man kann beobachten, dass es schon länger einen Trend zum Zweit- oder gar Dritthund gibt. Eine gute Entwicklung?

Naja, manchmal liegt dem die irrige Annahme zugrunde, dass die Hunde sich gegenseitig müde machen und sich dann gegenseitig erziehen, so dass man weniger Arbeit hat. Das Gegenteil ist aber der Fall: Hat man zwei oder drei Hunde, muss man sie auch gemeinsam und getrennt voneinander erziehen. Hart wird es, wenn man zwei Welpen gleichzeitig hat. Das kann einem schon richtig um die Ohren fliegen, wenn man sich nicht intensiv um Erziehung und Beschäftigung kümmert. Auch wird nicht jeder Hund glücklich, wenn plötzlich ein Artgenosse einzieht, denn der Mensch ist sein Sozialpartner. Der Hund aber muss mit der Konstellation klarkommen, die sein Halter geschaffen hat. Das gilt übrigens immer.

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jub_beller2_060922_4c © Judith Seipel

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